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Totes Tier und die Illusion eines „Urzustandes“. I. S. Kalter | Yana Tsegay bei MOUNTAINS

von Maximilian Wahlich (17.08.2023)
vorher Abb. Totes Tier und die Illusion eines „Urzustandes“.  I. S. Kalter | Yana Tsegay bei MOUNTAINS

I. S. Kalter | Yana Tsegay, Installation view
Courtesy the artists and Mountains, Berlin. Photo: Julie Becquart, Berlin.


Totes Tier, das einmal voller Leben war, dem wir heute in hohlen Knochen und fleischigen Oberflächen nachzuspüren versuchen. Den Resten messen wir durchaus okkulte Fähigkeiten bei, aber auch naturkundliche Fakten. Wir erforschen und erkunden. Wir spekulieren über das Tier und seine Eigenschaften. Wir konstruieren ein Habitat – unsere Illusion eines „Urzustandes“.

Die Kunstwerke von I. S. Kalter (zur Zeit auch in der Kölner Galerie Gold-Beton zu sehen) und von Yana Tsegay umkreisen diesen Themenkomplex rund um unsere Geschichtsschreibung von Natur und ihren phantastischen Spuren. Beide Künstler*innen werden aktuell in der Galerie Mountains gezeigt. Der Ausstellungsraum ist ein White Cube, mit Schaufenstern und weißgetünchten Wänden. Alles ist aufgeräumt, außer den Werken gibt es kaum sinnliche Eindrücke. Diese Gestaltung gilt gemeinhin als nüchtern und neutral. Ja, so unvoreingenommen und zurückhaltend, dass potentielle Käufer*innen die ausgestellten Werke in ihre eigenen Zimmer hineinimaginieren können. Begonnen hat die Geschichte der weißen monochromen Wände unter anderem in Naturkundemuseen. Dort galten sie als idealer Hintergrund, um die Farbenpracht der Natur zu betonen. Das Setting der Galerie Mountains in Mitte ergänzt damit die 22 Arbeiten der zwei Künstler*innen.


Yana Tsegay, Giant Track / Found in Rocks, 2022 – 2023
Acrylic and molding paste (painted frame) on nettle fabric, 140 × 180 × 2 cm
Courtesy the artist and Mountains, Berlin. Photo: Julie Becquart, Berlin.


Tsegay kommentiert in ihren Werken Naturkundemuseen und deren Umgang mit Natur. Fotografien zeigen eine ihrer Performances. Dabei geht sie in die naturkundlichen Sammlungspräsentationen und nimmt eigenwillige Posen vor Tierexponaten ein: Halb im Spagat vor einem Skelett, mit erhobenen Händen vor einem ausgestopften Bären, liegend auf einer Bank oder neben einem Orang-Utan-Arm. Yana Tsegay nutzt ihren Körper und schafft einen spannenden Drahtseilakt zwischen sportlicher Übung, flirtendem Blickkontakt zu den Betrachter*innen und seltsamer Verrenkung. Als BiPoC setzt sie sich ins Verhältnis zu einer Natur, die in der westlichen Welt selbstverständlich fremdgestellt und exotisiert wird. Dem entgegen positioniert sie sich in einer Kostümierung aus Ledermantel und Handschuh – einer Mischung aus Statussymbol und verjährtem Chic. Ihr Aufzug wirkt verschroben, die Bildausschnitte amateurhaft. Sie verunsichert so eine weiße, europäische und menschengemachte Natur- und Museumserfahrung.
Mit ihren Gemälden verfremdet sie mittels Schrift unseren (eingeübten) Umgang mit der Natur und ihren Fundstücken. Neben den schemenhaft gemalten Skeletten sind Zitate von Objektlabels gemalt. Sie spiegeln uns unsere eigene Sicht von Natur und Geschichte wider. Das Gekrakel scheint willkürlich auf die freien Leinwandflächen verteilt und wirkt rebellisch, jugendlich, energisch (ein Gefühlsspektrum, das im (westlichen) Museumskontext nicht existiert). Die Schrift erinnert entfernt an Graffiti, dessen Ursprung passenderweise immer wieder in der Höhlenmalerei gesucht wird. Ebenso können die großzügigen Bögen, flächigen Schraffuren und breiten Pinselstriche auf eben diese frühzeitlichen Malereien, archäologischen Fundstücke und reliefartigen Skelettreste verweisen. Dass so manches der gezeichneten Wesen wohl nie existierte, lässt einmal mehr unsere faktenorientierte Geschichtsschreibung phantastisch werden.


I. S. Kalter, Existential Threat, 2023
Mixed media on linen, artist’s frame, 69 × 84 × 6 cm
Courtesy the artist and Mountains, Berlin. Photo: Julie Becquart, Berlin.


Die Werke der von Yana Tsegay und I. S. Kalter wechseln sich immer wieder ab. Eine Reihenfolge oder ein stringenter Erzählfaden sind in der Ausstellung nicht ersichtlich. Beide Positionen bedienen sich einer ähnlichen „rohen“ Ästhetik, wobei I. S. Kalters Bilder deutlicher an ein abgeschlossenes, klassisches Kunstwerk erinnern. Seine Formensprache wirkt abgerundet. Die Bilder bestehen aus mehreren Lagen dünner Papiere. Dadurch entstehen faltige Oberflächen, sie scheinen von Sehnen und Adern durchzogen und haben eine abstrakt organische Form. Durch die Technik wirken sie wie aus Leder. Manchmal sogar wie Fleisch, die Haut schon lange abgezogen, die angetrocknete tote Materie schimmert bereits durch . Ergänzt wird die Reihe unter anderem durch einige zylinderförmige Plastiken an den Wänden. Sie wirken knöchern, überzogen mit einer hautartigen Textur. Entfernt erinnern sie an schamanische Objekte. Im krassen Kontrast steht dazu im hinteren Galeriebereich ein metallener Zaun mit einem eingerissenen Loch, als wäre ein wildes Tier hindurchgesprungen. Offensichtlich sind I. S. Kalters Tiere noch nicht so lange tot. Sie haben einen klareren Bezug zum Heute. Mit den kleinformatigen Arbeiten Yana Tsegays teilen sie sich ihre magische Anziehungskraft. Darüber hinaus justieren beide Künstler*innen unsere selbstverständlichen Kategorisierungen und Wahrnehmung von Natur neu.

I. S. Kalter | Yana Tsegay
2. Juni – 20. August 2023

MOUNTAINS
Rosa-Luxemburg-Platz
Weydingerstr. 6
10178 Berlin

Mittwoch bis Samstag 13 – 19 Uhr und nach Vereinbarung
mountains.gallery

Maximilian Wahlich

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Titel zum Thema Mountains:

Totes Tier und die Illusion eines „Urzustandes“. I. S. Kalter | Yana Tsegay bei MOUNTAINS
Noch bis Samstag (20.8.23) --> Ausstellungsbesprechung:

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