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Scheinwelten, reale Welten? – Modell-Naturen in der zeitgenössischen Fotografie

von Urszula Usakowska-Wolff (23.01.2020)
vorher Abb. Scheinwelten, reale Welten? – Modell-Naturen in der zeitgenössischen Fotografie

Shirley Wegner
Night Explosion, 2013
C-Print, 100 x 135 cm, Edition: 3/4
© Shirley Wegner / Courtesy Farideh Cadot Paris and the artist


Die kleine, umso mehr feine Gruppenschau in der Alfred Ehrhardt Stiftung stellt überzeugend dar, wie leicht wir uns von vermeintlich echten Bildern verführen und trompieren lassen.

Schneebedeckte Berge im Nebel, ein winziges Chalet auf einer grünen Kuppe zwischen riesigen Felsen, eine seltsame weiße Brücke, die in einer dunstigen Schlucht zu schweben scheint, Wetterleuchten, und immer wieder der Himmel, mal strahlend blau, mal schwarz und gestirnt, mal weiß oder grau, bunte Qualmwolken, die sich nachts bedrohlich über einer Stadt entfalten, ein abgeerntetes Feld, hinter dem sich so etwas wie eine Hauswand vor einer rötlichen Wüstenformation erhebt: Auf den ersten Blick sind es einfach Landschaften, die so majestätisch und real wirken, dass sie wahr sein müssen. Erst bei genauer Betrachtung dieser schönen, zum Teil idyllischen oder gewaltigen Naturaufnahmen kommen leise Zweifel auf. Nicht, was ihre Echtheit angeht, denn sie zeigen Vertrautes, das uns aus unseren Expeditionen in die attraktiven Gegenden dieser Welt, aus alten Gemälden, Reiseprospekten und aus den Medien bekannt ist. Doch auf den Bildern der an der Ausstellung Modell-Naturen in der zeitgenössischen Fotografie beteiligten zwei Künstlerinnen und drei Künstlern gibt es einiges, was zu Irritationen führt: die sonderbaren Proportionen und Perspektiven, die zu blassen oder zu krassen Farben, die unheimliche Ausleuchtung, die wie Plastikborsten anmutenden Stoppeln. Was jetzt in der Alfred Ehrhardt Stiftung geboten wird, ist ein beeindruckendes Naturtheater, eine Inszenierung, die zum Nachdenken über die Authentizität des Abgebildeten, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Schein, über die Echtheit und optische Täuschung anregt.



Julian Charrière
Panorama 52° 29´ 50.88´´ N 13° 22´ 19.3´´ E, 2011
C-Print, 70 x 105 cm, Edition: 1/3 + 1 AP
© Julian Charrière, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 / Courtesy Nils Petersen


Konstruktion der Illusion

Was du siehst, ist nicht das, was du meinst zu sehen: Diese Botschaft verbirgt sich in den knapp 65 Werken (Pigment oder C-Prints) von Oliver Boberg, Julian Charrière, Shirley Wegner, Thomas Wrede und Sonja Braas, darunter ihr 52-teilige Fototableau The Passage Week 01-52. Dass es sich auf den Bildern nicht um faktische Naturaufnahmen handeln kann, bringt der Ausstellungstitel Modell-Naturen unmissverständlich zum Ausdruck. Die an der Gruppenschau Beteiligten sind Meisterinnen und Meister der Illusion, die sie perfekt in Szene setzen. Sie basteln ihre verblüffend echt aussehenden Naturaufnahmen eigenhändig zusammen, fotografieren sie, um danach die Modelle wieder zu zerstören. Ihre Kunst bewegt sich zwischen Skulptur, Fotografie, Konstruktion und Destruktion, wobei die ursprünglich dreidimensionalen, als kleine Bühnenbilder gebauten Werke nur auf den großformatigen Fotografien existieren. So nehmen die Künstlerinnen und Künstler einerseits die Vergänglichkeit in Kauf, trotzen ihr andererseits mit ihren Schöpfungen, indem sie diese auf Papier verewigen. Das, was besonders ins Auge fällt, ist die Stille und die Harmonie, von denen ihre Arbeiten durchdrungen sind. Der hektischen, chaotischen, mit optischen Reizen überladenen realen Welt setzen sie ihre selbstkreierten, reduzierten und subtilen Scheinwelten entgegen. Auch wenn wir wissen, dass diese Trompe-l´œils aus dem Reich der Fantasie und Illusion stammen, lassen wir uns von ihnen gern bezirzen und verführen.



Thomas Wrede
Islands, 2008
C-Print, 120 x 95 cm, Edition: 6/7
© Thomas Wrede, VG Bild-Kunst, Bonn 2019 / Courtesy Galerie
Wagner + Partner and the artist


Pfützen als Seen, Mehl als Schnee

So baut zum Beispiel Thomas Wrede (* 1963 in Iserlohn, lebt in Münster) seine Bergansichten (Haus im Gebirge, 2007; Brücke, 2007) und Seestücke aus der Serie Real Landscapes (Islands, 2008) aus Spielzeugautos und Modellhäusern (die so klein sind wie eine Streichholzschachtel). Er stellt sie auf den Stränden der Nordseeinseln und Sandgruben so auf, dass aus einer Pfütze ein See oder ein Meer und aus einem Erdhaufen ein Gebirge oder eine Felsformation entsteht. Die fotografische Täuschung seiner Scheinwelten ist nicht das Ergebnis digitaler Bearbeitung, sondern der in einer realen Landschaft nicht vorhandenen Größenverhältnisse. Ähnlich geht auch Julian Charrière (* 1987, Morges, Schweiz; lebt in Berlin) vor. Seine drei in der Alfred Ehrhardt Stiftung gezeigten Fotoarbeiten aus der Serie Panorama (52° 29' 52.20" N 13° 22' 19.48" E; 52° 29' 51.18" N 13° 22' 17.40" E; 52° 29' 50.88" N 13° 22' 19.37" E, alle 2011) sind Darstellungen einer fragmentierten, wolkenverhangenen Berglandschaft. Doch wenn man die geografischen Koordinaten im Google eingibt, landet man auf einer (ehemaligen) Baustelle am Gleisdreieck. Der Künstler errichtete dort seine Panoramen aus dem extrahierten Boden, bedeckte sie mit Mehl und Feuerlöschschaum, um mitten in Berlin eine von der Schweiz inspirierte Landschaft zu modellieren und zu fotografieren. So konstruierte er aus diesen banalen Materialien etwas Erhabenes und Monumentales, das zugleich humorig wirkt. Vielleicht auch ein versteckter Hinweis auf die Klimaerwärmung, nach der echter Schnee immer rarer wird.



Oliver Boberg
Schatten 10 (Privatweg), 2016
Pigment Print, 53 x 59 cm, Edition: 3/5 + 2 AP
© Oliver Boberg / Courtesy L.A. Galerie – Lothar Albrecht


Inszenierte Schatten und explodierende Wattebäuschchen

Oliver Boberg (*1965 in Herten, lebt in Fürth) schafft wiederum Modelle der Unorte, welche Fragmente stereotyper, anonymer urbaner Architektur nachbilden. Seine 2016 entstandene Fotoarbeit Schatten 10 (Privatweg) zeigt einen schattigen Winkel mit einer Mauer und einer kleinen Treppe zwischen einem Holzschuppen und einem Garten. Diese Inszenierung ist so perfekt, dass es schwer fällt zu glauben, „Opfer“ einer optischen Illusion geworden zu sein. Im Gegensatz dazu legt Shirley Wegner (* 1969 in Tel Aviv, lebt in New York) Wert darauf, auf Anhieb sichtbar zu machen, dass ihre Landschaften, denen aufwendig gestaltete Bricolagen zugrunde liegen, artifiziell sind. Die israelische Künstlerin nennt ihre Schöpfungen aus gewöhnlichen Materialien wie Wattebäuschchen (Night Explosion, 2013) oder Plastikborsten (Crop, 2012) „Erinnerungsbilder“, die sich zwischen dem Realen und dem Künstlichen bewegen. Sie geht der Frage nach, ob und wie die aus dem Gedächtnis ausgegrabenen Bilder heute wirken angesichts der heruntergekommenen oder durch Kriege verwüsteten Städte, des Klimawandels und der Natur- und anderen Katastrophen.



Sonja Braas
Forces #21, 2003
C-Print, 170 x 150 cm, Edition: 4/8 + 2 AP
© Sonja Braas / Courtesy Galerie Tanit München


Naturphänomene wie Eiswüsten oder Naturkräfte wie heftige Stürme sind ein Thema, das die Werke von Sonja Braas (* 1968 in Siegen, lebt in New York) durchzieht. Auch sie sind anhand von Modellen entstanden, und so scheint ihre Dramatik (Forces # 13, 2003) stellenweise gewollt künstlich zu sein. Dagegen mutet The Passage Week 01-52 (2009-2012) wie ein fotografischer Bericht an, in dem die Künstlerin ihre vermeintliche 52-wöchige Reise in eine polarähnliche Landschaft mit je einem Bild pro Woche dokumentiert.

So lange müssen wir in den hintergründigen Modell-Naturen aber nicht verweilen, doch es ist ein optischer und ästhetischer Genuss, sie sich bedächtig und andächtig und vielleicht mehr als einmal anzuschauen.

Modell-Naturen in der zeitgenössischen Fotografie
mit Oliver Boberg, Sonja Braas, Julian Charrière, Shirley Wegner, Thomas Wrede
Kuratorin: Dr. Marie Christine Jádi
bis 26. April 2020
Alfred Ehrhardt Stiftung
Auguststraße 75, 10117 Berlin
Di-So 11-18 Uhr
www.aestiftung.de

Urszula Usakowska-Wolff

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