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Brennende Erde: Mona Hatoums Objekte der Gewalt

von Hanna Komornitzyk (13.11.2022)


Brennende Erde: Mona Hatoums Objekte der Gewalt

Mona Hatoum, Hot Spot III, 2009 Edelstahl und Neonröhren Stainless steel and neon tube 234 x 223 x 223 cm © Mona Hatoum. Courtesy the artist and MdbK Leipzig, Foto / Photo: © dotgain.info

An gleich drei Orten ist die palästinensisch-britische Künstlerin Mona Hatoum zur Zeit in Berlin zu erleben – ein gemeinsames Projekt von n.b.k., Georg Kolbe Museum und KINDL, das den vielschichtigen, über vier Jahrzehnte entstandenen Arbeiten zwischen Performance und Skulptur mit Einzelimpulsen gerecht zu werden versucht. Was sie eint: Der Kampf gegen Strukturen, Gewalt und Repressionen.

Ein Rattern. Dann Quietschen. Es bewegt sich. Langsam, unvorhersehbar, zaghaft – wie ein Organismus aus einer fremden Welt. Die sich ständig verändernde Choreografie hallt auch dann noch nach, als die kinetische Konstruktion längst zum Stillstand gekommen ist. Mona Hatoums fast raumhohe, ortsspezifische Arbeit all of a quiver (2022) im ehemaligen Kesselhaus des KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst erinnert nicht nur an das Grundgerüst eines Gebäudes, sondern auch an einen überdimensionierten Käfig. Motoren an der Decke lenken über feine Drähte schwarze Stahlrohre, so, dass sich einzelne Elemente frei bewegen können. Mal bleibt der Kasten stumm, dann wieder rotiert er minutenlang, – scheint in sich zu kollabieren, nur um im Anschluss in seiner Ursprungsform wieder aufzuerstehen. An seinem Ausgangspunkt wirkt das Konstrukt stabil, robust, für die Ewigkeit geschweißt – und doch bräuchte es lediglich eine leichte Berührung, um seine Fragilität zu offenbaren. Wie alle Arbeiten der palästinensisch-britischen Künstlerin ist auch diese metaphorisch, reduziert und für Deutungen offen: Wenn es sich um einen Käfig handelt, für wen oder was ist er gebaut? Verkörpert der Organismus unsere gesellschaftlichen Systeme, die nur auf den ersten Blick stabil erscheinen? Oder steht er für die Welt, aus deren Strukturen wir auszubrechen versuchen, – um dann letztendlich festzustellen, dass sie nur vermeintlich aus den Fugen geraten sind?

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all of a quiver, 2022, Aluminium-Vierkantrohre, Stahlscharniere, Elektromotor und Kabel, 862 x 385 x 290 cm, Installationsansicht, KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Kesselhaus, Foto / Jens Ziehe, 2022

Zeitsprung: In den 1980er Jahren erlangt Mona Hatoum mit Performances internationale Bekanntheit. Am eigenen Körper ausgetragen stellt sie das Individuum in einen politischen Kontext: Keine von ihnen benennt explizit spezifische Konflikte, – und doch sind sie geprägt von Assoziationen der Gewalt, Unterdrückung und Hatoums eigener Erfahrung der Entwurzelung. Im Jahr 1952 als Kind palästinensischer Eltern in Beirut geboren, ist sie von der libanesischen Staatsbürger:innenschaft ausgeschlossen. Als sie im Jahr 1975 das Land für einen Aufenthalt in London verlässt, bricht im Libanon der Bürgerkrieg aus. Hatoum darf nicht wieder einreisen. Die Gewalt und Anschläge in ihrem Geburtsland kommen 1990 mit dem Abkommen von Ta’if zur Ruhe, lassen es destabilisiert zurück, flammen bis dato immer wieder auf. Heute lebt und arbeitet Hatoum zwischen London und Berlin. Nur wenige ihrer Performances von 1981 bis 1989 werden gefilmt, die meisten finden nur ein einziges Mal in Straßen oder Galerien statt. Im Georg Kolbe Museum sind zehn von ihnen in Videos und Digitaldrucken dokumentiert.

Ein Film zeigt Variation on Discord and Divisions aus dem Jahr 1984: Kriechend bahnt sich die Künstlerin – ganz in Schwarz gekleidet, ihr Gesicht von einer Maske verhüllt – ihren Weg durch die Reihen von Zuschauenden im Kunstzentrum Western Front. Auf einer mit Zeitungspapier ausgekleideten Fläche beginnt sie mit einer Reihe von Aktionen: Sie verteilt blutrote Farbe aus einem Eimer auf der Fläche, zeichnete mit einer Messerspitze ihre verborgenen Gesichtszüge nach und holt dann eine rohe Rinderniere unter ihrer Kleidung hervor, um sie anschließend zu zerschneiden und dem Publikum zu servieren. Es ist gerade die Arbeit mit minimalistischen und doch sehr symbolträchtigen Objekten, die hier Beklemmungen auslöst. Sie lassen an Marina Abramovićs Rhythm 0 (1974) denken, für welche die Künstlerin das neapolitanische Publikum im Studio Morra sechs Stunden lang einlud, mit auf einem Tisch ausgebreiteten Gegenständen – 72 an der Zahl, darunter Honig, eine Feder, Wein, aber auch ein Skalpell, Nägel und ein geladener Revolver – Handlungen an ihr auszuführen. Die gewaltsamen und schwer missbräuchlichen Reaktionen auf Abramovićs Handlungsaufforderung sind gut dokumentiert. Sie zeigen, welche Kraft sich hinter der zugesprochenen Sinnhaftigkeit von Objekten verbirgt. Hatoum dreht diese Dynamik um: Sie selbst entscheidet, welche Handlungen sie vollzieht – Zuschauende müssen ertragen, ihr dabei zuzusehen.

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Mona Hatoum, Remains of the day, 2016-2018 © Georg Kolbe Museum, Foto Jens Ziehe

Eine der bekanntesten unter den dokumentierten Performances im Georg Kolbe Museum ist The Negotiating Table (1983): Nur eine Glühbirne hängt über dem einfachen Tisch, auf dem Hatoum liegt, blutüberströmt, an mehreren Körperstellen bandagiert und in einen Leichensack gehüllt. In einer Radioübertragung sprechen politische Weltmächte von einem globalen Frieden. Nur ein Jahr zuvor begann der Libanonkrieg mit dem Einmarsch israelischer Truppen. Es ist der Tisch an beiden Enden von Stühlen eingerahmt, der hier eine Folterszene entstehen lässt. Schon in Hatoums Performances spielen Objekte eine große Rolle – Objekte in verlassenen Szenerien, die auf die Abwesenheit des Menschlichen verweisen. Hier ist niemand, der eingreifen könnte. Es scheint wie eine logische Konsequenz, dass sich Hatoum in den 1990er Jahren der Arbeit mit Objekten zuwendet. Obwohl sie sich ihnen selbst entzieht, stehen die Handlungen im Raum, können auf sich allein gestellt sogar mehr Kraft entwickeln. Die Installation Remains of the Day (2016-2018) zeigt von Maschendraht umspannte Holzobjekte – oder vielmehr das, was von ihnen übrig ist: Was hier noch die Form eines Tisches mit Stühlen, eines Spielzeugtraktors oder eines Nudelholzes trägt, ist lediglich ein verkohlter Rest, der allein vom Draht zusammengehalten wird und fortwährend zerfällt. Die im Rahmen des 10. Hiroshima Art Prize entstandene Arbeit lässt im Kopf eine familiäre Situation entstehen, die von einer plötzlichen Katastrophe heimgesucht wurde. Sie erinnert an das große Ausmaß der Verwüstung, das die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki am 6. August und 9. August 1945 nach sich zogen. Gerade in Anbetracht jüngster Konflikte erweitert sich diese Deutungsebene: In letzter Konsequenz ist es immer der menschliche Alltag, der vom Krieg zerstört wird – mit ihm seine Sicherheiten und Routinen.

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Mona Hatoum, Home, 1999, Ausstellungsansicht Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.), 2022. © Foto: n.b.k. / Jens Ziehe

Auch im n.b.k. steht hinter einem Zaun aus Stahlseilen ein Tisch, auf dem Hatoum Objekte zusammengetragen hat: Unter Küchenreibe, Nudelsieb, Schöpfkelle und Fleischwolf aus rostfreiem Stahl sind Glühbirnen verborgen, die im Wechsel aufleuchten, begleitet von einem langsam an- und abschwellenden Geräusch, das an eine Hochspannungsleitung erinnert. Der Ton für Home (1999) kommt aus den Boxen an der Decke und hält dennoch davon ab, den Zaun zu berühren – aus Angst, einen Stromschlag versetzt zu bekommen. In allen Arbeiten Hatoums aus mehr als 40 Jahren künstlerischen Schaffens sind es vertraute, hypothetische Objekte, an denen Spuren der Gewalt auch dann noch sichtbar bleiben, wenn Betroffene und Täter:innen längst verschwunden sind. Als stille Zeitzeug:innen eines fortwährenden globalen Zerstörungsprozesses machen sie mit Wucht universelle Handlungen der Unterdrückung, des Unrechts und des Missbrauchs greifbar – je ruhiger die Szenarien, desto schmerzlicher und unerträglicher die von ihnen ausgehende Kraft. Beim Besuch des Georg Kolbe Museums lag die ortsspezifische Installation Tectonic (2022) übrigens in Scherben: Eine der quadratischen Glaskacheln, auf die eine große Weltkarte gefräst ist, war zu Bruch gegangen. Wie passend: Die Erde brennt. Und wir sind still.

Die dreiteilige Ausstellung zu Mona Hatoum ist im n.b.k. nur noch bis zum 13.11.2022 zu sehen. Im Georg Kolbe Museum bleibt sie bis zum 8.1.2023, im KINDL bis zum 14.5.2023 bestehen.

Mona Hatoum. all of a quiver
18.9.2022-14.5.2023
KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst / KINDL – Centre for Contemporary Art
Am Sudhaus 3, 12053 Berlin
www.kindl-berlin.de

Mona Hatoum
15.9.2022-8.1. 2023
Georg Kolbe Museum
Sensburger Allee 25
14055 Berlin
www.georg-kolbe-museum.de

Mona Hatoum
15.9.-13.11.2022
n.b.k.
Chausseestr. 128/129
10115 Berlin
www.nbk.org

Hanna Komornitzyk

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Daten zu Mona Hatoum:


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- Tate Post War Collection London
- The Global Contemporary. Kunstwelten nach 1989 - ZKM, 2011
- White Cube - Gallery
- Yesterday Will Be Better, Aargauer Kunsthaus


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Titel zum Thema Mona Hatoum:

Brennende Erde: Mona Hatoums Objekte der Gewalt
An gleich drei Orten ist die palästinensisch-britische Künstlerin Mona Hatoum zur Zeit zu erleben: n.b.k., Georg Kolbe Museum und KINDL. Im n.b.k. ist heute letzter Ausstellungstag.

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