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Weiße Flecken zu Grabe getragen: Grada Kilomba und die Radikalität des Rituals

von Hanna Komornitzyk (12.06.2021)
vorher Abb. Weiße Flecken zu Grabe getragen: Grada Kilomba und die Radikalität des Rituals

Grada Kilomba
Heroines, Birds and Monsters
Creon, Act III, 2020


Psychologin, Autorin, Theoretikerin, Künstlerin – eine einzige Perspektive ist für Grada Kilomba schlicht unzureichend. Mit “The Words That Were Missing” nimmt sie sich erneut der griechischen Mythologie an und wühlt so unser kollektiv-narratives Gedächtnis mächtig auf. Eine radikale Forderung nach neuer, intersektionaler Geschichtsschreibung, die noch bis zum 12.06.2021 in der McLaughlin Galerie zu sehen ist.

“If history has not been told properly and if only some of its characters have been revealed as part of the narrative, then maybe we have a haunted history. What if the ghosts of the pasts are spirits that are doomed to wander precisely because their stories have not been told? And what if our history is haunted by cyclical violence, precisely because it has not been buried properly?” Der Prolog zu Grada Kilombas fast einstündiger Videoarbeit im Zentrum der Ausstellung The Words That Were Missing ist so vielschichtig und multiperspektivisch wie die portugiesische Künstlerin und Theoretikerin. Während auf einer großen Leinwand Darstellende Sophokles’ Antigone performativ – im positivsten Sinne – mehr ergreifen als interpretieren, kommt der Ton von einem zweiten Bildschirm in der Mitte des Raums: Zur linken Seite vor dem stillen Schauspiel platziert, ist Kilomba selbst ganz in Weiß auf einem Hochsitz zu sehen. Sie beobachtet das Schauspiel aufmerksam und mit ruhiger Distanz, nicht aber fehlender Emotionalität, scheint während des Films zwischen den Rollen der Erzählerin, Souffleuse und Kommentatorin zu wechseln. Die Worte, mit denen sie den dritten Teil ihrer Filmreihe A World of Illusions (2019) beginnt, sind zugleich Bestandsaufnahme, kritische Fragestellung und subtile wie entschiedene Forderung. Im Zusammenspiel mit den anderen Arbeiten – hinterbeleuchtete Fotografien, eine Anhäufung von schwarzen Trauerstoffen und ein Text auf einem großformatigen Wandpaneel – wird schnell deutlich, was hier zu Grabe getragen wird: ein allgemeingültiges Narrativ, das unsere Gesellschaft und Kultur maßgeblich definiert, trotzdem in ihm nur einige wenige zu Wort kommen.

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Grada Kilomba
Heroines, Birds and Monsters
Creon, 2020


Wie schon mit Narziss und Echo im ersten und Ödipus im zweiten Teil begibt sich Kilomba in ihrem Zwei-Kanal-Film zu den Wurzeln der westlichen Geschichtsschreibung, der griechischen Mythologie: Als ihr Thebens tyrannischer König Kreon die Bestattung ihres Bruders Polyneikes – einst verflucht durch seinen Vater Ödipus und nun als Rebell gegen die Stadt zu Fall gekommen – versagt, nimmt Antigone das Gesetz in die eigenen Hände. Zur Strafe wird sie lebendig eingemauert. Ihr Schicksal lässt eine ganze Reihe von Menschen ihr in den Tod folgen. Am Ende bleibt der König gebrochen zurück. Vielmehr als um den heldenhaften Widerstand der Märtyrerin gegen eine politische Obrigkeit, als welcher Antigones eigenmächtiges Begräbnis ihres Bruders allgemeinhin gelesen wird, geht es in Kilombas fortwährender Verhandlung der griechischen Mythologie um die Aufarbeitung eines kollektiven Traumas, aber auch individueller Traumata – indiziert durch nicht ausgesprochene oder unerhörte Emotionen und Realitäten.
In ihrer 2008 veröffentlichten Sammlung psychoanalytischer Kurzgeschichten Plantation Memories: Episodes of Everyday Racism schreibt Kilomba über die Unterdrückungsmechanismen, deren Spuren auch nach mehr als fünfhundert Jahren Kolonialgeschichte nachwirken: “In racism, denial is used to maintain and legitimate violent structures of racial exclusion [...]. While the Black subject turns into the intrusive enemy, who has to be controlled; the white subject becomes the sympathetic victim, who is forced to control. In other words, the oppressor becomes the oppressed, and the oppressed, the tyrant. This is based upon processes in which split off parts of the psyche are projected outside, always creating the so-called ‘Other’ as an antagonist of the ‘self.’ [...] Repression is, in this sense, the defense by which the ego controls and exercises censorship of what is instigated as an ‘unpleasant’ truth. Speaking becomes then virtually impossible as when we speak, our speech is often interpreted as a dubious interpretation of reality, not imperative enough to be either spoken or listened to.”

Es geht um Verwehrung, um das Nicht-Anerkennen einer anderen Perspektive als real und somit gleichwertig, das Ausblenden, das Unsichtbar-Machen, das Nicht-zu-Wort-Kommen-Lassen – die vielleicht weitreichendsten und tiefschürfendsten Formen der Machtausübung gegenüber marginalisierten Gruppen. Obwohl offener Rassismus und Ausgrenzung der politischen Korrektheit unserer sich als offen darstellenden Gesellschaft widersprechen, leben rassistische, unterdrückende und ausgrenzende Strukturen in unseren Geschichten und unserer Kulturproduktion weiter. Wir erinnern uns. Immer. Pausenlos. Fortwährend. Aber warum erscheinen uns Geschichten so vertraut, als hätten wir sie selbst erlebt? Was macht sie so unumstößlich, so in Stein gemeißelt? Antigone ist nicht etwa eine Märtyrerin, sie ist eine Frau, die über das Ausüben einer Zeremonie ein Kapitel ihrer persönlichen Geschichte abschließen möchte und diese Trauerarbeit unweigerlich einfordert. Sie wird so – nicht zuletzt über ein Filmmedium, das mit einer Stunde Spielzeit Raum und Beachtung einfordert – von einer Mythengestalt zu einer greifbaren Person, deren Leid zu spüren ist. Gleichzeitig ist sie Stellvertreterin für all jene, die mithilfe von strukturellem, durch den Kolonialismus indoktrinierten Rassismus zum Schweigen gebracht wurden. Die Betonung liegt wie im Titel der Ausstellung auf der Vergangenheitsform: Die Worte, um diesen geschichtlichen Zyklus der Gewalt zu beschreiben und zu durchbrechen, fehlen längst nicht mehr. Der großformatige Text links neben der Videoprojektion sammelt in poetischer Form Rassismuserfahrungen der Darstellenden aus Kilombas Film: konkrete Anfeindungen und offener Hass, aber auch oft von Zitatgebenden als positiv gewertete Aussagen, wie der immer wieder geäußerte Wunsch, die Haare einer schwarzen Person berühren zu dürfen.

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Grada Kilomba
Heroines, Birds and Monsters
Sphinx, Act III, 2020


Die aus zehn Einzelarbeiten bestehende Fotoserie Heroines, Birds and Monsters (2020) vervollständigt die Erzählung, die in Kilombas The Words That Were Missing in mehreren Etappen und über verschiedene Perspektiven vorgetragen wird. Im Zentrum stehen die schwarzen Trauerstoffe, die auch im Ausstellungsraum zu sehen sind. Wie eine Bildgeschichte führen die Fotografien jenes Ritual vor, das in der Geschichte verwehrt geblieben ist und richten sich so explizit gegen das Vergessen. In Form der Sphinx fordert Kilomba selbst dazu auf, die Monster und Geister der Vergangenheit nicht zum Schweigen, sondern vielmehr zur Ruhe zu bringen. Die Worte zum Ende ihres Films scheinen hier nachzuhallen: “[H]istory cannot be forgotten. The colonial history is memorized in a way that one will always remember. This might explain why we, so compulsively, search for the pieces of our history. For all the lost names and forgotten bodies. To mourn them. To bury them. To wash them and rest them. To sing and cry for them. To give them a name. To produce memory and to piece together this fragmented history of ours.” Es ist so vieles, was in Kilombas Arbeit mitschwingt: Die minimalistische Verwendung von Farben und die starken Kontraste – Weiß und Schwarz stehen tiefstem Rot gegenüber. Es gibt nichts, was ablenkt von den Narrativen und Stimmen, die zu lange unerhört geblieben sind. Der Fokus liegt bewusst auf dem Performativen und dem Gesprochenen – jene wichtige Anteile der Geschichte, die als dem Geschriebenen gleichwertig betrachtet werden sollten. Somit ist die Ausstellung multiperspektivisch, aber niemals didaktisch, die Ausschnitte sind präzise gewählt und doch nicht moralisierend. Grada Kilomba zeigt, auf poetische, aber auch akribisch wissenschaftliche Weise, welche Verantwortung die Kunst in einem postkolonialen Kontext einnehmen sollte. The Words That Were Missing ist ein Zeremonienraum, der Geschichte neu verortet, Lücken sichtbar macht – die weißen Flecken weißer Personen – und eine Anleitung zur Traumabewältigung gibt. Was, wenn nicht diese Art der Aufarbeitung, könnte in einem politischen Klima der Polarisierung als radikal gelten? Oder, um es in Kilombas Worten zusammenzufassen: “Telling history anew and properly is a necessary ceremony, a political act. Otherwise, history becomes haunted. Haunted and repeated.”

MCLAUGHLIN
Linienstr. 32
10178 Berlin
bis 12.06.2021, Di – Sa, 11-18 Uhr
und nach Vereinbarung
+49 30 246 26880
www.mclaughlingalerie.com

Hanna Komornitzyk

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Weiße Flecken zu Grabe getragen: Grada Kilomba und die Radikalität des Rituals
Nur noch heute in der McLaughlin Galerie.

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