© Copyright: Real Fiction Filmverleih
Was sehen wir Frauen eigentlich, wenn wir ins Kino gehen bzw. Filme anschauen? Wie werden wir, unsere Körper, unsere Gesichter dargestellt? Wie genau schreibt sich das patriarchale Blicksystem in die Filme ein und beeinflusst damit sowohl unser Selbstbild als auch unsere Weltwahrnehmung? Und was machen Filmemacherinnen, die in diesem Business bestehen, anders?
„Frauen drehen härtere Filme“. So brachte es die hierzulande wenig bekannte ukrainische Regisseurin Kira Muratova (1934-2018) einst in einem Gespräch mit der Dokumentarfilmerin Isa Willinger pointiert auf den Punkt. Das provokante Statement ließ sie nicht mehr ruhen und fungiert in „No Mercy“ als Aufhänger ihrer Spurensuche. Ihr Film ist Ergebnis jahrelanger Recherche- und Dreharbeit. Mit insgesamt dreizehn Frauen konnte sie sich treffen, ihres Zeichens alle veritable Regie-Ikonen, darunter Monika Treut, Valie Export, Alice Diop, Nina Menkes, Apolline Traoré oder Joey Soloway. In den Interviews geht es sowohl allgemein um das Filmschaffen von Frauen, deren Marginalisierung, deren Probleme, als auch um starke Gegenentwürfe.

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Isa Willinger wagt in ihrem Film eine mäandernde Montage: Die Gesprächssequenzen werden durch assoziative, subjektive Bilder der Regisseurin unterbrochen, die sich immer wieder fragt, was mit der zitierten Härte Muratovas gemeint gewesen sein könnte. Hinzu kommen zahlreiche Filmausschnitte, etwa der als „drastisch“ gekennzeichneten „Porno-Auteurin“ Catherine Breillat („Romance X“) oder der nicht zimperlichen bzw. brutalen Virginie Despentes („Baise- moi“). Die vielen Gewaltszenen fallen aber auch bei den anderen Filmbeispielen auf. Frauen schlagen zurück, schießen, schlagen Köpfe ab, erniedrigen, quälen und töten: Männer. Es ist eine ästhetische, für viele Frauen als lustvoll erlebte Selbstermächtigung - frei nach dem Motto: Wer grapscht, oder Schlimmeres versucht, wird abgeknallt! Wunscherfüllung zumindest im Kino.
Doch in „No Mercy“ kommen auch poetisch komponierte Szenen vor, wie von Marzieh Meshkini („The Day I became a Woman“) oder von Céline Sciamma („Portrait einer jungen Frau in Flammen“). Letztere wiederum hofft, dass Filmemacherinnen gleichermaßen revolutionäre, wie kollektiv respektvolle Bilder gelingen mögen. Aufschlussreich sind auch die Passagen mit Jackie Buet. Sie ist die Frau, die seit 1979 in Créteil bei Paris eines der größten Frauenfilmfestivals der Welt leitet. Mit ihren Aussagen wird ein Stück feministischer Filmgeschichte nachvollziehbar. Buet erzählt wie Regisseurinnen damals kämpfen mussten, gegen das Schweigen und allein schon für das Recht, eine Kamera in die Hand zu bekommen, um eigene Filme zu drehen.
Dennoch bleibt die Realität ernüchternd: Filmemacherinnen sind nach wie vor marginalisiert, 8% Regisseurinnen in den USA, in Europa im Arthouse-Bereich immerhin mittlerweile 30%. Und in der 100jährigen Geschichte der Oscars? Kaum zu glauben gerade mal drei Frauen haben diese Trophäe erhalten: Jane Campion, Chloé Zao und Kathryn Bigelow.
Auch wenn Ilsa Willinger eine beeindruckende und Mut machende Polyphonie so vieler interessanter Regisseurinnen gelingt und sie so viele tolle Ausschnitte aus Filmen anschneidet, die sofort Lust auf mehr machen - allen voran die Filme von Kira Muratova -, bleibt letztendlich doch das bittere Fazit, Kino ist nach wie vor fest in Männerhand.








