Ausstellungsansicht: © Mirae kh Rhee, Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst, Foto Mirjam Lotz

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Die Künstlerin Mirae kh Rhee beschreibt ihre Ausstellung als Ergebnis einer langjährigen Auseinandersetzung mit Identität, Herkunft sowie Vergangenheit und Zukunft. Während ihres Studiums, erzählt sie, sei ihr immer wieder ein Kunstverständnis vermittelt worden, das Kunst als autonom, universell und von jeder Biografie gelöst begreife. „Weiterreichen / Hand-Me-Down“ widerspricht genau diesem Ideal der Kunst „um der Kunst willen“.

Als Teil der Programminitiative „Das Kollaborative Museum“ ist die Ausstellung in die Sammlungspräsentation des Museums für Asiatische Kunst integriert. Die Werke der interdisziplinären Künstlerin beanspruchen den Raum nicht für sich. Wer ihre Arbeiten sehen will, muss sie suchen; wer zufällig auf sie stößt, bemerkt oft erst beim Lesen der Objekttexte, dass hier etwas die Ordnung der Sammlung irritiert.

Gerade darin liegt die Qualität der Ausstellung. Rhee verhandelt Identität, kulturelles Erbe und Zugehörigkeit nicht nur als persönliche Themen, sondern nutzt sie, um den Ausstellungsraum selbst zu befragen. Aus der Präsentation von Objekten wird eine Auseinandersetzung mit Repräsentation, aus der Sammlung die Frage nach dem Sammeln selbst.

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Ausstellungsansicht: © Mirae kh Rhee, Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst, Foto Mirjam Lotz

Das Museum für Asiatische Kunst befindet sich seit 2021 im dritten Stock des Humboldt Forums im Berliner Schloss. Seine Geschichte reicht bis in die Brandenburgische Kunstkammer zurück, in deren Inventar bereits einige der heutigen Sammlungsobjekte verzeichnet waren.

Das Machtinstrument „Wunderkammer“ hallt in den Sälen des Museums bis heute nach. In Mirae kh Rhees andauernder Arbeit „Wunderkammerkŏri“ wird das Prinzip des Sammelns aufgegriffen und zugleich verfremdet. Die koreanische Nachsilbe kŏri als Angabe einer „Vielzahl von Objekten“ unterstreicht die Bedeutung des Sammelns, verschiebt aber auch die Praxis der Wunderkammer grundlegend: Rhees Sammlung ist kollektiv, die Objekte von verschiedensten Einzelpersonen eingereicht. Es entsteht ein Geflecht aus Bezügen, Ordnungen und einer Logik persönlicher Erinnerungen vieler, anders als die Logik von Klassifizierung und Aneignung der historischen Wunderkammer.

Die Ästhetik dieser Verschiebung gleicht weniger einem Protest als einer leisen Unterwanderung. Rhees Arbeiten protestieren nicht gegen die Sammlung, sondern bewohnen sie. Gerade weil sie sich nicht demonstrativ absetzen, besteht das Potenzial, dass sie den Blick auf das bereits Vorhandene verändern können. Darin liegt allerdings auch das Dilemma der Ausstellung. Ist sie am Ende Intervention oder doch Dekoration?

Die Sammlungspräsentation des Museums für Asiatische Kunst ist groß, dicht und vielfältig. Wer ohne Vorwissen durch die Räume wandert, wird Mirae kh Rhees Arbeiten vielleicht nie bemerken.
Das Risiko der Unsichtbarkeit ist so kuratorisch wie symptomatisch. Es verweist auf eine Frage, die Name und Erbe des Museums für Asiatische Kunst gleichermaßen aufwerfen. Rhees Kritik richtet sich gegen einen westlich geprägten Kunstbegriff, der ästhetische Erfahrung von Herkunft, Funktion und sozialem Kontext trennt und Kunst als autonome Kategorie versteht. Ein Kunstbegriff, der als Selbstzweck seinen Eigenwert deklariert, zugleich aber Metriken wie Herkunft und Kontext zu neutralisieren versucht, ist keineswegs universal, sondern historisch gewachsen und kulturell situiert. Rhees Arbeiten machen diesen Mechanismus sichtbar. Sie fragen, wessen Geschichten ein Museum erzählt, was ein Objekt unter fremden Blicken wird und ob beim Weiterreichen nur Formen oder auch Kontexte überliefert werden.

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Ausstellungsansicht: © Mirae kh Rhee, Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Asiatische Kunst, Foto Mirjam Lotz

Wer in die Sammlungspräsentation eintritt, bringt den eigenen Blick mit; oft einen, der das Fremde bestaunt, klassifiziert und ästhetisiert, die Wunderkammer sehen möchte. Rhees Arbeiten problematisieren diesen Prozess. Doch wenn die Betrachtenden nicht wissen, dass sie gerade mit ihrem eigenen Blick konfrontiert werden, bleibt die Intervention stumm. Dies ist die strukturelle Zwickmühle der institutionskritischen Kunst aus der Institution heraus: Sie setzt ein Publikum voraus, das bereit ist, sich stören zu lassen.

Mirae kh Rhee
Weiterreichen / Hand-Me-Down

18. Juni 2026 – 16. Februar 2027

Öffnungszeiten:
Mi-Mo, 10:30 – 18:30 Uhr

Museum für Asiatische Kunst
Humboldt Forum (Dritter Stock)
Schloßplatz
10178 Berlin
www.humboldtforum.org
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Silent Intervention: The Artist Mirae kh Rhee at the Museum of Asian Art
von Carla Huttenloher

The artist Mirae kh Rhee describes her exhibition as the result of a long-standing engagement with identity, origin, as well as the past and future. During her studies, she recounts, she was repeatedly taught a concept of art that understands it as autonomous, universal, and detached from any biography. „Weiterreichen / Hand-Me-Down“ directly contradicts this ideal of “art for art's sake.”

As part of the “Das Kollaborative Museum” (The Collaborative Museum) program initiative, the exhibition is integrated into the collection display of the Museum für Asiatische Kunst (Museum of Asian Art). The works of this interdisciplinary artist do not claim the space for themselves. Those who wish to see her works must search for them; those who stumble upon them by chance often only realize through reading the object labels that something here is disrupting the order of the collection.

It is precisely here that the quality of the exhibition lies. Rhee does not only negotiate identity, cultural heritage, and belonging as personal themes but uses them to interrogate the exhibition space itself. The presentation of objects becomes an engagement with representation; the collection becomes a question about the act of collecting itself.

Since 2021, the Museum für Asiatische Kunst has been located on the third floor of the Humboldt Forum in the Berlin Palace. Its history dates back to the Brandenburg Kunstkammer, whose inventory already included some of the objects now in the collection.

The Wunderkammer as an instrument of power still resonates in the museum’s galleries today. In Mirae kh Rhee´s ongoing work „Wunderkammerkòri“, the principle of collecting is both adopted and alienated. The Korean suffix kŏri, used to denote a ‘multitude of objects’ emphasises the importance of collecting, as a gathering, yet fundamentally shifts the practice of the Wunderkammer: Rhee's collection is collective, with objects submitted by various individuals. What emerges is a web of references, orders, and a logic of personal memories belonging to many—distinct from the logic of classification and appropriation of the historical Wunderkammer.

The aesthetic of this shift resembles less a protest than a quiet subversion. Rhee's works do not protest against the collection; they inhabit it. Precisely because they do not demonstratively set themselves apart, they possess the potential to change the view of what is already there. However, this also constitutes the exhibition's dilemma: Is it ultimately an intervention or merely decoration?

The collection display of the Museum für Asiatische Kunst is vast, dense, and diverse. Those wandering through the rooms without prior knowledge might never notice Mirae kh Rhee's works. This risk of invisibility is as much curatorial as it is symptomatic. It points to a question raised equally by the name and heritage of the Museum für Asiatische Kunst. Rhee's critique is directed against a Western-centric concept of art that separates aesthetic experience from origin, function, and social context, viewing art as an autonomous category. A concept of art that declares its intrinsic value as an end in itself, while simultaneously attempting to neutralize metrics such as origin and context, is by no means universal but historically grown and culturally situated. Rhee's works make this mechanism visible. They ask whose stories a museum tells, what an object becomes under foreign gazes, and whether, in the process of “passing on,” only forms or also contexts are handed down.

Anyone entering the collection display brings their own gaze; often one that marvels at, classifies, and aestheticizes the “foreign,” wishing to see the Wunderkammer. Rhee's works problematize this process. Yet, if viewers are unaware that they are being confronted with their own gaze, the intervention remains silent. This is the structural catch-22 of institutional critique from within the institution: it presupposes an audience willing to be disturbed.