© Jens Isensee und Rico Possienka, Interactive spacial video installation | Motion sensor, PC, short distance projector, 3D-software | 2.7 × 1.8 × 4 m | 2026

english below

Ausgestattet mit einem Sokrateskopf, aus allerlei Alltagsgegenständen zusammenmontierten Arme und einem Korpus aus einem alten Radio, so spaziere ich hinein in einen großen Bildschirm. Wer von seiner Linse erfasst wird, bekommt unvermittelt eine neue Identität, vermeintlich aus altem Krempel zusammengewürfelt, doch inspiriert von philosophischen Konzepten. Die neu kreierten Personen können miteinander interagieren, so treffen sich ein Sokrateskopf und ein Pferdekopf, plötzlich erscheint eine dritte Person auf der Bildfläche: Ein Roboterkopf. Die Arbeit von Jens Isensee und Rico Possienka versetzt uns in eine zweite Realität. Es ist der gleiche Ausstellungsraum, bloß wir, die Besuchenden, haben eine neue Gestalt angenommen. Damit führt die Arbeit „Virtual Materialism“ (2019/2026) neben dem Eingang direkt in das Thema der kleinen Ausstellung „Flugversuche“ im Projektraum SCOTTY in Berlin-Kreuzberg, der seit 2006 von 10 Künstler*innen betrieben wird.

Die Ausstellung versteht das Fliegen – oder vielmehr die Sehnsucht nach dem Abheben – als Metapher für die künstlerische Praxis. In beiden Fällen geht es um einen Perspektivwechsel, das Erkunden neuer Wahrnehmungsmodi und den Versuch, einer Utopie habhaft zu werden.

Responsive image
© Marieke Verbiesen, Unlikely Events, 2026

Die Künstlerin Marieke Verbiesen befasst sich mit diesem Moduswechsel unterschiedlicher Räume und deren Qualitäten. In „Unlikely Events“ (2026) nutzt sie Greenscreen-Stockfootages, mit denen Protagonist*innen normalerweise in beliebige Umgebungen eingebettet werden. Der Effekt ist ein offensichtlich künstliches Setting aus überzeichneten Palmen, einem Strand, das Weltall und inmitten dessen vereinzelte Figuren oder eine große Katze platziert sind. Die Bildsprache erinnert an Collagen, allerdings ohne Anspruch einer Wirklichkeitssimulation; harte Konturen markieren die unterschiedlichen Ebenen.

Responsive image
© Maja Rohwetter, Simulation, 2026

Ein ganz ähnlicher Effekt tritt bei Maja Rohwetters Augmented-Reality-Arbeit „Simulation“ (2026) ein, bei der wir uns mit dem Tablet in der Hand frei durch den Raum bewegen. Durch die Kamera des Tablets eröffnet sich ein anderer Raumeindruck, durchwirkt von plastisch-organisch anmutenden Gebilden, die an Spinatknödel- oder Karamell-Formationen erinnern. Die grünlichen Klumpen, gelblichen Gespinste, feinen Linien, schwarzen Schraffuren und breiten Streifen sind Spuren von Rohwetters Malerei, die sich nun in Interaktion mit den Besuchenden zu bewegen beginnen.

Wiederum mit Hilfe einer VR-Brille lädt die Künstlerin Juliane Zelwies dazu ein, mit einem Vogelschwarm zu fliegen. Wir befinden uns weit über der Erde, direkt im Zentrum einiger weißer Vögel. Wohin mögen sie wohl fliegen? Wie viele Meilen haben sie schon hinter sich? Doch so immersiv die Technik auch sein mag: Das physische Empfinden des Fliegens bleibt uns verwehrt. Ein Vogel sein – das bleibt trotz aller Technik, aller Kunst ein Traum.

Die gezeigten Positionen untersuchen das Spannungsfeld des Raumes auf jeweils unterschiedliche Weise. Die Umgebung wird übernommen, sie wird überlagert mit einer anderen Erzählebene, ein gänzlich neuer Raum im Himmel entsteht oder eine Urlaubsinsel wird situiert. Die Arbeiten reflektieren unser Verständnis von Raum, wo die physische und virtuelle Wirklichkeit zusammenzufallen scheinen.

Flugversuche
Jens Isensee, Maja Rohwetter, Marieke Verbiesen, Juliane Zelwies

06.06.–04.07.2026

SCOTTY
Raum für zeitgenössische Kunst und experimentelle Medien,
eingetragener Verein

Oranienstraße 46
D 10969 Berlin

U-Bahnhof Moritzplatz

Fr 15-19 h
Sa 14-18 h

scotty-berlin.de

___________________________

Dreams of Flight
von Maximilian Wahlich

Equipped with a Socrates head, arms assembled from various everyday objects, and a chassis made from an old radio, I walk into a large screen. Anyone captured by its lens is suddenly given a new identity—seemingly cobbled together from old junk, yet inspired by philosophical concepts. These newly created personas can interact with one another: a Socrates head meets a horse head, and suddenly a third figure appears on the scene: a robot head. The work of Jens Isensee and Rico Possienka transports us into a second reality. It is the same exhibition space, yet we, the visitors, have taken on a new form. Positioned near the entrance, the work Virtual Materialism (2019/2026) leads directly into the theme of the small exhibition Test Flights at the project space SCOTTY in Berlin-Kreuzberg, which has been run by ten artists since 2006.

The exhibition understands flying—or rather, the longing to take off—as a metaphor for artistic practice. In both cases, it involves a change of perspective, the exploration of new modes of perception, and the attempt to grasp a utopia.

The artist Marieke Verbiesen addresses this shift in modes across different spaces and their qualities. In Unlikely Events (2026), she uses greenscreen stock footage, which is typically used to embed protagonists into arbitrary environments. The result is an overtly artificial setting composed of exaggerated palm trees, a beach, and outer space, amidst which isolated figures or a fat cat are placed. The visual language is reminiscent of collage, though without any claim to simulating reality; sharp contours mark the distinct layers.

A very similar effect occurs in Maja Rohwetter’s augmented reality work Simulation (2026), where we move freely through the room holding a tablet. Through the tablet’s camera, a different impression of the space opens up, permeated by three-dimensional, organic-looking structures reminiscent of spinach dumpling or caramel formations. The greenish lumps, yellowish webs, fine lines, black hatchings, and broad stripes are traces of Rohwetter’s painting, which now begin to move in interaction with the visitors.

Using VR glasses, artist Juliane Zelwies invites us to fly with a flock of birds. We are high above the earth, right in the center of a group of white birds. Where might they be flying? How many miles have they already covered? Yet, however immersive the technology may be, the physical sensation of flying remains elusive. To be a bird—despite all technology, all art—remains a dream.