Nänzi, Rachefurie, Gips, 2010, 35 x 45 x 40 cm
Nänzi: „I am an artist der ´Ich` sagt“
„Sie gab sich hin. Bedingungslos. Im Leben und in der Kunst. Und war dadurch stark. Aber auch unendlich verletzlich“. Mit diesen Worten charakterisiert Dietmar H. Heddram seine Lebensgefährtin Sybille Reichert, genannt „Nänzi“, die im vergangen November unerwartet verstarb. Im Alter von nur 51 Jahren. Eine Skulpturenausstellung mit dem Titel „Die Menschen, die ich war“ – kuratiert von Helen Adkins - ist bis zum 28. Juni in den Räumen von „secondhome projects“ in der Oudenarder Straße 29 in Wedding zu sehen.
In einem von Heddram gestalteten Raum glaubt man nach einer Weile, die verstorbene Bildhauerin persönlich gekannt zu haben. „So sah ihre Wohnung aus“, erklärt Heddram. „Wie ein lebendiges Notizbuch“. Jeden Tag habe sie etwas verändert, Persönliches nie versteckt. Über und über sind auch die Wände des Galerieraumes bedeckt: mit Zeichnungen, Zeitungsausschnitten, einer afrikanischen Maske, einer Karikatur, in der Nänzi schildert, wie sie artig bei der Galerie Michael Schulz vorsprach – und von dem Kunsthändler höflich, aber bestimmt abgewiesen wurde.
Direkt, brutal, erotisch, obszön, einige Zeichnungen ausgeführt mit Menstruationsblut – die Distanzlosigkeit vieler der zur Schau gestellten Selbstoffenbarungen ist nicht leicht zu verkraften. Unvermittelt wird der Betrachter in einen fremden Kosmos katapultiert. Neben höchstpersönlichen Statements hängen die Abbildungen einer Pietà an der Wand, unzählige Skizzen der Nofretete, Zeitungsmeldungen, die Nänzi inspirierten. Viele diese Gedanken-„Schnipsel“ sind ganz offensichtlich in die Arbeiten eingeflossen.
Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Heilbronn hatte es Nänzi in die Metropole Berlin gezogen, wo sie sich neu erfinden und ausleben konnte – und dies auch immer wieder tat. Mal als Punk, mal als Femme Fatale, mal mit ironischer Kaltschnäuzigkeit, mal als Seelchen. „Eine Mischung aus Rotzigkeit wie bei Zille und Sinnlichkeit wie bei Niki de Saint Phalle“, bringt Adkins die Ambivalenz der außergewöhnlichen Persönlichkeit auf den Punkt.
Spannungsreich sind auch die Figuren - viele eine Kombination aus Puppe und Skulptur. „Minna muss zum Film“ lautet die groteske Darstellung zweier halbentblößter dicker Frauen aus Keramik von 2010 mit Schwarzwaldhüten - und Huhn. „Lüsterweibchen“ finden sich auf den Sockeln, „Häwi Mädel“ und eine „Rüsselvenus“. Eine „Rachefurie“ hinterlässt ein Blutbad – komplett außer Kontrolle. Völlig bei sich hingegen ist eine Figur im Yoga-Sitz – ein Selbstporträt der Künstlerin. Und bei allen diesen gegensätzlichen Darstellungen und unzähligen Facetten des Frauseins geht die Intensität des Gesichtsausdrucks dem Betrachter unter die Haut.
„Indem ich modelliere, setzte ich mich vornehmlich mit inneren Konflikten, mit der Kunstgeschichte, und mit Erfahrungen mit dem ‚anderen Geschlecht‘ auseinander“, hatte Nänzi selber sich kurz vor ihrem Tod zu ihrer Kunst geäußert. Ihre Themen: „Mann, Frau, Sex, wirre Haare, nacktes Fleisch, Verletzlichkeit …“.
Zum Konzept von secondhome gehört es, zwei Künstler parallel in zwei benachbarten Räumlichkeiten zu präsentieren. Miray Seramet, die Organisatorin des Projektes, lädt zu diesem Zweck einen Kurator – in diesem Fall Helen Adkins - ein, der wiederum zwei Künstler auswählt. Das besondere diesmal: Neben Nänzi wählte Adkins Miray Seramet aus, die selber als Künstlerin tätig ist. Mit der Ausstellung „Liebe ist…“ ist Seramet somit Gast in ihren eigenen Räumen in der Reinickendorfer Straße 66.
Miray Seramet, Den 20, Schöne Herrscherin, Nylons, Maurerschnur, gestrickt, 102 x 15 x 2 cm, 2009
Miray Seramet: „Liebe ist…“
Um Gegensätze geht es auch in den Arbeiten der 1971 geborenen Künstlerin Miray Seramet, die sich selber als „Nylon-Fetischistin“ bezeichnet. „Mich fasziniert es, wie das scheinbar Schwache sich als stark erweist und umgekehrt“. Mit dieser Metapher spielt Seramet gekonnt. So umfasst die ausgebildete Textildesignerin mit der Nähmaschine zarte Nylonstrümpfe mit Maurerschnur und beobachtet, wie sich in den so entstandenen Gebilden der Druck verteilt.
Als Kind eines türkischen Einwanderers der ersten Generation und einer „70er-Jahre-Mutter im Mini-Rock“ sei sie scheinbar unvereinbare Gegensätze gewohnt gewesen. Und diese hätten sie oft gestresst, bekennt Seramet. In ihrer Arbeit lässt sie die Einflüsse beider Kulturen erkennen.
In der Wandinstallation „Gretchen in der Stube“ bezieht sie sich auf die Stelle aus Goethes Faust, in dem Gretchen beklagt, ihre Ruhe sei dahin. „Das ist meine Lieblingsstelle, denn hier geht es um pure Leidenschaft“. Seramet präsentiert in der Wandarbeit verschiedene Paare gefüllter Socken. Dabei handelt es sich um Objekte zwischen Sexshop-Zubehör und Kuscheltieren. Das Fell von Fuchs und Hase, Feinden in freier Wildbahn, kommt hier gleichermaßen zum Einsatz. Die Arbeiten sind sinnlich und frech, sentimental und humorvoll gleichermaßen.
„Das Leben gehört zusammen“, habe ihr Vater immer gesagt, grammatikalisch zwar nicht ganz korrekt, aber dafür mit umso mehr Überzeugung. Ihm ist die gleichnamige Arbeit gewidmet: Zwei prall mit Schafwolle ausgestopfte Stützstrümpfe lehnen aneinander in einem Karton. Beide tragen ein Stück Federboa um den „Hals“ und nur aufgrund ihrer Haltung ist klar, welcher das männliche und welcher das weibliche Prinzip vertritt.
In einer anderen Arbeit haben Faust und Gretchen geheiratet. Ob sie glücklich geworden seien? „Natürlich“, bestätigt die Künstlerin. Wie es eben, wenn es denn gut geht, mit der Liebe ist…
Ausstellungsdauer: 17. Mai – 28. Juni 2014
Öffnungszeiten: Fr/ Sa 15-18 Uhr und nach Vereinbarung 0176/ 38029579
secondhome projects
Reinickendorferstr. 66 / Oudenarderstr. 29
13347 Wedding
oursecondhome.de/projects/
Berlin Daily 21.04.2026
Orte ans Licht bringen - Vortrag
18 Uhr:von Carolin Förster (Fotohistorikerin: Erkundungen in der fotografischen Stadtgeschichte Tempelhof Museum | Alt-Mariendorf 43 | 12107 Berlin
Weibliche Perspektiven – secondhome projects
von Inge Pett
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