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Berlin Daily 30.05.2024
Kritische Vermittlung: Kunst und Erinnerungsarbeit

19 Uhr: Franz Wanner im Gespräch mit Nora Sternfeld (Kunstvermittlerin und Kuratorin, Prof.HFBK Hamburg) im Rahmen der Ausstellung "Mind the Memory Gap". KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst | Am Sudhaus 3 | 12053 Berlin

Zwischen Virtueller Realität und Naturordnung. Marlene Bart im Tieranatomischen Theater Berlin

von Maximilian Wahlich (25.05.2023)
vorher Abb. Zwischen Virtueller Realität und Naturordnung. Marlene Bart im Tieranatomischen Theater Berlin

© Marlene Bart

Das Tieranatomische Theater Berlin ist Teil der Humboldt-Universität und versteht sich als Ausstellungs- und Veranstaltungsort für experimentelle künstlerische und kuratorische Praxis. Einst war dieses älteste noch erhaltene akademische Lehrgebäude Berlins veterinärmedizinischer Sezierraum. Der Hörsaal besticht auch heute noch durch seine steil ansteigenden, engen Sitzreihen und die Kuppel. Die hier gezeigten Ausstellungen haben oft einen thematischen Bezug zu naturwissenschaftlichen Fragestellungen, Mensch und Natur werden verortet und zueinander in Beziehung gesetzt. Unser Blick auf das scheinbar Naturgegebene und „Ursprüngliche“ wird als menschengemachtes Konstrukt erkannt und Gegenstand künstlerischer Arbeiten.

Aktuell sind in Kooperation mit dem Museum für Naturkunde eine Virtual-Reality-Animation (VR) und Plastiken der Berliner Künstlerin Marlene Bart zu sehen. Bekannt ist sie für ihre VR-Arbeiten sowie als Mitherausgeberin der Publikationsreihe „atlas“.
Wie der Ausstellungstitel Theatrum Radix erahnen lässt, befassen sich ihre Werke mit der Kulturgeschichte dieses besonderen Ortes. Einst wurden hier Tiere aufgeschnitten und untersucht. Hier verfestigten sich die zeitgemäßen Vorstellungen von Natur, Enzyklopädien entstanden und Ordnungssysteme stellten den Menschen an die Spitze der Evolution. Bart hinterfragt einerseits diese Vormachtstellung und Hoheitsstellung des Anthropozäns. Zum anderen beleuchtet sie, wie sich unsere Vorstellung von Natur entwickelt hat und greift dabei bis in die Frühe Neuzeit zurück.

Im Hörsaal verteilt stehen auf den Tischen gläserne Vitrinen mit weißen Rahmen. Sie erinnern an Vogelkäfige oder alte Schaukästen naturkundlicher Sammlungen. Mit ihren verspielten Ecken zitieren sie die denkmalgeschützte Architektur des rund 200 Jahre alten Baus.


© Marlene Bart

In jeder der 49 Vitrinen befindet sich eine Tierattrappe, ein organisches Objekt. Das Spektrum dieser Objekte reicht von historischen Artefakten über zeitgenössische 3D-Drucke bis hin zu eigenen Kreationen Barts. Die Besuchenden können durch die Sitzreihen gehen, sich die Objekte aus der Nähe ansehen und sie visuell erkunden. Der Rundgang vermittelt die fantastische Vielfalt der Naturdarstellungen. Neben einem riesenhaften Käfer, einer enorm vergrößerten Spinne, befinden sich technoid anmutende Frösche, die in tausend kleinteilige geometrische Flächen zerlegt zu sein scheinen, oder massive Objekte aus eingefärbtem Glas.
Beim Gang durch die Reihen nähern wir uns im Geiste den ehemaligen Studierenden. Wir erahnen die architektonische Bestimmtheit dieses Lehrinstitutes: Lehnen und Bänke sind eng und steif. Man saß mit geradem Rücken. Der Blick war unweigerlich auf die untere Mitte des Raumes gerichtet. Im Gegensatz zu damals verschwinden in der Ausstellung hierarchische Konzepte zugunsten einer diffusen, fast surreal anmutenden Biodiversität.

In diesem Zentrum, wo einst die Tiere zerlegt wurden, steht heute ein Tisch mit drei VR-Brillen. Aufgesetzt, tauchen wir für rund 15 Minuten in eine andere Sphäre. Wir selbst sitzen, bleiben bewegungslos oder drehen uns um die eigene Achse. Die Kamera fährt durch die Szenen und eröffnet neue Narrative, die sich einer strengen Wissenschaftlichkeit verweigern: Die Schwerkraft scheint aufgehoben, Gegenstände und Farben folgen einer kosmischen Logik und haben kein Gewicht, ändern ihre Farbigkeit, dehnen und strecken sich nach Belieben.


© Marlene Bart

Die Größenverhältnisse irritieren, und die Kamerafahrt erlaubt ein viel tieferes Eindringen in das Tier als es mit bloßem Auge möglich ist. So rasen wir durch schier endlose Adern, Blutgefäße oder andere Organe. Dabei changieren Farben von Schwarz zu Dunkelblau ins Violette und wieder ins Weiß.
Die VR-Arbeit verknüpft den Raum mit den einzelnen Objekten in den Vitrinen. In den weiß gerahmten Glaskästen liegen die Objekte zur Ansicht bereitet, nun krabbeln sie munter durch Räume aus pulsierenden Waben und zerstechen Blasen. So folgt auf die Nahsicht eines Schneckenhauses das Tieranatomische Theater, wiederum angeordnet wie die spiralförmige Schleife eines solchen Hauses. Wir drehen uns immer mehr in den Nukleus. Ende. Ein neues Kapitel beginnt. Erneut wird eines der Dinge aus der ersten Reihe des Hörsaals vorgestellt. Und wir dringen weiter ein in die traumhafte Relektüre unserer Naturwahrnehmung – immer tiefer in Szenen, wo Vertrautes plötzlich unbekannt erscheint und visuelle Ordnungssysteme in Frage gestellt werden.

Marlene Bart: Theatrum Radix
6. – 27. Mai 2023

Öffnungszeiten: Di – Sa, 14-18 Uhr

Info zur Ausstellung: Die Virtual-Reality Animation kann immer Dienstag bis Samstag zwischen 16 – 18 Uhr über VR-Headsets betreut angeschaut werden.

Humboldt-Universität zu Berlin
Campus Nord, Haus 3
Philippstr. 13
10115 Berlin
tieranatomisches-theater.de

Maximilian Wahlich

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Titel zum Thema Tieranatomisches Theater Berlin:

Zwischen Virtueller Realität und Naturordnung. Marlene Bart im Tieranatomischen Theater Berlin
Nur noch bis Samstag. --> Unsere Besprechung

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