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Berlin Daily 18.11.2019
Vortrag: Künstlerfeste

19.00 Uhr: mit Dr. phil. Miriam-Esther Owesle (Guthmann Akademie, Berlin).
Verein Berliner Künstler | Schöneberger Ufer 57 | 10785 Berlin Tiergarten-Mitte

(Einspieldatum: 07.06.2019)

Kunsttage Steglitz

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Rebecca Raue, Den Kern verstehen / The Scholar´s Mate, (Oscar Gustav Rejlander, 1855), 2019, Acryl, Bleistift, Buntstift, Kohle, Pastell, Balsaholz, Gewebeband, Papier und Pappe auf Papier auf Alu-Dibond, 100 × 90 cm, Foto: Bernd Borchardt

Der Bezirk im Südwesten Berlins hat Großes vor: Er möchte sich als Schauplatz der Gegenwartskunst etablieren. Vorboten dieses ehrgeizigen Vorhabens sind drei Einzelausstellungen, die im Rahmen der Kunsttage Steglitz am 11. und 12. April im Gutshaus Steglitz und in der Schwartzschen Villa eröffnet wurden.

Rebecca Raue: Notizen vom Rand der Zeit

Seit Anfang des Jahres fungiert das 1804 im Stil des preußischen Frühklassizismus errichtete Gutshaus Steglitz als Kommunale Galerie. Dort stellt bis zum 23. Juni die Berliner Künstlerin Rebecca Raue (* 1976) ihre Malerei und Objekte aus. Bei der Vorbereitung der Soloschau ließ sie den Genius Loci dieses Ortes auf sich wirken und merkte, dass er von Männern geprägt ist: von preußischen Architekten, Ministern und Generälen. Im Gegensatz zu diesem maskulinen Geist ist die Fassade des Herrenhauses lachsfarben, kann also mit Weiblichkeit assoziiert werden. Rebecca Raue verwandelt seine Interieurs in eine Ahnengalerie mit Porträts, die vorwiegend aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammen und von eher unbekannten US-amerikanischen Künstlern gemalt wurden. Sie stellen Männer und Frauen in der ihnen von der damaligen Gesellschaft zugeschriebenen Rollen dar: Kriegsherren, Häuptlinge, fürsorgliche Mütter und Gattinnen, die ihr ganzes Tun der Familie widmen, während die Männer kämpfen, die Natur bezwingen oder Pläne neuer Großtaten schmieden. Die Vorlage für diese kleine Ahnenreihe sind Papierabzüge von Bildern, die Rebecca Raue im Depot des MoMa in New York gefunden und mit Farbtupfern, bunten Flecken, dunklen Strichen und handgeschrieben Kommentaren versehen hat. Sieben Kaktusse der Sorte Echinopsis pachanoi stellt die Künstlerin inmitten der Bilder und einer Vitrine mit Männerschuhen auf, sodass alle, die diese Ausstellung betreten, sofort sehen und verstehen: Unsere grünen stacheligen Freunde sehen wie Phallusse aus. Notizen vom Rand der Zeit enden mit einem Haus im Haus: Es ist ein Iglu, das die Farben der schräg gegenüber hängenden Collage Starting the Next Part oft the Journey aufnimmt und ihr entsprungen zu sein scheint, worauf die ausgeschnittene rundliche Form in der linken Ecke des Bildes hindeutet. Also führt der nächste Abschnitt der Reise vermutlich vom Rand der Zeit nach innen, in die verborgene Geborgenheit der Weiblichkeit.

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Nasan Tur, Copyright und Foto: Videostill aus "Memory as Resistance", 2017-2019, Nasan Tur

Nasan Tur: Back and Forth

In der Galerie der vom Gutshaus Steglitz einige wenige Schritte entfernten und Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Schwartzschen Villa ist es dunkel. Der in Berlin lebende Nasan Tur (* 1974 in Offenbach) zeigt dort noch bis zum 10. Juni seine leise, tief berührende Mehrkanal-Videoinstallation unter dem Titel Back and Forth. In einer Endlosschleife werden auf drei Monitore aus Zeitungen ausgeschnittene Fotografien von Männern und Frauen gebeamt, die der Künstler mit seinen Händen immer wieder zerknüllt, zerknittert und glatt streicht. Kein Wort fällt, nur die durch den Druck der Hände aufs Papier entstandenen Geräusche sind zu vernehmen. Viele der Gesichter sind fremd, einige wie die von Anna Politkowskaja und Jamal Khashoggi dürften vielen von uns geläufig sein. Sie gehören zu den bekanntesten unter Hunderten von Journalisten, die häufig auf grausame Weise ermordet wurden, weil sie sich von den Mächtigen dieser Welt nicht einschüchtern ließen und für ihre Haltung mit dem Leben bezahlten. Durch das Hin und Her zwischen Zerknüllen und Glätten wird die Erinnerung an diese Menschen wachgehalten, um sie in unserer Zeit, in der eine schreckliche Nachricht eine andere noch schrecklichere jagt, vor dem Vergessen zu bewahren. Deshalb ist Erinnerung, was Nasan Tur in nüchternen, bewegenden und sich tief ins Gedächtnis einprägenden Bildern zeigt, ein Widerstandsakt. Beeindruckend ist, wie sich dieser Künstler, Teilnehmer der documenta 14, auch mit der Politik auseinandersetzt. Sein zweites, in der Galerie der Schwartzschen Villa ausgestelltes Werk heißt Speech: eine Audioinstallation, in der er aus den Reden bewunderter oder gefürchteten Politikerinnen und Politiker alle Worte ausgeschnitten hat. Was bleibt, ist Atmen, Räuspern und Schlucken, vom heftigen Beifall begleitet. Zum einen klingt ein solcher Politsprech ganz menschlich, zum anderen macht Nasan Tur darauf aufmerksam, wie leicht es ist, Massen zu verführen, die den Mächtigen applaudieren, unabhängig davon, ob es von ihnen etwas oder fast nichts zu hören gibt.

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Katrin von Lehmann, Copyright und Foto: Arbeitsmaterial, Foto: Bernd Hiepe

Katrin von Lehmann: Leerstellen des Unbekannten/Nichts stimmt mehr

Das Interesse der Zeichnerin Katrin von Lehmann (* 1959 in Berlin) gilt der Wissenschaft. Ihr temporäres Atelier befand sich im Dachgeschoss der Schwartzschen Villa, wo sie an ihrem 2015 begonnen, titelgebenden Projekt über einen Monat lang arbeitete. Ihr Ausgangspunkt waren die Ergebnisse der Humangenomforschung, die den bisherigen Wissensstand in Frage stellen: In aller Kürze bedeutet das, dass ungefähr 60 Prozent der Gene der Fruchtfliege (Drosophila) auch beim Menschen vorkommen. Welchen wissenschaftlichen Hintergrund Katrin von Lehmanns gezeichnete Leerstellen des Unbekannten auch haben: Sie sind ein Genuss für die Augen – und machen die bis zum 5. Mai laufende Ausstellung absolut sehenswert. Mag in der Forschung, die davon ausging, das Erbgut der Menschen sei allen anderen Lebewesen haushoch überlegen, nichts mehr stimmen, so stimmt bei dieser Künstlerin einfach alles. Sie zaubert organische mal kugelige mal wuchernde Formen auf glattem oder gefaltetem Papier, die den Eindruck vermitteln, als wären sie mit sich sträubenden Härchen oder Tentakeln bewachsen. „Ich setze den Strich spontan, wie ein Schütteln aus dem Handgelenk. Ich zeichne so lange, bis der einzelne Strich in der Dichte der Striche verschwindet“, sagt Katrin von Lehmann. „In der ständigen Wiederholung öffnet sich meine Wahrnehmung auf Geschehnisse außerhalb der Routine.“

Kunst als Zusammenspiel von Verstand, Herz und Hand: Das ist in allen drei so unterschiedlichen Einzelausstellungen der ersten Kunsttage Steglitz zu sehen und zu hören. Tatsächlich scheint Dr. Brigitte Hausmann, Leiterin des Fachbereichs Kultur, vom Anfang an ein gutes Feeling für großartige Gegenwartskunst zu haben.

Schwartzsche Villa, Grunewaldstraße 55, 12165 Berlin
Gutshaus Steglitz, Schloßstraße 48 ,12165 Berlin
Mo – So von 10 – 18 Uhr, Eintritt in alle Ausstellungen frei
www.kultur-steglitz-zehlendorf.de

Urszula Usakowska-Wolff

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Titel zum Thema Kunsttage Steglitz:

Kunsttage Steglitz
Die Einzelausstellungen von Rebecca Raue und Katrin von Lehmann sind bereits zu Ende. Doch noch bis Montag kann Back and Forth von Nasan Tur angesehen werden.

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