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Who am we? Samische Künstler im Felleshus der Nordischen Botschaften

von Inge Pett (22.07.2015)
vorher Abb. Who am we? Samische Künstler im Felleshus der Nordischen Botschaften

MARKKU LAAKSO AND ANNIKA DAHLSTEN, Jump in, 2013, HD video, 06:37 min, Copyright Laasko/Dahlsten

Es ist schon vergilbt und verwittert, das Foto von den drei Samen, die in traditioneller Tracht vor einem Zelt stehen. „Eine der Personen ist Markkus Großmutter“, sagt Annika Dahlsten und weist auf ihren Künstlerkollegen Markku Laasko. Das Bild sei 1930 in Deutschland aufgenommen worden. „Sie sind in einem Zoo“, schiebt sie nach, bevor die Zuhörer so recht zu begreifen beginnen. Beklommenes Schweigen macht sich breit im berstend vollen Auditorium des Felleshus der Nordischen Botschaften. Tatsächlich lockten bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts „Völkerschauen“ in Europa und den USA ein Millionenpublikum, Menschen fremder Kulturen in einem „authentischen“ Ambiente zu bestaunen und wie exotische Zootiere zu begaffen.

Das finnische Künstlerduo hat das Foto der Großmutter zum Anlass genommen, die Frage nach der vermeintlichen Authentizität zu stellen - und in dem Projekt „The Campfire in a Zoo“ ad absurdum zu führen. In selbstgenähten Kostümen posieren Dahlsten und Laasko etwa in Botswana vor wilden Elefanten – durch einen künstlichen Wassergraben von ihnen getrennt, der für den Betrachter allerdings nicht erkennbar ist. „Nichts stimmt an dieser Szene“, so Dahlsten. Samen in Fantasiekostümen in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer Elefantenherde – was auf den ersten Blick stimmig wirkt, erweist sich auf den zweiten als konstruiert und irreführend. Das Video „Jump in“ in ist bis zum 27. September 2015 in der Gruppenausstellung „Sámi Contemporary“ zu sehen. Insgesamt sind 23 Künstler aus Finnland, Norwegen und Schweden in der Ausstellung vertreten.

Die Samen sind ein indigenes Volk im Norden Skandinaviens, dessen Siedlungsgebiet im Süden bis in die schwedische Provinz Dalarnas und im Nordosten bis zu den Küsten des Weißen Meeres und der Barentssee reicht. Die Eigenbezeichnung „Sámi“ setzte sich in den 70er-Jahren durch – der bis dahin gängige Begriff „Lappe“ wird von der ethnischen Minderheit als diskriminierend empfunden. Noch gibt es 24.000 Sprecher, die Sami beherrschen, eine Gruppe von ca. zehn finno-ungarischen Sprachen. Diese haben sich allerdings so unterschiedlich entwickelt, das eine Verständigung zwischen den Sprechern oft nicht oder nur schwer möglich ist. Inzwischen haben sowohl Norwegen als auch Schweden und Finnland Gesetze erlassen, die Sami als offizielle Sprache in Schulen und Behörden anerkennen.


VICTORIA ANDERSSON, Black Rain, 2014, embroidary, 117 x 184 cm, Copyright Victoria Andersson

Auch Victoria Andersson setzt sich in der Arbeit „Black Rain“ von 2014 mit ihrer Heimat auseinander. Mit Nadel und Faden möchte die Künstlerin, die in der nordschwedischen Bergwerkstadt Kiruna aufgewachsen ist, auf die prekäre Situation der samischen Kultur hinweisen: Um Eisenerz zu gewinnen, werde Raubbau an der Natur betrieben. Doch mit den Weidegründen der Rentierherden verschwinden auch die Existenzgrundlagen einer nomadischen Kultur. Die zeitintensive Technik des Stickens nutzt Andersson, um Themen, die sie belasten, meditativ zu verarbeiten. „Zeit ist mein Kompagnon“, so die Künstlerin.

Um Verlust von Kultur und damit Identität geht es auch Per Isak Juuso. Melancholisch und mahnend blicken die ca. 100 kleinen Figuren, die der Schwede geschnitzt hat. Die Körper aus gefundenem Holz, die Gesichter aus Knochen, scheinen die Gestalten aus einer Geisterwelt zu stammen. So wie die Handwerkstradition „dodji“, die einst von Generation zu Generation weitervererbt wurde und eng mit der Lebensweise der Samen verknüpft ist.

Die Farben und die Weite des Nordens wiederum fängt die norwegische Künstlerin Synnøve Persen in ihren abstrakten Gemälden ein. Etwa in „Bleeding Sun“ von 2013, in dem warmes Gelb das eisige Weiß durchdringt. In „Bright Afternoon“ von 2012 wiederum bestimmen Blau-, Türkis- und Grüntöne das Gemälde.


MARITA ISOBEL SOLBERG, My black me, 2013, Copyright Marita Isobel Solberg

„Who am we?“ Vehement und wortgewaltig stellte Marita Isobel Solberg am Vernissage-Abend in einer Performance die Frage nach der individuellen, staatlichen wie ethnischen Identität. Zwei Assistenten stopften unaufhaltsam Brotteig in Solbergs Nylonkostüm und wickelten es der Norwegerin um Hals und Schultern, den diese dann klumpenweise verteilte. Auch in Form von Zetteln, die sie von der Brücke herabsegeln ließ, interagierte sie mit dem Publikum.

Lange schienen Sprache und Kultur der Samen, des letzten europäischen indigenen Volkes, im modernen Europa keinen Platz zu haben. Eine junge Generation fragt nun nach ihrer Herkunft, besinnt sich zurück auf die Wurzeln. Wer bin ich? Wer sind wir? Wer bin wir?

Doch Sámi Contemporary sei nicht nur ein „anderer“ Ort, ein Außenseiter, eine Insel, ein Refugium, erklärt der Kurator Jan-Erik Lundström, Direktor des Norrbottens Museums und ehemaliger Direktor des Sámi Center for Contemporary Art. „Die Kunst verkörpert die Kultur der Mehrheit, führt einen Dialog mit dem Mainstream, unterminiert den Kolonisator; sie ist rein und unrein, resilient und großzügig, abgesondert und kommunikativ, oppositionell und versöhnlich“.

Ausstellungsdauer: 10.07.15- 27.09.15

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 10.00 bis 19.00 Uhr,
Samstag und Sonntag 11.00 bis 16.00 Uhr

Nordische Botschaften Felleshus / Gemeinschaftshaus
Rauchstraße 1
D-10787 Berlin
nordischebotschaften.org/

Inge Pett

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Who am we? Samische Künstler im Felleshus der Nordischen Botschaften
Ausstellungsbesprechung: Es ist schon vergilbt und verwittert, das Foto von den drei Samen, die in traditioneller Tracht vor einem Zelt stehen. „Eine der Personen ist Markkus Großmutter“, sagt Annika Dahlsten und weist auf ihren Künstlerkollegen Markku Laasko. Das Bild sei 1930 in Deutschland aufgenommen ...

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