(Einspieldatum: 01.03.2016)

Wenn meine Kunst nicht gezeigt wird, ist das so als hätte ich nie gelebt


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Boris Lurie, NO (Red And Black), 1963, Öl auf Leinwand, 56x89 cm
© Boris Lurie Art Foundation, New York


„In Armut und im Kerker und in Niederlagen gibt es immer noch eine Würde, doch gibt es keine in diesem dicken Konsumentenglück“. Der 1924 geborene Boris Lurie, der diese Worte schrieb, hatte gemeinsam mit seinem Vater das Rigaer Ghetto und die Konzentrationslager Stutthof und Buchenwald überlebt. Die Mutter, Großmutter, Schwester und Jugendliebe hingehen waren von einem Erschießungskommando in einem Wald nahe Riga ermordet worden.

Bereits 1946 begann der nach New York emigrierte Lurie, seine Kriegs- und Holocausterfahrungen in einer radikalen „Jew Art“ aufzuarbeiten. Die Ausstellung „Keine Kompromisse! Die Kunst des Boris Lurie“ im Jüdischen Museum Berlin zeugt bis zum 31. Juli in 13 Kapiteln und auf 650 qm vom Werk des radikalen Künstlers.

Konfrontiert mit einer amerikanischen Gesellschaft, die ihm saturiert und ignorant erschien, verknüpfte Lurie die Darstellungen von Leichenbergen mit erotischen Szenen. In seiner aggressiven Serie „Dismembererd Women“ etwa führte er übergewichtige Frauen in obszönen, abstoßenden Posen vor. „Es war meine Reaktion auf New York und auf Amerika. Fette und zerstückelte Weiber. Fett und doch zerstückelt. All das nach dem Krieg und Hunger in Europa.“

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Blick in die Ausstellungsräume
© Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff


Lurie, ein erklärter Gegner der Pop Art und des Abstrakten Expressionismus, hatte 1959 mit seinen Künstlerfreunden Stanley Fisher und Sam Goodman die NO!art-Bewegung gegründet. NO!art stellte eine Reaktion auf eine als banal und kommerziell empfundene Kunstszene dar. So sollte – und wollte – Lurie auch sein Leben lang kein Bild verkaufen. Er investierte das von seinem Vater geerbte Geld klug und setzte auf Aktien von Handyunternehmen in Entwicklungsländern. Der Maler und Dichter starb am 7. Januar 2008 als schwerreicher Mann und hinterließ sein Vermögen der Boris Lurie Art Foundation. „Wenn meine Kunst nicht gezeigt wird, ist das so als hätte ich nie gelebt.“

Seine Kunst, das ist eine einzige Abrechnung in Schrift, Skulptur und Bild. Eine obsessive Abrechnung mit dem weiblichen Körper. Eine Abrechnung mit der Politik, mit einer konsumsüchtigen, haltlosen Gesellschaft, mit Amerika. „Man sollte sich schämen, dass man heute ein Vielfraß-Künstler ist“, schrie und schrieb er seine Verachtung der Welt entgegen: „Stattdessen sollte man sich einen ehrlichen Beruf, wie z. B. Mörder zu Eigen machen.“ Denn um „auf das Wesentliche zielen zu können, brauche man viel Talent“.

Des Künstlers Sarkasmus ist ebenso schwer zu ertragen wie seine Darstellungen der menschlichen Abgründe. Und dennoch – oder gerade deshalb – sind seine verbalen und bildnerischen Ausdrucksformen auch heute noch von großer nachhaltiger Kraft.

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Lurie im Atelier, Anfang 70er-Jahre
© Boris Lurie Art Foundation, New York


In Deutschland ist Lurie nahezu unbekannt. „Du wirst es schwer in den USA und wirst es schwer in Berlin haben“, hatte ihm bereits der 1998 verstorbene Künstlerfreund Wolf Vostell in einem Brief prognostiziert. „Ich wünsche Dir einen angemessenen Platz in der neuen Sammlung ´Zeitgenössischer Kunst gegen das Vergessen` im Jüdischen Museum Berlin. Dort hätte Deine Leistung, Dein Aufschrei, Deine Rebellion als Malerei, einen außerordentlichen Sinn!“. Im Rahmen der bislang größten posthumanen Retrospektive des NO!art-Künstlers Boris Lurie ist dieser Wunsch Vostells nun Realität geworden.

Ausstellungsdauer: 26. Februar bis 31. Juli 2016

Keine Kompromisse! Die Kunst des Boris Lurie

Öffnungszeiten: täglich 10 bis 20 Uhr, montags 10 bis 22 Uhr

Jüdisches Museum Berlin
Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin
Tel: +49 (0)30 259 93 300
jmberlin.de

Inge Pett

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Daten zu Boris Lurie:


- art cologne 2015

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Wenn meine Kunst nicht gezeigt wird, ist das so als hätte ich nie gelebt
Ausstellungsbesprechung: Eine Ausstellung des NO!Art Künstlers Boris Lurie im Jüdischen Museum.

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