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B3 Biennale

(Einspieldatum: 07.09.2015)

Zeitkapseln. Christine de la Garenne, Aharon Ozery, Roland Stratmann bei Circle1

bilder

Christine de la Garenne, AEON (2011), 12:10 min Videoloop, HD, Copyright Christine de la Garenne

Rühren die surrenden Geräusche von einem startenden Helikopter her? Sie beunruhigen, versetzen den Besucher in einen Zustand der Anspannung, wecken negative Assoziationen: Bilder von Kriegseinsätzen, Entführungen und Rettungsaktionen kommen auf. Das Surren untermalt die Videoarbeit „Planet Claire“ von Christine de la Garenne, die bis zum 10. Oktober im Rahmen der Ausstellung „Backflash“ in der Galerie „Circle. Platform for Art & Culture“ gezeigt wird. Auf dem Bildschirm ist die Silhouette einer zerzausten Palme vor einem runden Mond erkennbar. Doch diese dreht sich, wird zu einem propellerartigen Objekt, verbindet sich so mit dem Sound. Auch der blasse Mond mutiert langsam und schwillt zu einem pulsierenden Lichtball an.

Verwirrend sind die Videos der Berliner Künstlerin, die profane Details aus dem alltäglichen Leben isoliert und somit verfremdet. Erst auf den zweiten Blick wird in dem Loop „Aeon“ von 2011 deutlich, dass der Sand in der Eieruhr bisweilen „verkehrt herum“ fließt, begleitet von einem steten Ticken. Die Zeit läuft rückwärts... Auch ein drittes Video – Bokker – verbindet Sound und Bild. Ein chinesischer Kunstturner – noch ein Kind - kreist unaufhaltsam um einen Bock, ebenfalls einem Propeller gleich, und erzeugt dabei trommelartige rhythmische Geräusche.


Aharon Ozery, Ledminton, 2015, Copyright Aharon Ozery

Im benachbarten Raum erst einmal ein Schreckmoment: Unvermittelt und mit einem Knall saust ein leuchtendes Objekt auf den Besucher zu, der unwillkürlich aus dem Weg springt. Es ist Teil einer Installation des israelischen Künstlers Aharon Ozery, der sich damit auf das beliebte Kinderspiel Ledminton bezieht. Ein baseballförmiges Objekt wird mithilfe zweier Schnüre zwischen zwei Personen hin und her bewegt. Umso harmonischer ihre Bewegungen, umso effizienter das Ergebnis.

Seile durchziehen auch die Galerie, bilden eine unausgesprochene Grenze, die der Besucher instinktiv nicht überschreiten mag. An den Wänden sind die metallenen Schnüre an Apparaten aus Aluminium und Eisen befestigt, die aus einer Industrieanlage stammen könnten. Doch bei näherem Hinschauen wird deutlich, dass die blinkenden Knöpfe rein dekorativer Natur sind, Funktionalität nur vortäuschen.

„Ich bin kein Techniker“, erklärt der Künstler. Ihn reize vor allem das Verhältnis zwischen Bewegung und Fläche. Währenddessen sausen zwischen den Apparaten unaufhörlich und in einem unvorhersehbaren Rhythmus die durch Pressluft in Bewegung gehaltenen Objekte durch den Raum. „Es gibt unendliche Möglichkeiten“, so Ozery. Wie auch die Interaktionen und Beziehungen zwischen Individuen und Nationen unvorhersehbar und von Zufall geprägt sind.


Roland Stratmann, München 72, Copyright Roland Stratmann

An den Wänden hängen Papierarbeiten, die von dem Künstler Roland Stratmann stammen und in unmittelbarem Zusammenhang zu der Installation stehen. Er hat 580 Postkarten aus Israel und München, die zwischen den 60er und 80er Jahren verschickt wurden, zu zwei Collagen zusammengefügt und bearbeitet. Die Münchner Karten sind teils mit der Kontur des maskierten Palästinensers übermalt, der 1972 bei den Olympischen Spielen auf dem Balkon eines Sportlerwohnheims über das Schicksal der israelischen Geiseln verhandelte, die er und seine Mitterroristen gefangen hielten.

Ein Bild, das um die Welt ging und sich ins kollektive Bewusstsein eingegraben hat – und auf der anderen Seite ein Bild von: Spiderman. „Bin unverhofft für 3 Wochen in Israel, wo ich einige Fehler beheben muss…“ steht auf der Israelischen Collage, wobei Stratmann den Originaltext einer Postkarte zitierte. Ihn fasziniert das Nebeneinander von Politik und Banalem, den Zeugnissen des alltäglichen Lebens, das weitergeht, obwohl die Welt aus den Fugen geraten ist. Die Buchstaben auf der Collage scheinen von einer Schreibmaschine zu stammen – auch das ebenso wie die Postkarten ein Relikt aus längst vergangenen Tagen.

Durch Zufall habe er zwei alte Karten aus München und Israel zeitgleich entdeckt, berichtet Stratmann. Als Ozery ihn zu einer gemeinsamen Ausstellung einlud, sei die Idee entstanden, dieses einprägende Kindheitserlebnis aufzuarbeiten. „Es war das erste politische Ereignis, das ich mitbekommen habe und ist heute von erschreckender Aktualität“.

Sein Backlash korrespondiert auf geistreiche Weise mit den Arbeiten Ozerys und de la Garenne. Die Welt hat sich weiter gedreht seit 1972 - friedlicher und durchschaubarer ist sie nicht geworden.

Öffnungszeiten: Donnerstag, Freitag und Samstag 12-18 Uhr

Ausstellungsdauer: verlängert bis 24.10.2015

Circle1 Platform for Art & Culture
Mittenwalder Straße 47
10961 Berlin
circle1berlin.com/

Inge Pett

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