In der Diagnostik und der Soziologie stellt sich immer häufiger die Frage:: Ist die Gesellschaft erkrankt? Müde von der ständigen Produktivität. Erschöpft von der Verantwortung der Einzelnen? Leidet sie an Überlastung, Burnout oder eher an einer Verstimmung – als Phase, als neuer Dauerzustand? Politisch angefeuert wird diese Frage von problematischen Kommentaren zur Anzahl der Krankentage oder Modellen, in denen Menschen sich diese quasi freikaufen müssen – Klassismus ahoi. Freie Fahrt voraus – am besten mit dem Traumschiff auf eine teure Insel. Erholung, endlich mal Nase in die Sonne halten, sich von Hotelangestellten (oft BIPoCs) verwöhnen lassen. Ach, schön kann das Leben sein, wenn das nötige Geld da ist, wenn die Kabine im Traumschiff auch Fenster und Balkon hat. Wenn Licht, Luft, Sonne auch hier verfügbar sind.
Die Verfügbarkeit von Ressourcen folgt einer harten sozialen Selektion. Diese Lage wird sich angesichts globaler Krisen vermutlich verschlechtern. Darunter leiden vor allem soziale Infrastrukturen, wie das Gesundheitssystem. Die Ausstellung „Ein kurzer Urlaub“ im Polnischen Institut Berlin thematisiert diesen Trend, allerdings auf produktive Weise. Der Missstand wird nicht wiederholt, dem Szenario wird hier ein neues Modell entgegengesetzt. Dazu wurde der Begriff „Komfort“ neu gedacht – weg von der teuer bezahlten Traumschiffkabine – hin zu einem inklusiven Gut, das Ruhe, Zeit und Fürsorge garantiert. Innehalten und Entspannen in einer künstlerischen Umgebung. Olaf Brzeskis kunstvoll gewundenes Schlangentor aus Kupfer befasst sich konkret mit Klassenfragen, aber auch mit dem gesellschaftlichen Ausschluss von Krankheit. Wer hustet, steht allein da, wird in die Berge geschickt und kann sich da auskurieren hinter verschlossenem Tor, wo sich einem im besten Fall eine ausgeschmückte Heilstätte, ein panoramaartiger Kurort eröffnet. Brzeskis Tor zeigt genau diese Beobachtung von einer Liebe zum Detail in den baulichen Anlagen, von Exklusion und dem Unsichtbarwerden kranker Menschen.
Direkt daneben, mittig im Raum steht das „Liegesofa“, ebenfalls von Olaf Brzeski. Die riesig dimensionierte Chaiselongue ist seitlich am Kopfende bestickt mit dem Porträt der Hauptdarstellerin des italienischen Films „una breve vacanza“ (Regie: Vittorio De Sica) von 1973: Clara (Florinda Bolkan), eine Arbeiterin, die an Tuberkulose erkrankt und sich erholen muss.
Das gigantische Möbel, auf dem mühelos zwei Menschen nebeneinander ausgestreckt Platz hätten, wird umschwirrt von Antonina Nowackas „Klangbad“ aus abstrakten, tiefen, dunklen, ruhigen Tönen. Das Ensemble fordert auf zur Erholung, zum bewussten Innehalten, sich öffentlich hinzulegen. Genau in dieser Öffentlichkeit steckt die politisch-radikale Aussage hinter dem Werk. Ausruhen, Pausieren, Erholen haben in unserer postkapitalistischen oder neoliberalen Gesellschaft keinen Ort mehr?
Wesentlicher Teil der räumlichen Erfahrung ist auch Monika Opiekas „Duft“: Was zunächst ausschaut wie ein bräunlicher Klumpen auf einem Kupfertableau, entfaltet einen Geruch von feuchter Erde, Holz und Moos sowie eine Note frischen Waldwinds. Natur als Garant für Erholung – ergänzt um die drei großformatigen Fotografien „Verdute“ von Łukasz Rusznica. Lose Gebäude und Strommasten stehen inmitten eines hügeligen Panoramas, eine Vision einer Koexistenz zwischen menschengemachter Stadt und (erholsamer) Natur.
Weitergedacht wird diese Gemeinschaft noch von Aleksandra Wasilkowska, die mit ihrem Konzept der „Transsanatorien“ hybride Strukturen schafft: Unterschiedlichste Überlegungen zu nachhaltiger Architektur vereint mit einer Gesellschaft, die Erholung, Gesundheit und Inklusion zum Grundsatz erklärt. Wasilkowska entwarf anhand diverser Studien zu Heilorten und rituellen Praktiken ein räumliches Cluster aus Höfen, Grotten, Höhlen, unterirdischen Inseln. Sozusagen das Berliner „Vabali Spa“, aber ohne Luxus, ohne produktivistische Doktrin, auf Knopfdruck für exakt diesen einen Tag Erholung zu erkaufen.
Genau davon möchten sich auch Kunstorte, prominentes Beispiel in letzter Zeit wäre auch das Bode-Museum mit dem Projekt „Das heilende Museum“, zunehmend abgrenzen. Sie reihen sich ein in die medizinischen und psychologischen Diskurse um Erholung und die politisch-gesellschaftlichen Konzepte Dritter Orte mit sozialem Auftrag. Kunst und Kultur sollten für eine breite Masse, auch für eine Clara aus dem proletarischen Mailand der 1970er-Jahre, offen stehen und für stressfreie, regerative Momente sorgen.
Künstler*innen: Katarzyna Roj, Aleksandra Wasilkowska, Olaf Brzeski, Antonina Nowacka, Łukasz Rusznica, Oksana Pawełko, Julia Maria Plawgo und Monika Opieka
Ein kurzer Urlaub
Galerie des Polnischen Instituts Berlin
13.03.–30.04.2026
instytutpolski.pl





