Berlin Daily 18.01.2020
Tage der offenen Tür: Friedrichswerdersche Kirche

18. und 19. Januar 2020, 10 – 16 Uhr
Friedrichswerdersche Kirche | Werderscher Markt, 10117 Berlin

(Einspieldatum: 06.01.2020)

Der Stoff, aus dem die Wellen sind: Die Ausstellung Transverse Wave im me Collectors Room

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Mary Bauermeister, Untitled (Light Sheet), 1963–77, gefundenes, bearbeitetes Leinentuch / found, edited linen sheet, 200 x 300 x 300 cm, © the artist, VG Bild-Kunst, Bonn 2019, photo Peter Hinschläger

Die Doppelausstellung Transverse Wave mit Werken von Mary Bauermeister und Rashid Al Khalifa, für die Simon Stockhausen eine überwältigende Klanginstallation geschaffen hat, ist ein visueller, akustischer und ästhetischer Genuss.

Obwohl ihre Kunst so unterschiedlich ist, eint Mary Bauermeister (* 1934 in Frankfurt/Main) und Rashid Al Khalifa (* 1952 in Manama/Bahrain) mehr, als sie trennt. Es ist die Liebe zur Geometrie, die sich in ihren abstrakten Kompositionen widerspiegelt. Ihre überwiegend konvexen Formen scheinen sich in den Ausstellungsräumen wie Wellen zu verbreiten. Abgesehen von den grundverschiedenen Materialien, deren sie sich bedienen, um ihre Bewunderung für die Natur, deren Schöpfungskraft und Vitalität zu veranschaulichen, liegen die Beiden offensichtlich auf gleicher Welle. Ihre Bildsprache ist universal und regt an, sie auf fast alle Sinne wirken zu lassen. Denn da ist noch der Dritte im Bunde: Simon Stockhausen, der das Gezeigte in die Musiksprache kongenial übersetzt hat. Eine Kunstausstellung mit eigenem Soundtrack: Das ist wirklich etwas ganz Besonderes!

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Rashid Al Khalifa, Multicoloured Parametric, 2018, Emaille auf Aluminum / enamel on aluminum, 150 x 450 cm © the artist

Archaische Kultobjekte und parametrische Skulpturen

„Der Titel Transverse Wave liefert eine poetische Metapher für die mit der Ausstellung angestrebten Effekte“, so Karin Adrian von Roques und Hauke Ohls über die von ihnen kuratierte Doppelschau. „Eine ´Transversalwelle` schwingt senkrecht zu ihrer Ausbreitungsrichtung; von einer Seite angestoßen, trifft sie mit einigem Zeitabstand auf die gegenüberliegende Seite, wodurch eine Verbindung entsteht, die auch wiederum gegenläufig gedacht werden kann.“ Die 16 Werke, je zur Hälfte von Mary Bauermeister und Rashid Al Khalifa, stehen oder hängen einander gegenüber – auf der linken und rechten Seite und in der Mitte der ersten zwei Ausstellungshallen des me Collectors Rooms. In der Lounge sind zwei davon nebeneinander platziert, und an der Decke des Café hängt ein riesiges helles Stoffobjekt, das wie ein zum Lampenschirm umfunktionierter, umgedrehter Wigwam aussieht. Es ist eines der Light Sheets (Licht-Laken) der Grande Dame der deutschen und internationalen Nachkriegsavantgarde, Mary Bauermeister. Die Wegbereiterin der Fluxus-Bewegung benutzt seit den frühen 1960er Jahren gefundene, vorwiegend organische Materialien wie Leinentücher, Steine, Sand, Holz und Pflanzenfasern, die sie Ready Trouvées nennt, für die Gestaltung ihrer wie archaische Kultobjekte anmutenden Assemblagen, Plastiken und Lichtkästen. Die zum ersten Mal in Deutschland gezeigten Aluminium-Reliefs und Edelstahl-Mobiles des Bahrainer Bildhauers Rashid Al Khalifa sind „parametrische Skulpturen“, die auf der Grundlage komplexer Berechnungen und geometrischer Entwürfe entstehen. Sie zeichnen sich durch minimalistische Ästhetik, Symmetrie, Eleganz und kühles Design aus. Ihre volle Wirkung entfalten sie, wenn man an ihnen entlang geht, dann scheinen auch sie sich zu bewegen.

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Rashid Al Khalifa, Blue Parametric, 2018, Emaille auf Aluminum / enamel on aluminum, 150 x 150 cm, © the artist

Das Sichtbare und das Verborgene

Auf der Suche nach dem Material, mit dem sich konvexe Wandreliefs am besten darstellen lassen, griff Rashid Al Khalifa, der seine Karriere als ein von William Turner faszinierter Landschaftsmaler begann, zuerst auf Holz, dann auf Aluminium zurück. Die industriell gefertigten Elemente aus diesem Leichtmetall waren einfach besser dazu geeignet, sie in die vom Künstler angestrebte Form zu bringen. Was ihn vor allem interessiert(e), war und ist die Erforschung von Licht und Schatten, um die Illusion der Bewegung zu erzeugen. So ist er auf die Welle gekommen. Seine von islamischer Kunst und dem französischen Architekten Jean Nouvel inspirierten Objekte haben mehrere ineinander verschachtelte Ebenen. Sie bestechen durch Perfektion und Raffinesse. Das Motiv der Welle spielt darin eine wichtige Rolle, sei es als kreisförmige Welle (Spherical Compression, 2015, Emaille auf Aluminium) oder als Transversalwelle (Transverse Wave, 2018; Multicoloured Parametric, 2018; Blue Parametric, 2018; White Parametric III, 2019; jeweils Emaille auf Aluminium). Aus der Ferne wirken sie monochrom. Das ist eine Täuschung, denn aus der Nähe betrachtet, kommen die darin verborgenen Farben zum Vorschein. Mit den Beziehungen zwischen Außen und Innen, dem Sichtbaren und Verborgenen beschäftigte er sich auch in seinen freihängenden Edelstahlgittersäulen aus der Werkgruppe Mobile Column, welche sich zum einen auf Druckwellen, zum anderen auf Maschrabiyya beziehen. Ähnlich wie bei den dekorativen Holzgittern der traditionellen arabischen Architektur kann man durch die beiden im me Collectors Room ausgestellten Mobilen Säulen in die Ausstellungsräume blicken, ohne von den anderen Besucherinnen und Besuchern detailliert gesehen zu werden: Das Gitterraster macht die dahinterstehende Personen fast unkenntlich.

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Mary Bauermeister, Foto: Urszula Usakowska-Wolff

Die Schönheit der Dinge

Mary Bauermeisters Materialwahl beruhte auf Zufall. Bei ihren Aufenthalten in Sizilien Anfang der 1960er Jahre machte sie zwei Entdeckungen, die in ihre Kunst eingeflossen sind. Am Strand fielen ihr die unzähligen Steine auf: „Ihre kreisrunde oder ovale Form hat mich so fasziniert, dass ich sie zuerst in spielerischer Art aufeinander häufte. Es wurde mir vorgeworfen, dass ich wie alle Frauen nur bastele, Handarbeit, also Weiberkram mache.“ Das hielt sie nicht davon ab, ihre berühmten Steincollagen zu fertigen, darunter die Arbeiten Verschwindender Horizont (1966), Steingeburt (1981), Stone Tower (1985) und Stone Septet (2014-2019): „Diese Steine haben eine Geschichte. Sie stammen aus einem Felsmassiv, das durch Erdbeben oder etwas anderes gesprengt wird, dann kommt das Wasser und schleift Jahrhunderte lang diese Stücke, die zu einer Gemeinschaft gehörten, zum Individuum. Ich habe begriffen: Das ist unsere Gesellschaft, wir sind heute extrem individualisiert und vergessen, dass wir Teil eines Massivs, also eines Kollektivs waren“, sagt die Künstlerin. In einem sizilianischen Dorf sah sie damals auch „geflickte Bettlaken, auf denen seit Generationen geschlafen, gezeugt, gestorben wird“, die auf Wäscheleinen zwischen den Häusern trockneten. Die Sonne strahlte sie von hinten an, sodass ihre an abstrakte Landschaften erinnernden Muster sichtbar wurden. Mary Bauermeister kaufte mehrere Dutzend solcher Laken: „Ich habe mir überlegt: Die Ästhetik ist schon vorgegeben, ich machte nur Licht dahinter und zeige sie den Menschen. Ich will ihnen damit sagen: Guckt hin, es kann überall Schönheit entdeckt werden, auch in den scheußlichsten Dingen, und wenn nicht gerade Schönheit, dann doch Wahrheit.“ Eine Wahrheit, die auch in ihrer raumgreifenden Installation Howevercall (1964) aus einem verbrannten Baumstamm und Strandgut steckt: Das Leben ist ein ewiger Kreislauf aus Entstehen, Werden und Vergehen.

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Transverse Wave - Mary Bauermeister, Rashid Al Khalifa and Simon Stockhausen, Installationsansicht, Installation view, 2019 © me Collectors Room Berlin, Photo Eric Bell

Brillante Bild- und Klangwelten

In der Doppelschau Transverse Wave begegnen sich zum ersten Mal zwei künstlerische Persönlichkeiten, die der chaotischen, beliebigen und reizüberfluteten Welt perfekt gestaltete, stringente und harmonische Universen entgegensetzen. Sie zeigen das Kleine im Großen und dass jedes Gebilde aus vielen Einzelteilen besteht. Die Struktur, Beschaffenheit und den Rhythmus ihrer Arbeiten macht Simon Stockhausen in seinem akustischen Opus hörbar: Aus sechs Lautsprechern, je drei auf der linken und rechten Seite, strömen Klänge, die Rhythmen, Strukturen und Beschaffenheit von Marys Bauermeister und Rashid Al Khalifas Reliefs und Skulpturen in eine brillante, mit Worten kaum zu beschreibende Tonmalerei umsetzen. Und weil die Komposition 52 Minuten dauert und in einer Endlosschleife durch den me Collectors Room zirkuliert, gibt es viel Zeit, um das Ganze auf bequemen Sesseln zu goutieren. Ein unvergessliches Erlebnis ist dieser neue West-Östliche Divan, und jene, die ihn gesehen und gehört haben, werden vielleicht begreifen, was Johann Wolfgang von Goethe bereits vor 200 Jahren wusste: „Wer sich selbst und andere kennt / Wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen.“

Transverse Wave
Mary Bauermeister und Rashid Al Khalifa mit Sound Design von Simon Stockhausen

Kuratiert von Karin Adrian von Roques und Hauke Ohls
bis 31. Januar 2020

me Collectors Room
Auguststraße 68, 10117 Berlin
Mi-Mo 12-18 Uhr
www.me-berlin.com

Urszula Usakowska-Wolff

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Titel zum Thema me Collectors Room :

Der Stoff, aus dem die Wellen sind: Die Ausstellung Transverse Wave im me Collectors Room
Wir eröffnen das Neue Jahr mit einer Ausstellungsbesprechung von Urszula Usakowska-Wolff. Im Zentrum stehen Werke von Mary Bauermeister und Rashid Al Khalifa.

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