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Der Antonyme Salon No. 1 – zu Besuch bei Anton Henning

von Katja Hock (30.04.2022)


Der Antonyme Salon No. 1 –  zu Besuch bei Anton Henning

Zwischen Scheu und Intimität, aber voller Neugier – Bei Anton Henning erlebt man ein Gesamtkunstwerk, das Freude macht.

Ein Sonntag in Charlottenburg, die Sonne scheint warm, wenige sind unterwegs und die Straße ruhig. Anton Henning öffnet die Türen seiner Beletage, heißt Interessierte und Bekannte im Antonymen Salon willkommen. Gezeigt werden unverkäufliche Werke in einer temporären Einzelschau des Künstlers in seinen privaten Räumlichkeiten.

In der geräumigen Altbauwohnung mit Stuck an der Decke riecht es trotz Maske nach Essen. Im Eingangsbereich hängen dicht beieinander Zeichnungen, Malereien und Kinderfotos. Zur linken Seite öffnet sich das Wohn-, gefolgt vom Esszimmer. Alles erinnert an eine Design-Einrichtungszeitschrift aus den 1990er Jahren, überraschend frisch, und sehr fröhlich. Farbexplosion aus orange, gelb und lila, extravagant und schick. Sowohl am Boden als auch an den Wänden. Ausstellungsraum oder Aufenthaltsraum? Auf dem leuchtenden Teppich laufen oder lieber einen Bogen machen? Sind die Möbel zum Sitzen da oder doch Ausstellungsobjekte? Es gibt Wasser aus der Karaffe mit Minzblättern und Zitrone, oder lieber Weißwein? Die Irritation spiegelt sich auch in der Zeit: Bei einer Uhr an der Wand wurden die Ziffern durchgestrichen und versetzt neu daruntergeschrieben. Kabinette 1 und 2 darf man nur mit Filzpantoffeln betreten, damit der creme-weiße Teppichboden nicht schmutzig wird – Doch lieber draußen bleiben. Besser nur von außen einen Blick ins Innere wagen?

Anton Henning entwickelt Wohnraum zum temporären Gesamtkunstwerk, das aus Gemälden, Skulpturen und Mobiliar verschmilzt und zu einem ambivalenten Erlebnis wird. Die farbenfrohe Gestaltung – man kann es nicht anders sagen – erhellt das Gemüt. Henning (*1964 in West-Berlin) ist Autodidakt und spielt mit großen Meistern wie Picasso, Courbet, Polke, Arp. Er legt sie neu aus und flechtet sie in seinen künstlerischen Gesamtkontext ein. Altbekannte Nutzgegenstände werden in Installationen umgewandelt.

In der Mitte des Kabinetts steht auf einem weißen länglichen Holztisch ein altes ungefülltes Waschbecken. Dort, wo eigentlich der Abfluss sein sollte, versiegelte Henning diesen mit einer runden Harz-Miniatur von Gustav Courbets L´origine du monde, der Darstellung des weitgeöffneten weiblichen Schoßes. Die Arbeit Hennings zieht bewusst Parallelen zum Vorgängerwerk. Er verwendet neben dem Motiv auch die Anlehnung Courbets in seinem Titel L´origine de la sculpture. Die Skulptur irritiert. Sollte nicht alles aus dem Ursprung heraustreten statt in ihn hineinfließen. Das Epoxidharz verstopft den Abfluss, macht das Becken zu etwas Beständigen, Stagnierenden, wenn sich darin Flüssigkeit befinden würde. Die Bandbreite, Vielschichtigkeit und Ambivalenz der gesamten Ausstellung kondensiert in diesem Waschbecken: Ein Gebrauchsgegenstand von irgendwann, ausgestellt wie ein Ready-Made Duchamps um die Zeit des Ersten Weltkriegs mit einem Zitat an den Ursprung der Welt aus den 1860er Jahren.

Auch das beinahe lebensgroße Werk La Recontre No.4 aus dem Jahr 2004 ist ein Zitat auf Courbet. In dem Werk von 1854 begegnen zwei Männer einem dritten, die in der grünen Natur auf Wanderschaft sind. Henning interpretiert diese Begegnung, indem er die Protagonist*innen in eine wüstenanmutende Landschaft setzt. Der Pinselstrich ist weniger detailliert, lockerer und umrisshafter als Courbets. Statt abgenommener Kopfbedeckungen schwenken Hennings Figuren sich gegenseitig dreiblättrig-fleischige Pflanzen zu, die einem immer wieder in seinen Arbeiten begegnen. Und es scheint, als hätte sich der Künstler in einer seiner Figuren mit Brille verewigt.

Durch Charme und Humor verbindet Henning Malereien mit seinen Wohnungswänden zu einer Gesamtinstallation. So ist das Portrait No. 199 unmittelbar über den großen Esstisch im Wohnzimmer zentral umgeben von einem pinken Wandrahmen, der sich mit einer dünnen weißen Linie von dem auberginefarbenen Wandhintergrund absetzt. Das Werk von 2007 zeigt einen Freischwinger, auf dem sich eine Art Tierschweif entlang schlängelt, einen Pinsel in der Hand hat, sich selbst malt. Dort, wo ein Mund sein könnte, hält das Wesen eine glimmende Zigarette. Zwei Augen mit langen Wimpern schauen in unterschiedliche Richtungen.
Henning mixt Altbekanntes mit Neuem, bedient sich unterschiedlicher Gattungen, die er interpretiert und in andere überträgt. Er arbeitet vielfältig und unberechenbar, sodass sich sein Stil kaum einfangen lässt. Die Moderne bildet seinen Kompass, an dem er sich orientiert.

Die gemeinnützige Gesellschaft Der Antonyme Salon richtet regelmäßige kuratorische Projekte, Vorträge, Diskussionsrunden aus. Der Fokus richtet sich auf die Kunst des 20. Jahrhunderts mit Hennings Œuvre als Ausgangs- und Bezugspunkt. Beim Besuch im Antonymen Salon darf man einen inszenierten Exhibitionismus im positivsten Sinne erleben, der anregt und Lust macht auf ein Wiedersehen beim nächsten Salon im September. Bei all der Farbe und Augenzwinkern scheint es keine Ironie zu geben – es ist so künstlich wie authentisch. Kunst und Künstler sind echte Gastgeber.

Der Antonyme Salon No. 1 – Anton Henning: Unverkäuflich anmutige Antiphrasen
30. April und 1. Mai 2022, anlässlich des Gallery Weekend 2022

Der Antonyme Salon gGmbH
Giesebrechtstraße 5
10629 Berlin-Charlottenburg

Der Antonyme Salon No. 2 soll am 17. September 2022 stattfinden.

www.derantonymesalon.com
www.antonhenning.net

Katja Hock

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