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Berlin Daily 18.08.2019
Führung

16 Uhr: Neues aus Ost-Berlin – Flanieren zwischen VEB und Mokka-Milch-Eisbar
Museum Ephraim-Palais | Poststraße 16 | 10178 Berlin
Eintritt: 10,00 / 7,00 Euro inkl. Museumseintritt

(Einspieldatum: 21.04.2019)

Das Kopftuch auf den Füßen. Nilbar Güreş im Badischen Kunstverein

bilder

Nilbar Güreş
Lovers, 2006-2011
80 x 36 x 20 cm (links) 70 x 28 x 15 cm
(rechts)
© Nilbar Güreş, Galerie Martin Janda, Wien /
Galerie Tanja Wagner, Berlin


Die türkische Redensart, „Bir yastıkta kocasınlar“ („Mögen sie auf einem Kissen alt werden“) wird Frischvermählten mitgegeben, bevor sie am ersten Abend ihres Lebensbundes im traditionellen Ehebett ihre Köpfe auf ein langes, gemeinsames Kissen betten. Dieses symbolisch aufgeladene Polster, das als Teil der Mitgift der Braut in das heimische Glück mitgebracht wird und als sinnbildliche Klammer zwei Menschen – selbstverständlich einen Mann und eine Frau – zu einer (mehr oder weniger) harmonischen Einheit zusammenfasst, nimmt die Künstlerin Nilbar Güreş (*1977 in Istanbul) zum Ausgangspunkt ihrer Stoffarbeit Lovers (2006–11). Die zwei weiblichen, unterschiedlich gemusterten Kissenkörper stehen für ein Modell von Partnerschaft, in der sich zwei Menschen zueinander bekennen, ohne hierbei ihre Freiheit, Individualität und Autonomie aufzugeben. Das Paar gibt der Ausstellung im Badischen Kunstverein Karlsruhe ihren Titel und lässt sich darüber hinaus auch programmatisch verstehen: Güreş´ Arbeiten – so vielfältig sie auch sein mögen, da die ausgebildete Malerin sich nicht auf Pinsel und Leinwand beschränkt, sondern auch mit Fotografie, Film, Performance, Collage, Installation und Zeichnung arbeitet – lassen sich als multimedial verfasste Antithese zu heteronormativ bestimmten Rollen- und Geschlechterverhältnissen verstehen. Die Zusammenstellung der Werke in der Ausstellung Lovers im Badischen Kunstverein ermöglicht einen ersten umfangreichen Blick auf Güreş´ Entwurf einer besseren, weil solidarischen Gesellschaft.

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Nilbar Güreş
Torn, 2018
© Nilbar Güreş, Galerie Martin Janda, Wien /
Galerie Tanja Wagner


Zumeist ist ihren Arbeiten eine gute Portion Humor gemein, ein schelmisches Augenzwinkern in Richtung Patriarchat – doch in der Installation Torn (2018) bleiben Künstlerin und Protagonistin ernst. An einer Wäscheleine ist ein Stück Stoff aufgehängt, ein Tuch, mit dem eine Freundin der Familie während des Militärputsches 1980 Oppositionelle versteckte. Davor hängt eine großformatige Fotografie ihrer Freundin Didem. Die auf ihrem Schlüsselbein tätowierten Vögel scheinen auf eine dunklere Stelle der Haut zuzufliegen: Eine Narbe, Spur eines Mordversuchs, den sie nur knapp überlebte. Didem, eine Transfrau, wurde auf offener Straße attackiert und in den Hals gestochen. Dieser Brutalität und Gewalt gegen das vermeintlich „Andere“ wird in Torn mit dem Stoff als Symbol der Solidarisierung, des Bewahrens und der Fürsorge begegnet. Gleichzeitig erscheint das Tuch auch in der Fotografie, wo es hinter Didem aufgespannt ist und die Funktion des Rückhalts einnimmt.
In dem dazugehörigen Video geht die Ganzkörperaufnahme nach und nach in ein Close-up ihres Gesichts über, auch hier ist hinter ihr ein Tuch aufgespannt. So wie zahllose Fäden einen Stoff ergeben, wird Didems Geschichte verwoben mit jener der unzähligen weiteren Transmenschen in der Türkei und andernorts, deren Leben durch restriktive Gewalt bedroht wird. Während in Shut Hammock (2019) im Raum nebenan zwei Rosen blühen und eine verwelkt, weil sie ein Kopftuch trägt, vermittelt Didems selbstbewusster und fordernder Blick in Torn eine andere Version als die der eingeschüchterten, unfreien Frau, die sich dieser Macht hingibt.

Dem Aggressiven und Unterdrückenden entgegnet die Künstlerin in ihren Werken mit Momenten des subtil Widerständigen. Diese Momente verdichten sich nach und nach zu einer Wirklichkeit, die nicht auf Heteronormativität, Ausschluss und Gewalt basiert, sondern auf dem Miteinander der Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit.

Um das Unterschiedliche geht es auch in Bir Aile Portresi – Gizli Kadinlar Çırçır Serisi’nden/ A Family Portrait From the Çırçır Series – Hidden Women (2010). Die Fotografie zeigt Frauen aus Güreş´ persönlichem Umfeld, die sich für ein Familienporträt aufgestellt haben. Gemeinsam repräsentieren sie eine Familie, die unterschiedliche Glaubensrichtungen und sexuelle Orientierungen nebeneinander existieren lässt. Aus dem Hintergrund ragen Hände hervor, die diverse Kleidungsstücke an die Frauen halten, gerade so, als sollte das Eigene der Frauen durch das jeweilige Kleidungsstück ausgeglichen werden. Doch es gelingt nicht, das Persönliche der Frauen zu verdecken. Auch in Söz Çırçır Serisi’nden/ A Promise (2010) treten Frauen auf, die ihre eigenen Lebensentwürfe in die vorgefertigten Modelle einschreiben. In einer kargen Baustellenlandschaft vermählen sich zwei Frauen, deren Zärtlichkeit im Umgang miteinander im Kontrast steht zu der wüsten Kulisse der Baustelle für einen Tunnel, für dessen Bau Güreş‘ Elternhaus weichen musste. Wiederum findet die Künstlerin eingehende Bilder für Zerstörung auf der einen Seite und Fürsorge auf der anderen Seite.

Doch um dies noch einmal hervorzuheben: Es ist keinesfalls so, dass Frauen hier auf die Aspekte des Liebevollen reduziert werden. Sie verkörpern ebenso Disziplin und Stärke, so wie in Indoor Exercises (2006) aus der Serie Unknown Sports, wo eine Gruppe von Frauen unterschiedlichen Alters in einer Sporthalle der unbekannten Sportart „Körperhygiene“ nachgeht. Sich an einem roten Tuch – ein Zeichen der Jungfräulichkeit – festhaltend, schaukelt eine Frau wie an Ringen, während eine zweite Frau ihre Oberschenkel mit Hilfe von Wachs enthaart. Wer schon einmal verschiedene Stellen des Körpers durch Wachsen oder Epilieren von Haaren befreite, weiß um die hohe Schmerztoleranz, die hierfür notwendig ist. Es braucht Regelmäßigkeit, also Disziplin, um diese Schmerzen weniger werden zu lassen. Eine Medaille hat sicherlich noch keine Frau hierfür bekommen.

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Nilbar Güreş
Headstanding Totem, 2018
© Nilbar Güreş, Galerie Martin Janda, Wien /
Galerie Tanja Wagner, Berlin


Stärke verkörpern auch die Protagonistinnen ihrer für die 31. São Paulo Biennale konzipierten Fotografien, in denen sich die Künstlerin mit Menschen auseinandersetze, die mehrere Identitäten repräsentieren. Head Standing Totem (2014) zeigt eine Frau inmitten des Urwalds bei der Ausführung des Shirshasana, des Kopfstands – einer Übung, die Mut, Konzentration, Willenskraft und Gleichgewicht herstellen soll. Sie trägt hierbei Kleidungsstücke aus unterschiedlichen Kulturen: Das bunte Band, die „Sita“ ist ein Zeichen des Aufstands, das in Brasilien bei Protestmärschen getragen wird, die Röcke und Gürtel sind traditionelle Gegenstände vierer indigener Volksgruppen, die Socken stammen aus Kurdistan, einen der beiden aus Istanbul und São Paulo kommenden Stoffe trägt die Frau zu einem Kopftuch gebunden an den Füßen. „Ein Kopftuch macht auf dem Kopf genauso wenig Sinn wie an den Füßen“, sagt die Künstlerin.

Es braucht einiges Wissen, um dieses Bild und einige ihrer anderen Arbeiten entziffern zu können. Manche erschließen sich unmittelbar, teilen ihren Humor auch ohne Vorwissen mit, andere wiederum machen es erforderlich, sich näher mit dem Werk auseinanderzusetzen. Doch es scheint, dass gerade dieses Nicht-Wissen wichtig ist. Denn dadurch, dass die Betrachterin mit Elementen fremder Kulturen konfrontiert wird, mit Wissensinhalten, die ihr zunächst verborgen sind und die sie sich erst erarbeiten muss, wird die eigene Unzulänglichkeit bewusst. So stellen Güreş´ Arbeiten nicht nur Geschlechterverhältnisse und restriktive Normen infrage, sie zeigen auch, dass es außerhalb der Komfortzone in der eigenen Kultur, noch zahlreiche andere gesellschaftliche Entwürfe gibt, die wir nicht kennen, da sie von der großen westlich-patriarchalischen Erzählung überdeckt und zu einem großen Teil zerstört wurden. Insofern fordert die Künstlerin durch ihr Werk auf, sich nicht mit dem Vertrauten, schnell Lesbaren zufrieden zu geben, sondern darüber hinauszugehen und offen zu sein, für Modelle, die es vielleicht erfordern, von Gewohntem abzurücken.

Ausstellungsdauer: 12.04.-23.06.2019

Öffnungszeiten:
Di-Fr 11 - 19 Uhr
Sa/So/Feiertage 11 - 17 Uhr
Montags geschlossen

Eintritt:
regulär 3,- €, ermäßigt 1,50 €

"Happy Friday": Freitags ab 14 Uhr Eintritt frei!

Badischer Kunstverein
Waldstraße 3
76133 Karlsruhe
www.badischer-kunstverein.de

Ferial Nadja Karrasch

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Titel zum Thema Badischer Kunstverein:

Das Kopftuch auf den Füßen. Nilbar Güreş im Badischen Kunstverein
Von einem Ausflug nach Karlsruhe: In den Werken der Künstlerin Nilbar Güreş steckt das Widerständige im Detail.

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