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Bereits seit 1973 leistet Analivia Cordeiro (*1954) mit ihrer Kunst Pionierarbeit. In einer Zeit, in der in Brasilien keine VHS-Videokamera existierte, fand Cordeiro einen Weg, im Dialog mit einem Computerprogramm eine Choreografie für Tänzer*innen und Kameraleute zu erstellen. Diese setzt sich als Computer Dance zu einem Regieplan zwischen Mensch und Maschine um und lässt so eine völlig neue Form des Tanzes entstehen. Nun – gut 50 Jahre später – sind drei von Cordeiros frühen Arbeiten unter dem Titel Computer Dance im KinoKiosk des Kunstraums Kreuzberg/Bethanien zu sehen. Es ist die erste Ausstellung der Künstlerin in Berlin.
Als Tänzerin interessierte sich Analivia Cordeiro früh dafür, Bewegungen filmisch einzufangen. Sie störte sich jedoch an den mangelnden Möglichkeiten, diese abzuschreiben und in Choreografie zu übersetzen. Anhand ihrer Arbeit M3X3 (1973) lässt sich ihre computergeleitete Bewegungsforschung als frühe Form des Motion Capture (dt. etwa „Bewegungserfassung“) erklären: Cordeiro arbeitet mit sechs Zahlen, die jeweils auf Punkte des Körpers wie den linken und rechten Arm, den Oberkörper und den Kopf verweisen. Diese werden von einem Computerprogramm als Zahlenfolge, also als Code, ausgegeben: die computergenerierte Choreografie.
Was auf dem kleinen Röhrenbildschirm am Ende zu sehen ist, ist eine hochkontrastierte Tanzszene in Schwarz und Weiß. Die Tanzgruppe erscheint den Betrachtenden als hochstilisierte Strichfiguren in einem weißen, ebenfalls mit einem schwarz gestrichelten Raster versehenen Raum, mit dem sie je nach Bewegung zu verschmelzen scheinen. Im visuellen Mittelpunkt der Arbeit stehen Geometrie und Binarität. Die technisch erstellten und wie mechanisch ausgeführten Bewegungen der Tanzenden lassen zusätzlich eine Assoziation der Konformität entstehen, die allerdings durch die Andersartigkeit individueller Bewegungen im Kollektiv der Tanzgruppe aufgebrochen wird. M3X3 kann durchaus auch als Kommentar zu seiner Zeit verstanden werden: zur Sogwirkung der Massenmedien, die Menschen in „Objekte ohne Identität“ verwandelten, aber auch zur brasilianischen Militärdiktatur, die dem Individuum seine Identität raubte und blinden Gehorsam forderte.
Die Ausstellung wird von der Plattform attaque[e]r le visible initiiert, die sich dem Experimentalfilm und seinen Kontexten verschrieben hat. Die Kuratorin Lawinia Rate sieht in den Limitierungen des Raumes Möglichkeiten. Es war eine bewusste Entscheidung, die drei Videoarbeiten der Künstlerin nicht in großformatigen Projektionen, sondern auf langen Röhrenfernsehern zu zeigen, deren kleines Format jeweils nur ein Paar Augen zulässt. Im Zusammenspiel mit dem Ausstellungsdesign von Chace Wai Shan Ho ist ein temporärer Ort entstanden, der die drei Arbeiten Cordeiros umhüllt wie eine stille, dunkle, aber warme Hülle. Die Bögen und Kanten des Raumes greifen im Wechselspiel mit den leeren Wandflächen die Binarität des Schwarz-Weiß auf. Die hohen Wände werden subtil von zugeschnittenen Figuren geziert, die Positionen aus den Choreografien der Künstlerin aufgreifen und mittels einer Lichtquelle einen weichen Schatten an die Wand werfen.
Diese Bewegungsskizzen verweisen außerdem auf einen analogen Teil von Analivia Cordeiros Prozess: Im Brasilien der 1970er-Jahre gab es keine Möglichkeit, den Code des Computers digital grafisch beziehungsweise visuell umzusetzen. So skizzierte Cordeiro ihre Choreografie von Hand als Strichfiguren, um die Bewegungsfolgen begreifbar zu machen. 0° <=> 45° entstand zwischen 1974 und 1975 als Solotanz und greift die visuelle Inszenierung sowie den digital-analogen Prozess des vorhergehenden Werkes auf. Diese handgefertigten Skizzen dieses Prozesses werden zu einer Notation, aus der die Künstlerin und weitere Projektbeteiligte lesen können.
Bis Ende der 1980er-Jahre entsteht die Version III der Solochoreografie. An dieser dritten Arbeit lassen sich der technische Fortschritt sowie der künstlerische Abstrahierungsprozess ablesen: Cordeiro arbeitet nun mit Farbfilm. Körper und Hintergrund heben sich stark voneinander ab, wobei die starke Kontrastierung der früheren Arbeiten von einer „Weichheit“ abgelöst wird, die auch die Raumgestaltung der Ausstellung mit ihren weichen Lichtquellen aufzugreifen scheint. Durch das Filmen in Nahaufnahme und die Montage nun endlich computergenerierter Strichfiguren als Notation lässt sich die Choreografie am tanzenden Körper nicht mehr nachvollziehen, sondern nur noch fragmentarisch wahrnehmen.
Ähnlich wie die Ausstellung selbst überlässt diese spätere Arbeit mit ihren kurzen Einblicken viel der Neugierde und Vorstellungskraft ihres Publikums. Die kleine Schau ist in sich geschlossen und dennoch geistig offen. Sie ist reich an Assoziationen und hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Am 1. November gibt es mehr: Zur Finissage ist bei einer Performance von Gissauro eine weitere Iteration der choreografischen Arbeit Analivia Cordeiros zu sehen, die eng an der Entwicklung des Performanceprogramms beteiligt war.
Analivia Cordeiro
Computer Dance
3. Oktober – 1. November 2026
Öffnungszeiten:
täglich 10 – 20 Uhr
KinoKiosk
Kunstraum Kreuzberg/Bethanien
Mariannenplatz 2
10997 Berlin
kunstraumkreuzberg.de
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A Dance with the Computer. Attaque[e]r le visible features Analivia Cordeiro
(Carla Huttenloher)
Since 1973, Analivia Cordeiro (b. 1954) has been doing pioneering work with her art. In an era when VHS video cameras did not yet exist in Brazil, Cordeiro found a way to create choreography for dancers and camera operators in dialogue with a computer program. This is implemented as a Computer Dance a directorial plan between human and machine, giving rise to a completely new form of dance. Now—some 50 years later—three of Cordeiro’s early works are on view under the title “Computer Dance” at the KinoKiosk of Kunstraum Kreuzberg/Bethanien. It is the artist's first exhibition in Berlin.
As a dancer, Analivia Cordeiro was interested early on in capturing movement on film. However, she was troubled by the lack of possibilities for transcribing and translating these into choreography. Using her work M3X3 (1973) as an example, her computer-guided movement research can be explained as an early form of motion capture: Cordeiro works with six numbers, each referring to points on the body such as the left and right arms, the torso, and the head. These are output by a computer program as a sequence of numbers—that is, as code: the computer-generated choreography.
What is ultimately seen on the small CRT screen is a high-contrast dance scene in black and white. The dance troupe appears to the viewer as highly stylized stick figures in a white space also marked with a black dashed grid, with which they seem to merge depending on their movement. Geometry and binarity are at the visual center of the work. The technically created and mechanically executed movements of the dancers additionally evoke an association with conformity, which is, however, broken by the distinctiveness of individual movements within the collective of the dance troupe. M3X3 can certainly be understood as a commentary on its time: on the pull of mass media, which transformed people into "objects without identity," but also on the Brazilian military dictatorship, which robbed individuals of their personal identity and demanded blind obedience.
The exhibition was initiated by the platform attaque[e]r le visible, which is dedicated to experimental film and its contexts. Curator Lawinia Rate sees opportunities in the limitations of the space. It was a conscious decision not to show the artist’s three video works in large-format projections, but on long tube televisions (CRTs), whose small format allows only one pair of eyes at a time. In interaction with the exhibition design by Chace Wai Shan Ho, a temporary space has been created that envelops Cordeiro’s three works like a silent, dark, yet warm shell. The arches and edges of the room, in interplay with the empty wall surfaces, echo the binarity of black and white. The high walls are subtly adorned with cut-out figures that take up positions from the artist’s choreographies and cast a soft shadow on the wall by means of a light source.
These movement sketches also refer to an analogue part of Analivia Cordeiro’s process: in 1970s Brazil, there was no way to digitally visualize the computer’s code graphically. Thus, Cordeiro sketched her choreography by hand as stick figures to make the movement sequences comprehensible. 0° <=> 45° was created between 1974 and 1975 as a solo dance and takes up the visual staging as well as the digital-analogue process of the previous work. These handmade sketches of this process become a notation from which the artist and other project participants can read.
Version III of the solo choreography was created by the late 1980s. In this third work, technical progress and the process of artistic abstraction can be observed: Cordeiro now works with color film. Body and background stand out sharply from each other, whereby the strong contrast of the earlier works is replaced by a “softness” that also seems to be picked up by the exhibition’s spatial design with its soft light sources. Through filming in close-up and the montage of—now finally—computer-generated stick figures as notation, the choreography can no longer be traced on the dancing body, but can only be perceived fragmentarily.
Similar to the exhibition itself, this later work with its brief insights leaves much to the curiosity and imagination of its audience. The small show is self-contained and yet intellectually open. It is rich in associations and leaves a lasting impression. On November 1, there is more: at the finissage, another iteration of Analivia Cordeiro’s choreographic work, which was closely involved in the development of the performance program, can be seen in a performance by Gissauro.






