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B3 Biennale

(Einspieldatum: 01.08.2017)

Barriere gegen das Vergessen. Regina Schmeken im Martin-Gropius-Bau

bilder

Süleyman Taşköprü (31)
27.06.2001 Hamburg Schützenstraße
© Regina Schmeken, 2015


Was sieht ein Mensch in den letzten Sekunden seines Lebens? Ein Mensch, der zu Boden stürzt, unvermittelt getroffen von einer tödlichen Kugel. Diese Frage stellte sich die Fotografin Regina Schmeken und suchte die Orte zwischen Rostock und München auf, an denen die rechtsextreme Terrorvereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen ermordete. „Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU“ lautet der Titel der Ausstellung, die bis zum 29. Oktober 2017 im oberen Stockwerk des Berliner Martin-Gropius-Baus zu sehen sein wird.

Von den Tätern ist viel die Rede dieser Tage, und wohl ganz Deutschland wartet angespannt auf den Tag, an dem in München das Urteil im sogenannten NSU-Prozess fallen wird.

Neun der Opfer der rechtsextremistischen Terrorzelle waren Männer türkischer und griechischer Abstammung, die in Deutschland lebten und arbeiteten. Eines war weiblich und deutscher Abstammung, die junge Heilbronner Polizistin Michèle Kiesewetter. Bei zwei Sprengstoffattentaten in Köln wurden zudem mehr als zwanzig Menschen verletzt, viele von ihnen schwer.

An all diese Opfer erinnern nun Regina Schmekens monumentale Schwarzweiß-Bilder, die sich dem Besucher grau in grau als eine Front der Tristesse offenbaren.

Mehmet Kubasik, der eine Frau und drei Kinder hinterließ, starb am 4. April 2006 in seinem Kiosk in der Dortmunder Mallinckrodtstraße. Die Umgebung hat Schmeken in drei Fotografien festgehalten. Während auf dem linken Foto eine Frau mit einer Einkaufstüte und einem Schirm in der Hand vorbeieilt, wartet ein Mann auf dem rechten Bild auf seinen Bus. Nur der heruntergelassene Laden eines Geschäftes in der Mitte des Triptychons deutet darauf hin, dass hier etwas zu Ende gegangen ist.

Auch in der Holländischen Straße in Kassel, wo der erst 21-jährige Cafébesitzer Halit Yozgat starb, herrscht wieder normales Straßenleben. Drei Frauen mit Kopftüchern passieren eine Häuserzeile – der ikonographische Bezug zu den drei Marien auf dem Weg zum Grab drängt sich bei dieser Szene auf.

In vielen der Fotografien fängt Schmeken Spiegelungen ein: Vor allem Bäume sind es, die sich in Pfützen und Scheiben spiegeln und auf einen Raum jenseits des Geschehens verweisen. Auffällig sind die teils harten Brüche, mit denen die jeweils drei Fotos eines Tatortes aufeinandertreffen. Es ist kein harmonisches Ineinander-Gleiten, sondern vielmehr ein Staccato, eine bruchstückhafte Reihung, so wie vielleicht die letzten Impressionen eines Sterbenden vorbeirasen mögen.


Michèle Kiesewetter (22)
25.04.2007 Heilbronn Theresienwiese
© Regina Schmeken, 2015


Obwohl – oder gerade weil – auf den Fotografien nichts zu sehen ist, dass unmittelbar an die Morde erinnert, beklemmt die Ausstellung, die vom Militärhistorischen Museum Dresden übernommen wurde, den Besucher nachhaltig.

„Das Thema darf nach Prozessende nicht zu den Akten gelegt werden“, fordert Barbara John, die Ombudsfrau der Bundesregierung für die Opfer und Hinterbliebenenfamilien der Gewalttaten des NSU. Die Täter bekämen unter Umständen nicht einmal „lebenslänglich“, obwohl sie ihren Opfern und deren Familien die Möglichkeit auf ein langes gemeinsames Leben mutwillig zerstört haben. Ob unser übliches Strafmaß angesichts einer solchen sinnlosen Zerstörungswut ausreiche, bezweifelt John und hofft auf eine öffentliche Diskussion zur Frage der angemessenen Bestrafung.

Schmekens Bilder seien eine Barriere gegen das Vergessen – zumindest für drei Monate. Die Ausstellung solle mehr sein als eine ephemere Gedenkstätte, hofft die Künstlerin, sie sei auch als Mahnung zur Wachsamkeit gedacht. Ob sie Drohungen von rechts erhalten habe, fragt eine Journalistin. Schmeken verneint, schließt solche Konsequenzen jedoch nicht aus. „Aber wir müssen trotzdem mutig sein,“ betont sie, „sonst machen die immer so weiter.“

Regina Schmeken
Blutiger Boden. Die Tatorte des NSU

29. Juli bis 29. Oktober 2017

Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin
gropiusbau.de

Inge Pett

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