(Einspieldatum: 04.05.2009)

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Eine Ausstellung im Projektraum des Deutschen Künstlerbundes

Ausstellungsbesprechung: Es braucht kaum mehr als einen kurzen Blick durchs Schaufenster, bis klar wird: dass es sich hier nicht nur um eine Ausstellung handeln kann. Der Projektraum des Künstlerbundes in der Rosenthaler Straße ist für die Dauer von urgent urban ambulance Projektraum im besten Sinne. Ausgestellt wird hier auch jede Menge noch Unfertiges. Der Projektraum ist währenddessen Basislager und Knotenpunkt, an dem Arbeiten und Projekte präsentiert aber auch Utensilien gelagert und der jeweilige status quo dokumentiert werden. Bis am 29. Mai eine „Zusammenfassung“ das Projekt abrundet.

Georg Winter, Mitglied der Forschungsgruppe F und Initiator von urgent urban ambulance, hat allen zehn eingeladenen Künstlern zunächst eine Multifunktionsleiter ausgehändigt. Diese taucht nun in unerwarteten Variationen immer wieder im Projektraum auf: als Objekt, Sockel, Requisit oder Transportfahrzeug, in den seltensten Fällen als Leiter. In ihrer Multifunktionalität eignet sie sich natürlich denkbar gut fürs Umherziehen und Umherwandern, was das lateinische ambulare meint und worauf der Ausstellungstitel Bezug nimmt. Ambulante künstlerische Eingriffe in den Stadtraum sind hier willkommen – um direkt vor Ort und spontan wachzumachen, anzuregen, anzuecken.

An einigen Stellen liegt im Ausstellungsraum Werkzeug bereit, das die Besucher schnappen, mit dem sie ausschwärmen und eigeninitiativ im Stadtraum Berlin verändernd zur Tat schreiten können. Christian Hasucha beispielsweise stellt das notwendige Zubehör bereit, um metallene Poller im Stadtgebiet zu „pflanzen“. So liegen Poller und Erdbohrer, nebst Mischtrog, Fertigbeton, Warnbake und Multifunktionsleiter jederzeit abholbereit im Projektraum. Und damit man auch ja nicht die „Sondergenehmigung bei den zuständigen Behörden“ verschwitzt, gibt es eine genaue Schritt-für-Schritt-Anleitung mit dazu. Deren besondere Aufmerksamkeit gilt den jeweiligen Stadtgebieten, in die die Poller eingepasst werden sollen. Passen sie wirklich zu uns? Wollen wir hier wirklich pollern? Besonders handlich verpackt ist Christine Biehlers „Kipp Kit“. Das „Mobile Kippwerkzeug für eine temporäre Maßnahme zur Erlangung einer invasiven Schieflage“ besteht aus Hammer und Keil in einer Plastiktüte. Auf Fotos sind bereits geglückte Kippungen vorgeführt. Zielobjekte sind Bauten der Repräsentationsarchitektur, die aus ihrer Verankerung gelöst und in eine temporäre Schieflage gebracht werden sollen. Maximale Ausreizung der Balance, bis knapp vor den Umsturz.

Die Berliner Künstlerin Ulrike Mohr (*1970) macht sich derweilen immer wieder selbst auf in den Stadtraum. An regnerischen Tagen steht ihre Multifunktionsleiter wohl eher im Projektraum und dient als Sockel für ihre wuchtige Köhlertonne. An schönen Tagen aber wird die Leiter zum Transportwägelchen umfunktioniert. Aus den gesammelten Holzstücken, die Ulrike Mohr rund um den Rosenthaler Platz findet – und verköhlert – ergibt sich im Laufe der Ausstellung ein Psychogramm der Gegend. Erste verköhlerte Aststücke, die bereits jetzt im Projektraum bewundert werden können, überraschen durch ihre filigrane Detailtreue. Vor allem aber versorgen sie eine Ecke des Raumes mit ihrem zarten Kohleduft.

An der Rückwand lädt ein einfacher Tisch mit bequemen Stühlen zur Verschnaufpause ein. Der Tisch ist komplett unter einem großen ausgebreiteten Plan verschwunden, dem Plan des Palastes der Republik. Zuoberst haben transparadiso massenweise Streichhölzer aufgehäuft. Und außerdem bereitgestellt: eimerweise Klebstoff. Da transparadiso sich als „plattform für beabsichtigte und unkalkulierte zwischenfälle zwischen kunst, architektur und urbanismus mit regelmäßigen ausflügen in randgebiete“ verstehen, wundert es überhaupt nicht, dass der „erste kollektive Basteltreff“ bereits stattgefunden hat. Bis Projektende warten allerdings noch genug weitere Termine auf Mitbastler. Die Einladung richtet sich an „alle, für die der Palast der Republik Bedeutung gehabt hat oder die ihr die sterbende Ästhetik des Streichholzes liebt.“ Ihnen allen bietet sich hier also die Gelegenheit, gemeinsam den Palast en miniature wieder auferstehen zu lassen und nebenbei zu plaudern, größere Pläne zu schmieden oder einfach hemmungslos melancholisch zu sein.

Abbildungen:
- Christine Biehler, IPP KIT,
Mobiles Kippwerkzeug für eine temporäre Maßnahme zur Erlangung einer invasiven Schieflage,
Auflagenobjekt 2009, Hammer, Keil, Plastiktüte
- Ulrike Mohr, Köhlertonne für Nordmanntanne, 2009

Projektraum des Deutschen Künstlerbundes
Rosenthaler Str. 11
D-10119 Berlin
kuenstlerbund.de

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag 14:00 bis 18:00 Uhr
und nach Vereinbarung

weitere Basteltermine
Fr, 8.5.09, 14-17:00
Fr, 15.5.09, 14-17:00
Fr, 29.5.09, 14-17:00

Zusammenfassung:
Freitag, 29. Mai 2009, 19:00 Uhr

Carola Conradt

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