O B A F G K M , 2025/26 (Videostill) © Sabrina Labis

Mit dem Ausstellungstitel Miss Universe ruft Sabrina Labis in der Galerie im Tempelhof Museum bewusst Assoziationen an Schönheitswettbewerbe auf – an ein System, in dem weibliche Körper patriarchal geprägten Erwartungshaltungen, sexualisierten Maßstäben und vermeintlichen Normen unterworfen werden.

Die Ausstellung beginnt jedoch mit der Astronomin Annie Jump Cannon, die vor rund 100 Jahren eine Sternkonstellation entdeckt hat, die mit der Buchstabenkombination OBAFGKM abgekürzt wird. Um sich diese Abfolge zu merken, kursiert heutzutage in der Lehre die Eselsbrücke „Oh, be a fine girl! Kiss me“ – ein durchweg sexistischer Satz. Warum sollte ein „fine girl“ jemanden küssen wollen? Zudem erscheint es perfide, dass mit so einem Ausspruch die Entdeckung einer Wissenschaftlerin beschrieben wird. Damit ist das Konzept der Ausstellung klar umrissen: Die vier ausgestellten Werke kreisen vor allem um das Thema einer patriarchalen Wissenschaftshegemonie und den Ausschluss von Frauen aus einem System der Wissensproduktion.

Responsive image
Sabrina Labis, Constallations, 2026, Foto: Andreas Meichsner

Gleich neben dem Eingang hängt die Fotoserie Constallations (2026). Auf den kleinen Schwarz-Weiß-Bildern sitzen Gruppen an Wissenschaftlerinnen, darunter Astronominnen wie Annie Jump Cannon, Williamina Fleming oder Dorothea Klumpke, inmitten von Büchern, neben Teleskopen oder Globen. Es sind ihre Arbeitsräume, Lehrstätten und Laboratorien in berühmten Universitäten. Doch sind die Gesichter der Frauen verdeckt von funkelnden Strasssteinchen. Die historische Marginalisierung weiblicher Positionen in der Wissenschaft – im Fall der Ausstellung besonders in der Astronomie – wird mit dem Verdecken der Gesichter plakativ. Die Anordnung der Steinchen ist wiederum Sternbildern nachempfunden und soll an ein Umdenken von Deutungshoheit, Ausschluss und Geschichtsschreibung appellieren. Dass ausgerechnet die Astronomie – die naturwissenschaftliche Erforschung von Himmelskörpern und kosmischen Phänomenen – von Frauen dominiert wird, dass diese glitzernden Steine auch feminin und sexuell konnotiert sind, wird eher subtil thematisiert.

Ausgehend von Annie Jump Cannons Entdeckung und dem sexistischen Merksatz, hat Sabrina Labis versucht alternative Formulierungen zu finden. Sie verbindet diese mit der Biografie der Computeringenieurin Bobbi Johnson, die vor ihrer wissenschaftlichen Laufbahn bei einem Schönheitswettbewerb zur Miss USA gekürt wurde. Die neu kreierten Merksätze sind auf Schärpen gedruckt, wie sie auch bei Miss-Wahlen getragen werden. Labis Formulierunge klingen etwas windschief, scheinen teils fehlerhaft oder unlogisch und passen damit zur verqueren Idee, wer wen küssen muss/darf/kann. Gerade das Imperfekte und Holprige der Sätze - wie etwa Open bodies ask for gazing knowing meaning (Offene Körper suchen den Blick im Bewusstsein von Bedeutung) - regt zum Nachdenken an und motiviert, selbst neue Merksätze zu überlegen. In Labis Videoarbeit OBAFGKM (2026) werden diese Sätze wieder aufgegriffen und stoisch monoton vorgelesen, während gleichzeitig der Schönheitswettbewerb aus den 1960ern, an dem Bobbi Johnson einst teilnahm und eine zeitgenössische, tänzerische Interpretation der der Buchstabenabfolge, zu sehen sind.

Responsive image
Sabrina Labis, Constallations, 2026, Foto: Andreas Meichsner

Annie Jump Cannon, Williamina Fleming und Dorothea Klumpke oder Bobbi Johnson sind wegweisende Frauen der (Natur-)Wissenschaft. Im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen gerieten sie über Jahre in die Vergessenheit. Sexistische Denkmuster durchziehen die Gegenwart weiterhin. Ein Sternbild mit Glitzerstein wirkt vielleicht etwas zu kurz gegriffen, doch ist die Botschaft klar verständlich in einem weiteren Versuch eines Merksatzes vielleicht so zusammenzufassen: Open Bonds And Feminism Grow, Keeping Memory (Offene Anleihen und Feminismus wachsen und bewahren Erinnerungen).

Miss Universe
Sabrina Labis


30. Januar – 19. April 2026

Galerie im Tempelhof Museum
Alt-Mariendorf 43
12107 Berlin

Dienstag – Sonntag 13–18 Uhr, Donnerstag 10–18 Uhr
Eintritt frei

Kein barrierefreier Zugang
www.hausamkleistpark.de