Die Ausstellung „WIR. 19 Grundrechte. 19 künstlerische Positionen. Ein Gesprächsraum“ im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus zeigt Werke, die sich jeweils mit einem der 19 Artikel des Grundgesetzes befassen. Bis zum 5. April sind Werke von Tobias Zielony und Said Baalbaki zu sehen, die Bezug auf Artikel 7 und Artikel 11 nehmen.
Zur Erinnerung: Artikel 7 stellt das Schulwesen unter staatliche Aufsicht, garantiert den konfessionellen Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach und gewährleistet unter staatlichen Genehmigungsvorbehalten die Freiheit zur Errichtung von Privatschulen.
Der Fotograf Tobias Zielony porträtiert in seinem ausgestellten Fotoessay „Electricity/Afterimages“ junge Menschen in Moldawien. Es ist Nacht, nur vereinzelt leuchtet ein schwaches Licht. Zielony forscht nach einer städtischen Subkultur in Zeiten des Energiemangels und der kriegerischer Bedrohung. Wie wird dieser Zustand überbrückt, wie die eigene Normalität gelebt? Die Jugendlichen scheinen einen Weg gefunden zu haben: Zwischen der Suche nach einer Zukunft und einer unsicheren Gegenwart, zwischen generatorbetriebenen, wummerndem Rave und dem Finden von Hoffnungen trotz verfallener Hausfassaden wirken die Fotografien wie verzaubert. Sie zeigen eine romantisierte Stimmung inmitten eines krisenhaften Zustands.
Im ersten Stockwerk befasst sich Tobias Zielony gemeinsam mit dem Jugendlichen Nick konkret mit Artikel 7. Dabei wird Schulalltag mit Frustration assoziiert. So kritisieren Zielony und Nick in vier Collagen (2025) das Bildungssystem Deutschlands, der entsprechende Slogan lautet: "Leistung statt Bildung". Sie bezeichnen es als normierende, auf Konkurrenz und Druck gebaute Institution, die Menschen keine Entwicklungsfreiheit bietet und keine Möglichkeiten außerhalb der Bewertungsmatrix erlaubt. Die Vision der beiden ist eine Schule, die Chancen sichtbar macht und individuell auf Interessen reagiert. Die Collagen sind übersäht mit roten Flecken, Nick posiert cool in schwarzen Klamotten, oft maskiert oder mit überdecktem Gesicht. Die Bildsprache zeugt von Aufruhr, Protest und Wut.
Die Werke von Said Baalbaki beziehen sich auf den Artikel 11. Dieser gewährleistet allen Deutschen das Grundrecht, an jedem Ort innerhalb des Bundesgebietes zu wohnen oder sich aufzuhalten, wobei Einschränkungen dieses Rechts nur durch Gesetz und nur aus zwingenden Gründen wie der Gefahrenabwehr oder dem Schutz der Allgemeinheit (z. B. bei Seuchengefahr) zulässig sind. Baalbaki in Beirut geboren, musste in seiner Jugend aufgrund des libanesischen Bürgerkriegs mehrfach mit seiner Familie fliehen. Die Suche nach Heimat wurden so zum Bestandteil seiner Arbeiten.
Mit „Heimat ist kein Souvenirshop“ (2024) zeigt Baalbaki fünf Modelle Berliner Wahrzeichen: Brandenburger Tor, Reichstag, Gedächtniskirche, Siegessäule und Friedrichswerdersche Kirche. Gebaut sind sie, ähnlich einem Spielbaukasten, aus kleinen Steinchen. Die Würfel sind aus schwarzer Shisha-Kohle. Damit erscheinen die kleinen Bauten verbrannt und ruinös. Sie geben einen schwachen Eindruck einer kriegsähnlichen Zerstörung. Das verwendete Material, eher negativ besetzt und gleichzeitig ein fester Bestandteil im Alltag vieler Menschen, erfährt eine positive Umdeutung, eine humorvolle Ebene als Spielzeug, als Baustein für ein repräsentatives Bauwerk. Heimat wird zu einem dynamischen Begriff, der immer wieder neu geschaffen und hinterfragt wird. Heimat ist allen Menschen zugänglich, die an seiner Konstruktion teilnehmen.
Andere Werke, wie der Gemäldezyklus „Mon(t) Liban“ (2023-2020), stehen für Heimatverlust, Flucht und verlorene Erinnerungen. Die warme Farbgebung, die Ähnlichkeit zum Gebirge und Sonnenuntergang wecken Sehnsucht und Heimweh.
In den gezeigten Lithografien „Wadi Abou Jmil“ (2012/2025) und „Nos Âmes en Chantier“ widmet sich Said Baalbaki seiner Heimatstadt Beirut, wo sich die letzten historischen Phasen palimpsestartig in den Baubestand eingeschrieben haben. Genau diese Überlagerung zeigt Baalbaki, indem er die schmucken Häuser der Altstadt, die vom Reichtum, der westlichen Orientierung, dem „Paris des Ostens“ erzählen, überdruckt mit ihren zerstörten und kaputten Ruinen von heute. Ein frappierender Gegensatz, erschreckend hält er die vernichtenden Auswirkungen von Krieg vor Augen.
Mit diesem Appell schließt die Ausstellung auch einen Bogen zum Grundgesetz – nach dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg war die erste Fassung der Grundrechte von 1949 eher noch Leitidee für ein neues Wir-Gefühl, für die Würde jedes Einzelnen, für Freiheit, Gleichheit und Mitbestimmung.
Künstler*innen: Tuli Mekondjo, Adi Hoesle, Monica Bonvicini, Ilit Azoulay, Kubra Khademi, Małgorzata Mirga-Tas, Tobias Zielony, Harald Hauswald, Annette Kelm, Via Lewandowsky, Said Baalbaki, Rémy Markowitsch, Uli Aigner, Hans Haacke, Fatoş İrwen, Guillaume Bruère, Thomas Locher, Marc Jung, Boris Mikhailov, Barbara Wrede
WIR. 19 Grundrechte. 19 künstlerische Positionen. Ein Gesprächsraum
22. Mai 2025 bis zum 21. Juni 2026
dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr
Deutscher Bundestag
Forum Kunst im Bundestag
Marie-Elisabeth-Lüders-Haus
Luisenstraße 30
10117 Berlin
Das Forum Kunst im Bundestag ist ab sofort direkt über den Eingang Luisenstraße 30 Erdgeschoss zu erreichen.
www.bundestag.de
Berlin Daily 25.02.2026
Talk: Kunst und Neurowissenschaften
19 Uhr: u.a. mit Prof. Dr. Moritz Helmstaedter (Max-Planck-Institut für Hirnforschung) Im Rahmen der Ausstellung „faces of mind“. HAUS.KUNST.MITTE | Heidestraße 54 | 10557 Berlin
Wir – Heimat ist allen zugänglich. Tobias Zielony und Said Baalbaki
von Maximilian Wahlich
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