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B3 Biennale

(Einspieldatum: 02.10.2014)

Im harzigen Tempel. David Chipperfield in der Neuen Nationalgalerie

bilder

David Chipperfield, Sticks and Stones, eine Intervention, Installationsansicht, Foto: David von Becker

Kurz vor der Sanierung der Neuen Nationalgalerie verwandelt David Chipperfield die offene Glashalle in einen Fichtenwald. Eine Hommage an Mies van der Rohe.

Im April 1967 wurde das 1250 Tonnen schwere Dach der Neuen Nationalgalerie mithilfe von Hydraulikpressen angehoben und in einer statisch tollkühnen Aktion auf nur acht schlanken Stahlträgern abgesetzt. Das Spektakuläre: Im Innern entstand ein gigantischer Glaskubus – vollständig befreit von Stützen. Bis jetzt. Denn seit Dienstag ist Mies van der Rohes monumentaler Monospace mit tragenden Elementen prall gefüllt. Gleich 144 entrindete Fichtenstämme verwandeln die Glashalle in einen regelrechten Säulenwald. Hundert harzige Säulen als Tribut für den Verfechter des stützenlosen Raums? Dass David Chipperfield mit diesem kontrapunktischen Eingriff dennoch eine Hommage an den Vater der klassischen Moderne gelungen ist, macht ihn wohl selbst zu einem Genie.

Neue Nationalgalerie, Anhebung des Daches, 5. April 1967, © Archiv Neue Nationalgalerie, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

Noch bevor der britische Stararchitekt mit der ab Januar 2015 geplanten Sanierung des marode gewordenen Museumsbaus beauftragt wurde, entstand die Idee für diese architektonische „Intervention“. Die gut acht Meter hohen Baumstämme wurden in einem Privatwald nahe der Ostsee gefällt und in das Raster der Kassettendecke eingepasst. Trotz der stringenten Anordnung entstehen je nach Blickwinkel Diagonalen, die den Eindruck von dichten und weniger dichten Stamm-Clustern erwecken und so die Rigidität des Rasters visuell auflösen. Nur selten konnte man sich dem Gebäude so intim nähern als jetzt, wenn man andächtig zwischen Fichten wandelt. Man möchte das absplitternde, vor Harz triefende Holz mit Fingern betasten, ganz so als verleihe es Halt in dieser perfekten Umgebung aus Glas, Stahl und dem grauen Granit des Fußbodens. Dabei ist es genau dieser taktile Bruch, der für die wenigen, aber exquisiten Materialien des Mies-Baus sensibilisiert.

Die reduzierte, fast schon meditative Qualität von Chipperfields Raumintervention erinnert aber auch an zeitgenössische japanische Architektur. Zum Beispiel an Junya Ishigamis KAIT Workshop, ein 2000qm großer ebenerdiger Glaskubus, der als Werkstatt des Kanagawa Institute of Technology in Tokyo genutzt wird. Der Raum ist maximal offen und wird lediglich durch die rhythmische Anordnung hunderter schmaler Stützen in kabinettartige Raumsegmente unterteilt. Das Spiel mit dem Säulenwald befreit die Säule von ihrer rein tragenden Funktion und behandelt sie als Element, das in erster Linie Raum definiert. Auch Chipperfield bezieht sich auf diese, so wörtlich, „vernachlässigte Qualität der Säule“. Und ist damit wieder einmal ganz nah bei Mies van der Rohes architektonischem Konzept, das sich ebenso auf die Grundelemente des Bauens reduzierte: auf „sticks and stones“, so der Titel der Ausstellung.

David Chipperfield, Sticks and Stones, eine Intervention, Installationsansicht, Foto: David von Becker

Wie kann ein Architekt auf ein anderes Gebäude reagieren, ohne sich selbst ein Denkmal zu setzen? Über die Neue Nationalgalerie sagt Chipperfield: „Will man in diesem Raum eine Ausstellung über Architektur machen, muss Mies van der Rohes Architektur der Protagonist sein“. Nun, genau das ist dem preisgekrönten Meister der Museen hier aufs Beste gelungen. Erleben wir den Protagonisten also noch ein paar Monate bevor er für mindestens drei Jahre hinter Bauplanen verschwindet.

David Chipperfield – Sticks and Stones, eine Intervention
2.10. – 31.12.2014
davidchipperfieldinberlin.de

Neue Nationalgalerie
Kulturforum, Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin

Öffnungzeiten:
Di, Mi, Fr 10-18 Uhr
Sa, So 11-18 Uhr
Do 10-20 Uhr
Mo geschlossen

Verena Straub

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"Die Sehnsucht nach dem Gestern" - zum Neubau für die Museumsinsel Berlin von David Chipperfield

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