Am 6. August herrschte feierliche Stimmung in der Eisenacher Straße 118. Dort, im Projektraum des Vereins der Berliner Künstlerinnen 1867, eröffnete an diesem Abend die Ausstellung NÄNZI (1962–2013). Wenn ich schwach bin, bin ich stark. Schneewittchen.
NÄNZI war Wahlberlinerin, Künstlerin, Punk. Ihren Namen gab sich die als Sybille Reichert geborene Künstlerin selbst – frei nach der Punkrock-Ikone Nancy Spungen. Der geliehene Name einer Frau, deren Leben von Sex, Drugs & Rock'n'Roll geprägt war – oder, was wir oft damit meinen, von einer Mischung aus Selbstbestimmung, Labilität und Gewalt – gibt bereits einen Teil der Symbolik ihrer Kunst vor. Denn vor allem war NÄNZI eine Künstlerin, die ihr Werk für sich selbst und andere Frauen ins Feld führte – wie eine Kampfansage an das Patriarchat.
Die Besucherinnen, die am Eröffnungsabend zwischen Skulpturen, Bildern und Archivalien Sekt trinken, sich unterhalten oder gebannt die Werke betrachten, wirken zwischen den Objekten wie weichgezeichnete Versionen der Figuren von NÄNZI. Ihre Arbeiten ähneln im Maßstab größeren Nippesfiguren, wie man sie hinter der Biedermeier-Glasvitrine so mancher Großeltern begutachten kann – nur schauen, nicht anfassen. So possierlich manche der „Tschatschkis" mit ihren vollen, roten Lippen und weiblichen Rundungen wirken, so verstörend zeigen sich andere Aspekte in den Arbeiten der Künstlerin. NÄNZIS Skulpturen sind brutal: Blut, fehlende Glieder und Darstellungen von Gewalt ziehen sich wie ein roter Faden – im wörtlichsten Sinn – durch die Schau, die außerdem durch Zeichnungen und Malerei ergänzt wird. Zugleich strahlen ihre Figuren Selbstbewusstsein, Trotz und eine unheimliche Zufriedenheit und Würde aus. Als Bildhauerin vereint NÄNZI alle Unvereinbarkeiten, Schrecken und Herrlichkeiten ihres Geschlechts, die sich beim Betrachten auf kathartische Weise auflösen und fast ein Gefühl der Erleichterung schaffen. Fühlen sich auch die anderen Frauen im Raum so wohl mit ihr – gesehen in ihrem eigenen Paradox, ihrem eigenen Ungehorsam?
An der hinteren Wand hängt eine Collage zu einem Skandal, der die Religion ins Spiel bringt: 1999 berichteten Berliner Zeitungen vom „anderen Engel", einem Kunstprojekt, für das NÄNZI eine weiblich gelesene, verstümmelte Engelsfigur in einer Treptower Kirche platzierte. Wegen Protesten der Gemeinde musste diese bald wieder entfernt werden – dabei sind ihre Arbeiten doch eigentlich von einem tiefen religiösen Bewusstsein durchdrungen.
Konzipiert wurde die Wand von Dietmar H. Heddram, langjährigem Lebensgefährten der Künstlerin, eigens für die Schau im Projektraum. Angelehnt an die Pinnwände in Atelier und Wohnung entstehen so immer wieder neue, sogenannte Ich-Wände. Diese Inszenierung verbindet sich mit der Werkauswahl der Kuratorin Helen Adkins, die weiblichen Ungehorsam zum Thema macht.

Mit den vielen auf Sockeln präsentierten Ikonen weiblicher Selbstbestimmung und Würde wird der Raum zu einem Ort der Andacht für die Künstlerin, die 2013 plötzlich verstarb. Zugleich entsteht das Potenzial für eine beinahe spirituelle Erfahrung. „Die Figur ist für mich ein lebendes Gegenüber, mit dem ich kommuniziere", sagte NÄNZI selbst über ihre Arbeiten, die sie teils sogar auf Reisen begleiteten, damit sie ihnen „die Welt zeigen" konnte. Diese Zuschreibung von Präsenz im Objekt berührt einen ursprünglichen Aspekt religiösen Rituals: den Dialog, die Anrufung, das Gebet.
NÄNZI selbst wuchs in einem streng evangelischen Elternhaus auf. Bewegen ließ sie sich später in ihrer Kunst von Ikonen des Femininen – Göttinnen wie der Venus von Willendorf oder Heldinnen wie Judith, die im Alten Testament mit der Enthauptung eines feindlichen Generals ihre Heimat rettet. Betrachtet man ihre Skulpturen als Rückgriff auf das kultische Objekt, mit dem Weiblichkeit ins Zentrum ritueller Praxis rückt, so wird jeder Ausstellungsort, der NÄNZIs Werk zeigt, der Frau geweiht. So wurde am Abend des 6. August die Eisenacher Straße 118 für ein paar Stunden so einem solchen Sakralen Raum. Bis zum 5. September 2026 wird sie es bleiben.
NÄNZI (1962–2013). Wenn ich schwach bin, bin ich stark. Schneewittchen
07. August –05. September 2026
Öffnungszeiten: Do–Sa. 16–19 Uhr u. n. Vereinbarung
Projektraum Verein der Berliner Künstlerinnen 1867
Eisenacher Str. 118
10777 Berlin
vdbk1867.de







