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Berlin Daily 25.07.2024
Gesprächsrunde "Öffentliche Räume"

19 Uhr: mit Valerie Funk, Teresa Mayr, Rosa Aue & Martine Kayser, Timm Hergert, Dr. Friederike Landau-Donnely. Im Rahmen d. Ausst. "meet me being private". Kunstbrücke am Wildenbruch | Weigandufer Ecke Wildenbruchbrücke | 12045 Berlin

Das Vergnügen des Unlesbaren. Die argentinische Konzeptkünstlerin Mirtha Dermisache

von Emma Rotermund (09.08.2024)


Das Vergnügen des Unlesbaren. Die argentinische Konzeptkünstlerin Mirtha Dermisache

Installationsansicht "Mirtha Dermisache: To Be Read" bei A—Z, mit Diario N° 1 Año 1 als Wandinstallation. Foto: Hans Georg Gaul. (c) 2024 Legado Mirtha Dermisache / Herlitzka & Co. / Estate Guy Schraenen.

Wie drückt man sich aus, wenn die politischen Umstände das Sprechen unmöglich machen? Die argentinische Konzeptkünstlerin Mirtha Dermisache (1940–2012) löste dieses Problem für sich mit dem „asemischen Schreiben“: Sie produzierte Zeichen, die an Schrift erinnern, aber keine sind. Ihre Arbeiten entstanden größtenteils während der argentinischen Militärdiktatur in den 1970er Jahren. Unter den Bedingungen politischer Unterdrückung kann die unleserliche Schrift als stellvertretend für das gesehen werden, was die Künstlerin damals nicht sagen durfte.

Die Ausstellung Mirtha Dermisache: To Be Read bei A—Z, einem Berliner Raum für experimentelles Grafikdesign, ist Dermisaches erste Einzelausstellung in Deutschland. Kuratiert wurde sie von Regine Ehleiter, Kunsthistorikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Exzellenzcluster Temporal Communities: Doing Literature in a Global Perspective der Freien Universität Berlin. Ko-Initiatorin und Ausstellungsdesignerin ist Anja Lutz, die Gründerin von A—Z.

Beim Betreten des Ausstellungsraums fallen einem zunächst die riesigen Zeitungsseiten ins Auge, die eine ganze Wand bedecken. Dabei handelt es sich um eine vergrößerte Version von Dermisaches bekanntester Publikation, dem Diario N° 1 Año 1 von 1972, das auch für die Besucher*innen zum Blättern bereitliegt. Die Arbeit nimmt, wie schon der Titel andeutet, auf die Kommunikationsform der Zeitung Bezug und ist mit Überschriften, einzelnen Artikeln und sogar Comics gefüllt – die aber alle nicht lesbar sind.

Das Diario enthält den einzigen konkreten Verweis auf die damalige politische Situation, was eine Ausnahme in ihrem Werk darstellt. Auf der letzten Seite ist ein schwarzes Rechteck zu sehen, von dem Dermisache selbst in einem Interview sagte, es beziehe sich auf das „Massaker von Trelew“ im Jahr 1972: Politische Gefangene flohen aus einem Hochsicherheitsgefängnis, wurden wieder eingefangen und erschossen. Dieses Ereignis gilt als eines der schlimmsten Massaker der argentinischen Geschichte und erschütterte Dermisache ebenso wie viele andere Argentinier*innen.

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Installationsansicht "Mirtha Dermisache: To Be Read" bei A—Z, Lesestation mit Künstler*innenbüchern zum Durchblättern. Foto: Hans Georg Gaul. (c) 2024 Legado Mirtha Dermisache / Herlitzka & Co.

Mirtha Dermisaches Schrift wandelt sich im Laufe der Zeit, wie in den chronologisch aufgereihten Künstler*innenbüchern zu sehen ist, die teils als Originale, teils als Faksimiles ausgestellt sind. Zunächst ähnelt sie mehr einer Handschrift, bis sie immer ausladender und abstrakter wird. Immer wieder erwischt man sich als Betrachterin bei dem Versuch, in den Zeichen Buchstaben oder Bilder zu erkennen, als würde man eine Geheimschrift entschlüsseln wollen. Hier ein L, dort ein Segelschiff, aber die Zeichen entziehen sich unserem Leseverständnis. Trotzdem macht die Suche großen Spaß.

Der Ausstellungstitel bezieht sich darauf, dass Dermisaches Arbeiten im Lesemodus, beispielsweise in Ausstellungskatalogen oder Künstler*innenpublikationen, wahrgenommen werden sollen, statt an die Wand gehängt zu werden. Auch in das Ausstellungskonzept wurde dieser Wunsch übertragen: Die Besucher*innen können selbst in ausgelegten Kopien der Bücher und Zeitungen blättern.

Eine ganze Ecke der Ausstellung ist dem französischen Literaturtheoretiker und Philosophen Roland Barthes gewidmet, der selbst asemische Schriften produzierte und prägend für Dermisaches Karriere war. In einem Brief drückte er seine Bewunderung für ihre Arbeit aus. Das bestärkte sie einerseits in ihrem Selbstverständnis als Künstlerin – insbesondere, weil Barthes ihr die Bestätigung gab, dass das, was sie tat, tatsächlich Schreiben war –, auch sorgte Barthes’ Interesse für mehr Anerkennung von außen und Bekanntheit.

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Installationsansicht "Mirtha Dermisache: To Be Read" bei oxfordberlin. Foto: Hans Georg Gaul. (c) 2024 Legado Mirtha Dermisache / Herlitzka & Co.

Ein zweiter Teil der Ausstellung ist im Projektraum oxfordberlin zu sehen, einer Schautafel an einer Hauswand im Wedding. Zwei Briefe hängen dort nebeneinander, mit schwungvollen Schriftzeichen gefüllt. In Verbindung mit der Tafel erinnert die Arbeit an eine Mitteilung für die Anwohner*innen oder ein politisches Flugblatt – tatsächlich wird die Tafel außerhalb von Ausstellungen für Ankündigungen aller Art genutzt. Die Verbreitung ihres Werks auch außerhalb eines Ausstellungsraums dürfte in Mirtha Dermisaches Sinne sein: Kunst für alle möglichst zugänglich zu machen.

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Porträt von Mirtha Dermisache mit ihrem ersten Künstler*innenbuch Libro N° 1 (1967), Buenos Aires, 1967. (c) 2024 Legado Mirtha Dermisache / Centro de Estudios Espigas / UNAM, Buenos Aires.

Dazu passend fand am 7. Juni im Rahmenprogramm der Ausstellung ein Workshop statt, bei dem die Teilnehmenden sich gemeinsam am asemischen Schreiben versuchen konnten und gemeinsam ein „Asemic Journal“ erstellten. Am 18. Juli werden ab 18.30 Uhr von internationalen Künstler*innen und Wissenschaftler*innen weitere Künstler*innen-Publikationen mit unlesbaren Schriftzeichen bei der hybriden Veranstaltung Reading Artists’ Books: Asemic Writing vorgestellt.

Die Ausstellung läuft vom 7. Juni bis zum 11. August 2024.

Die Publikation zur Ausstellung steht hier kostenlos zum Download zum Download zur Verfügung.

A—Z
Torstraße 93
10119 Berlin
Donnerstag, 14 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung;

Projektraum oxfordberlin
Oxforder Straße 3-11
13349 Berlin
durchgehend (öffentlich zugänglich)

Gastbeitrag

Emma Rotermund

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Daten zu Mirtha Dermisache:


- 10th Mercosul Biennial 2015


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