(Einspieldatum: 30.05.2007)

Joe Coleman "Internal Digging" - Eine Ausgrabungsstätte der etwas anderen Art

Es ist eine ungewöhnliche Ausstellung mit der Susanne Pfeffer ihr Debüt als neue Kuratorin in den KW Institute for Contemporary Art feiert. Sie entführt die Besucher in das unheimliche Universum des New Yorker Undergroundkünstlers Joe Coleman.
Coleman ist ein obsessiver Geschichtenerzähler, seine unglaublich kleinteiligen, detaillierten und farbgewaltigen Bilder- / Textkompositionen sind das Ergebnis einer akribischen Recherchearbeit und Auseinandersetzung mit dem Abgründigen unserer menschlichen Existenz.
Mit Referenzen aus der Populär- und Subkultur, wie auch der Kunst- und Kulturgeschichte thematisiert er in seinen Bildern Trauma und Wahnsinn, Angst und Leiden, Glaube und Religion, Obsession und Perversitäten, Gewalt und Verbrechen, sowie alle Formen von Skurrilitäten.
Dabei arbeitet er mit einer heute außergewöhnlichen Maltechnik, indem er über einen sehr lagen Zeitraum hinweg mit einem Zweihaarpinsel und einer Restauratorenlupe seine Bilder komponiert.
Diese erinnern in ihrer Formensprache an Renaissancegemälde, Ikonenmalerei, aber auch an die neue deutsche Historienmalerei der 80er Jahre und an amerikanische Comics der 50er Jahre. Die Bilder in ihrer häufigen Kombination aus einem Portrait und einer dieses scheinbar chaotisch umringenden Labyrinthwelt aus ornamentalen Miniaturszenen sowie Textblasen und -bändern, bergen beim genaueren Hinsehen dann doch eine innere Ordnung und Botschaft.

Colemans Arbeiten ermöglichen tiefe Einblicke in die amerikanische Kulturgeschichte und Gesellschaft, jedoch ist es keine glorreiche Erfolgsgeschichte, die er erzählt. Es sind Anti-Helden, Ikonen der Gewalt, Personifikationen des Abseitigen, die er in seinen Arbeiten portraitiert. Es sind keine gewöhnlichen Portraits, sondern Bilderkosmen, die versuchen sich dem Leben und den Legenden von Dissidenten wie Serienmördern, Kannibalen, Prostituierten, Hillibillies und Zirkusmenschen anzunähern.
Die Geister, die ich rief... Bekommt jede Gesellschaft die Gewalt, die sie verdient, wie Joe Coleman es formulierte?
Der fanatische Maler, Comiczeichner, Performer, Schauspieler und Sammler, der seit seiner Kindheit den Zwang verspürte, künstlerische Ausdrucksformen für seinen Umgang mit der Gesellschaft, ihren tiefen Ängsten und Sehnsüchten zu finden, zeigt erstmals eine umfassende Retrospektive.

Susanne Pfeffer über ihre erste Ausstellung in Berlin im Interview:

Hannah Beck-Mannagetta: Was hat Susanne Pfeffer zu diesem ungewöhnlichen Auftakt bewegt, hat sie ein Faible für das Dissidente?

Susanne Pfeffer: Ich glaube, ich finde immer spannender, was nicht so vorhersehbar ist und was mir vielleicht auch selbst fremd ist. Letztendlich halte ich mich auch für den normalen Betrachter und Besucher und glaube immer daran, wenn ich von irgendetwas total in den Bann gezogen werde, dass das vielen anderen Menschen dann genauso geht. Das hoffe ich auch bei dieser Ausstellung.

H.B.-M.: Wieso haben Sie sich bei Ihrem Ausstellungsdebüt in den KW für eine Einzelausstellung entschieden?

S.P.: Es hat sich so ergeben. So eine Einzelausstellung ist immer ein klares Statement. Bei einer Gruppenausstellung gibt es immer verschiedene Positionen, da kann man eher jeden Geschmack mal treffen. Gerade am Anfang fand ich es besser, so ein klares Statement zu setzen.

H.B.-M.: Hätten Sie den Künstler auch in Bremen ausgestellt, oder ist Coleman bewusst für Berlin und die KW ausgewählt worden? Das ist schon mutig, so einen Außenseiter auf immerhin 2000 qm Ausstellungsfläche zu zeigen.

S.P.: Nein, ich wusste schon früher von ihm und hätte seine Arbeit auch in Bremen gezeigt. Auch dort habe ich experimentell gearbeitet und internationale Positionen gezeigt. Provinz ist immer nur da, wo man sie zulässt und Provinz ist auch in Berlin. Aber es gehört ja auch zum Selbstverständnis der KW, unerprobte Positionen zu zeigen und ein Risiko zu fahren. Also passt die Ausstellung schon auch gut hierher.
Wenn man in dem Prozess der Zusammenarbeit mit dem Künstler zusammenwächst und sich gegenseitig vertraut und so überzeugt ist von seiner Arbeit, fällt das Wagnis nicht mehr so schwer. Gerade bei einem Künstler wie Joe Coleman, der schon über 30 Jahre ein umfangreiches Werk geschaffen hat, das jenseits des Kunstbetriebes bestand. Natürlich gibt es auch nicht viele noch weitgehend unbekannte, nicht etablierte Künstler, die in der Lage sind, so einen großen Raum wie die KW zu füllen.

H.B.-M.: Wo sind Sie auf Coleman aufmerksam geworden?

S.P.: Ein befreundeter Künstler hatte die Arbeit von ihm in NY gesehen und hat mich darauf aufmerksam gemacht, weil er wußte, dass ich Sachen mag, die sich jenseits des Mainstreams verorten. Als ich mir die Arbeit dann angeschaut hatte, war ich total begeistert.

H.B.-M.: Wenn man am Anfang vielleicht skeptisch ist, tritt ein ganz anderes Moment ein, wenn man die Arbeit dann wirklich gesehen hat und sich darauf einlässt.

S.P.: Ja, das ist ganz wichtig bei Joe Coleman, dass man, wie auch der Ausstellungstitel sagt: "Internal Digging", also "to dig", sich selbst darauf einlassen muss und sich eingraben kann in diese Intensität und die Dichte dieses Werks, das einen dann auch unweigerlich in seinen Bann zieht.

H.B.-M.: Ich habe den Eindruck, dass bei der Person Coleman Leben und Werk ganz eng miteinander verbunden sind und, dass auch der Aspekt des Künstlers als fanatischer Sammler von Kuriositäten zum Gesamtkonzept dazu gehört.

S.P.: Genau, und wenn man die Ausstellung sieht, eröffnet sich einem auch, auf wie vielen verschiedenen Ebenen das alles miteinander verwoben und verflochten ist. Dadurch, dass Leben und Werk so koheränt sind bei ihm, ist es auch ein "Internal Dig" in Joe Coleman. Die Kuriositäten, die wir ausstellen, sind ja Teil des so genannten Odditoriums und das wiederum ist ein wesentlicher Teil seiner Lebens- und Arbeitswelt in Brooklyn. Wir ermöglichen also einen Einblick in seinem Kosmos, der sehr dicht ist und sich auf den verschiedensten medialen Ebenen abspielt.
Als wir dann über die Konzeption der Ausstellung gesprochen haben, waren wir vom Ansatz gleich sehr ähnlich. Also es war klar, dass man auch das Odditorium und seine Comics zeigt. Jedoch war Coleman auch davon überrascht, weil er in der Form bisher noch keine Ausstellung hatte und fand das ganz großartig. Und mir war wichtig: Wenn Joe Coleman, dann richtig und alle Aspekte seines Werkes.

H.B.-M.: Vielleicht können Sie kurz erläutern, wie die Ausstellung aufgebaut ist?

S.P.: Es war die Absicht, die verschiedenen Stränge seiner Arbeiten aufzuzeigen. In den einzelnen Etagen finden sich verschiedene Themenkreise parallel zu den spezifischen Präsentationsformen: Der große Raum im Erdgeschoss ist dem "Odditorium" gewidmet. "Odd"; bedeutet "seltsam". Dort, sind einzelne Exponate aus seinem persönlichen Kuriositätenkabinett zu sehen, die er über die Jahre zusammengetragen hat: Zirkuswägen, Wachsfiguren, Reliquien, Präparate usw.. Der Raum erinnert an die Wunderkammer als erste öffentliche Präsentationsform des Museums. In der 1. Etage werden in der Form der Gemäldegalerie die Porträts gezeigt, die historische Bezüge aufweisen und ikonographisch vom Aufbau und von der Erzähltechnik sehr kunsthistorisch sind. In der 2. .Etage befinden sich die Straßenszenen und Arbeiten, die um einiges zeitgenössischer sind. Hier in der Präsentationsform des White Cube. Und in der 3. Etage ist das multimediale Kabinett, wo es sich um Pulp, Pop und Fiction dreht und seine Comics, Screwmagazines, Performances und Filme ausstellt werden, die - ähnlich wie das Odditorium - als Referenzsystem verstanden werden können.

H.B.-M.: Es ist sehr angenehm für den Betrachter, dass die Ausstellung nicht mit Bildern und Exponaten überfrachtet ist. Diese Reduktion war sicher notwendig bei einem Künstler, der so dichte Bilder schafft.

S.P.: Ja, darüber haben wir lange diskutiert, weil ein Künstler immer alles zeigen möchte. Aber es war wichtig, eine Konzentration zu haben. Wir zeigen jetzt 30 Arbeiten, aber ich denke, es ist trotzdem noch wahnsinnig viel zu sehen. Man hätte fast nur ein einziges Bild hängen können.

H.B.-M.: Der Betrachter tritt sehr nah an die Arbeiten und den Menschen Coleman heran - über die Themen, die sich offenbaren - auch beim Odditorium ist man hautnah mit seiner Obsession und den Exponaten konfrontiert. Genauso bei den Comics, die so etwas Haptisches haben.

S.P.: Es ist ein sehr intimes und individualistisches Werk. Auch weil er lange Zeit jenseits des Kunstbetriebes gearbeitet hat. Er ist ja im Kunstkontext bisher noch gar nicht so breit wahrgenommen worden, die wenigsten werden ihn kennen, den wenigsten Leuten aus dem Kunstbetrieb sagt der Name Joe Coleman etwas. Natürlich gibt es Szenen des amerikanischen Undergrounds, die Comicszene usw., in denen er auch sehr bekannt ist, aber im Kontext der Bildenden Kunst, obwohl er ganz kurz Kunst studiert hat, ist sein Werk eigentlich überhaupt nicht rezipiert worden. Dadurch hat sich auch eine gewisse Haltung bei ihm entwickelt.

H.B.-M.: Dem Kunstbetrieb gegenüber?

S.P.: Ja, aber ich meine vor allem, dass er sehr autark und in sich geschlossen arbeitet. Auch wenn er dem amerikanischen Underground angehört, gehört er jetzt keiner bestimmten Gruppe zu. Dadurch ist es ein wahnsinnig individualistisches Werk, ein eigener Blick, eine eigene Machart und auch die Technik, - ich wüsste niemanden, der heute noch so malt - die Formensprache, die wie aus einer anderen Zeit zu kommen scheint.

H.B.-M.: Aber ist Coleman nicht doch Teil einer bestimmten Szene und Lebenskultur?

S.P.: Doch, das schon. Es gibt da ganz wichtige Bezugspunkte wie insbesondere Coney Island, die Zirkus- und Kuriositätenkabinette, die Bikerszene, die Tattooszene, oder auch Trash, auf seiner Hochzeit war John Waters und er ist mit Asia Argento befreundet. Die ganze Pulp- und B-Movieszene, aber er ist auch mit Jim Jarmusch bekannt, der wieder für eine ganz andere Richtung steht. Faszinierend ist, dass er eine ganz eigene Persönlichkeit ist und dadurch auch ein ganz eigenes Werk geschaffen hat.

H.B.-M.: Und was werden wir als Nächstes von Ihnen sehen, welche Pläne haben Sie für die KW?

S.P.: Die jetzige Ausstellung ist immer die wichtigste und über die kommende Ausstellung kann man dann sprechen, wenn sie da ist. Jede Ausstellung steht für sich und auf jede Ausstellung baut wieder die nächste auf. Aber man kann nicht sagen, dass die Joe Coleman Ausstellung wegweisend für die anderen Ausstellungen wäre. Ich glaube eher, dass ich jetzt genauer weiß, was ich nicht machen möchte. Ich fände es falsch für eine Institution wie die KW es sind, einfach nur einen Masterplan abzuarbeiten.

H.B.-M.: Also keine konkrete Andeutung, was uns erwarten wird?

S.P.: Ich finde es wichtig, offen zu sein. Dafür standen die KW auch immer im Gegensatz zu einem Museum, das über Jahre hinweg seine Ausstellungen plant. Es werden immer andere und neue Aspekte aufgegriffen werden. Ich möchte da keine Türen zuschlagen, die eigentlich noch offen stehen.

Vielen Dank für das Gespräch!



Joe Coleman �Internal Digging� Vom 27. Mai bis 12. August 2007

Rahmenveranstaltungen:

Mittwoch, 30. Mai, 19 Uhr

JC�S APPEARANCE
Joe Coleman im Gespräch mit Susanne Pfeffer

Donnerstag, 21. Juni, 20 Uhr

R.I.P. Rest in Pieces
A Portrait of Joe Coleman
Director: Robert-Adrian Pejo, 1997 / 88 min

Black Hearts Bleed Red
Director: Jeri Cain Rossi, 1992 / 15 min
Starring: Joe Coleman


JC�S IMPORTANT FILMS

Donnerstag, 28. Juni , 20.00 Uhr

Häxan
Director: Benjamin Christensen, 1922 / 104 min

Donnerstag, 19. Juli, 20.00 Uhr

Freaks
Director: Tod Browning, Starring: Johnny Eck, 1932 / 64 min

Donnerstag, 9. August, 20.00 Uhr

Maniac
Director: Dwain Esper, 1934 / 67 min

Nähere Informationen unter: www.kw-berlin.de

KW INSTITUTE FOR CONTEMPORARY ART
Auguststr. 69, 10117 Berlin
Öffnungszeiten:
Di bis So: 12 - 19 Uhr
Do 12 - 21 Uhr

Abb.:
The Phylosophy of Humbug (P.T.Barnum), 2000
Acryl auf Holz, Clown-Kostüme, 71,1 x 86,4 cm
U.S. Collection


KW Coleman 01
And a Child Shall Lead Them (Mary Bell), 2000
Acryl auf Holz / Acrylic on panel
71,1 x 86,4 cm Courtesy the artist



Joe Coleman neben Wachsfigur der heiligen Agnes (Odditorium)


Joe Coleman neben seiner Arbeit: As you look into the eye of the cyclops, so the eye of the cyclops looks back into you,
2003, Mixed Media 167,6 x 95,3 x 53,3 cm


KW Coleman 04
I Am Joe's Fear of Disease,
2001
Acryl auf Holz / Acrylic on panel 71,1 x 86,4 cm
The Cartin Collection, Hartford, Connecticut

Hannah Beck-Mannagetta

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Kataloge/Medien zum Thema: Joe Coleman

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Titel zum Thema Joe Coleman:

KW Institute for Contemporary Art wiedereröffnet
Der Ausstellungsbetrieb der Kunstwerke, der seit seit dem 14. August ruhen musste, hat heute (25.8.07) wieder begonnen. Allerdings muss die für September geplante Ausstellung "...5 Minutes later" aufgrund der baulichen Situation verschoben werden.

Ausstellungsbetrieb der KW Institute for Contemporary Art unterbrochen
Aufgrund von Baumaßnahmen auf dem Nachbargrundstück muss der Ausstellungsbetrieb der KW Institute for Contemporary Art vorübergehend geschlossen werden. Die Ausstellung "Internal Digging" mit Arbeiten von Joe Coleman ...

Joe Coleman "Internal Digging" - Eine Ausgrabungsstätte der etwas anderen Art
Ausstellungsbesprechung + Interview: Hannah Beck-Mannagetta sprach für art-in-berlin mit der neuen Kuratorin der KW - Institute for Contemporary Art - Susanne Pfeffer - über ihre erste Ausstellung in den KW.

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