Mariana Carranza, blurring boundaries, Video, Foto Jo Jankowski - Stiftung Berliner Leben

Niemals nie sagen, denn die Welt ist stets im Wandel. Transformation, das Prozesshafte und Mehrdeutige sind Themen der Ausstellung „I am Flux. The freedom of being and the possibilities of becoming“ im Projektraum des URBAN NATION Museums. Ausgestellt werden Arbeiten, die während des zehnmonatigen Stipendienprogramms Fresh A.I.R entstanden sind. Der zehnte Jahrgang befasste sich mit drei unterschiedlichen Themenschwerpunkten wie gender und Identität (HORIZONS OF BEING), mit einer andersartiger Wahrnehmung von „Realität“ (WHISPERS OF EXISTENCE) und der Grenzerfahrung zwischen Kreativität und dem Menschlichen (BEYOND LIMITS).

Diese Themenfelder werden im Ausstellungstext mit einem politisch-ethischen Aufruf verbunden, dass auf die multiperspektivische Abkehr „singulärer Wahrheiten“ eine pluralistische Vielfalt folgen würde – eine Vielheit, die wiederum Gesellschaft sichtbar macht und gewohnte Denkmuster hinterfragt.

Eine neue Sicht auf die Welt, unmittelbar umgesetzt in einer Projektion des live gefilmten Ausstellungsraumes. Wir sehen die rund 15 Kunstwerke, teils raumgreifende Installationen, Videos und größere Formate sowie uns selbst, die Besuchenden. Die Künstlerin Mariana Carranza legt über die Aufnahme einen Filter, eine Verfremdung, eine Spur der Irritation. Angelehnt an das Buch „Alice im Wunderland“, wo ein phantastischer Kosmos mit verdrehten, scheinbar unlogischen oder radikal-logischen Schlüssen, „unsere“ Wirklichkeit mit ihren Normen, Regeln und (In)konsequenzen konfrontiert und ratlos werden lässt.

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Agata Mendziuk, More-Human, Foto Jo Jankowski - Stiftung Berliner Leben

In direkter Nachbarschaft dazu hängen an der Wand drei Arbeiten von Agata Mendziuk / instgram , die sich mit der Frage befasst, wie Künstliche Intelligenz (KI) unsere Fantasie beeinflusst. Die Reihe „More-Human“ operiert unter anderem mit KI-generierten Bildern und bedient eine kühl technoide Ästhetik. Eine individuelle, menschliche Handschrift wird vermieden. Steril und hart, ein Schriftband liegt über einem leblos metallenen Mund, in roten Buchstaben rasen die Sätze: „I love you, daddy. Daddy, I am here for you. I will never say no. I love you, daddy. Daddy, I am here for you. I will never say no.“ Absolut ergeben, domestiziert, die Mundpartie stammt von einer jungen Person. Wer spricht da? Was stellen wir uns eigentlich vor? Ist die KI ein Spiegel dieser Vorstellungen?

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Dylan Mitro, Inherited Thread, Foto Jo Jankowski - Stiftung Berliner Leben

Eine vollkommen andere Richtung schlägt dagegen Dylan Mitro mit seinem Forschungsprojekt „Inherited Thread“ ein. Auf Baumwollpapier, das einer Jeans ähnelt, wurden Karten und Statements gedruckt. Sie stammen aus dem Tourismus-Atlas „Berlin von hinten“, der erstmals 1981 für ein dezidiert schwules Publikum herausgebracht wurde. Der Reiseführer versammelt Szeneräume, Safer spaces und Reisetipps. Einige der historischen Orte haben sich mittlerweile transformiert zu queer-spaces oder zu Orten mit gänzlich anderem Profil, viele haben sich umbenannt oder sind verschwunden. Mitro möchte diese Orte lebendig in Erinnerung halten, die Zeitlichkeit einfangen. Dabei wird auch sichtbar, wie sich der gesellschaftliche Diskurs fortbewegt hat. Die Geschichte dieser Orte, der schwulen Szene in Berlin, deren Rezeption im Reiseführer und unser Wissen von heute: All das addiert und verdichtet sich zu einer Kartografie – urbane Räume, soziale Landschaften werden fassbar sowie gesellschaftliche Veränderung und Transformation.

Künstler*innen: Agata Mendziuk, Dylan Mitro, Hugo Pétigny, Jivan van der Ende, Julla Kroner, Lena Becerra, Lena Biresch, Linda Marwan, Mariana Carranza, Mátyás Tóth, Monika Popiel & Paweł Świerczek

Ausstellungsdauer: 7. November 2025–29. März 2026

Öffnungszeiten: Di/Mi 11-18 und Do-So 13-20 Uhr

Ort: Projektraum des URBAN NATION Museums, Bülowstraße 97, 10783 Berlin

urban-nation.com