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Berlin Daily 24.05.2019
Festival Offenes Neukölln

24. bis 26. Mai 2019. Alles weitere siehe Website.

(Einspieldatum: 27.11.2006)

Into me / Out of me. Der menschliche Körper in der zeitgenössischen Kunst - Kunst-Werke Berlin

In dicken schwarzen Lettern steht auf unbehandelter Leinwand “Christ on the Cross” geschrieben. Allein diese vier Worte des Amerikaners Jack Pierson rufen im Kopf des Betrachters die lange kunsthistorische Tradition des malträtierten Körpers auf. Eine große Ausstellung in den Berliner Kunst-Werken versammelt über 300 Arbeiten, in denen sich 130 internationale Künstler mit dem menschlichen Körper, sämtlichen seiner Funktionen und all seinen Öffnungen beschäftigen. Der vom Kunst-Werke-Mitbegründer Klaus Biesenbach kuratierte, im Dialog mit Susan Sontag ausgearbeitete, enzyklopädische Überblick wurde im vergangenen Sommer im New Yorker P.S.1 Contemporary Art Center gezeigt und dort wie hier müssen die Besucher gewarnt werden: Einige der präsentierten Gemälde, Fotos, Videos und Installationen sind derart explizit, dass sie Gefühle und Empfindungen verletzen könnten.

Den fünf Ausstellungsetagen teilte man einzelne Themenkomplexe wie etwa Lust und Gewalt, Werden und Vergehen, Geben und Nehmen zu, wobei einige der Werke so vielschichtig sind, dass sie auch in anderen Zusammenhängen denkbar gewesen wären. Schon in der großen Halle des Erdgeschosses, in dem Felix Gonzales-Torres’ Bonbon-Installation "Untitled (Placebo)" (1991) die leere Mitte zu den handfesteren Arbeiten drum herum schafft, kommt es zu ungewöhnlichen aber aufschlussreichen Querverbindungen: Der Vitrine mit Joseph Beuys’ "Jungfrau" (1952) steht Robert Gobers verstörender Zwittertorso (2003-05, Abbildung) gegenüber. Teilweise mit Gipsabgüssen des eigenen Körpers erarbeitet, aus Bienenwachs modelliert und mit menschlichem Haar versehen, kombiniert Gober eigene Werke zu einem neuen: Männlicher und weiblicher Körper verschmelzen mit einem Baumstamm, der ein phallusartiges Männerbein gebiert. Körperliche und geschlechtliche Grenzen werden hier surreal aufgehoben.

Der Surrealist Georges Bataille lieferte die Anregungen, die Julia Kristeva in den 1980ern zu dem Konzept des Abjekten, der Ekel und Aversion hervorrufenden Verwerfung, führten. Abject Art, zu deren Vertreter man neben Gober auch die ausgestellten Cindy Sherman, Kiki Smith, die Gebrüder Chapman und Gilbert und George zählt, beschäftigt sich mit Themen und Motiven zwischen Abscheu und Verlangen, so der Titel der maßgeblichen Ausstellung im Whitney Museum 1993.
Doch der Fokus der Berliner Schau liegt allein auf dem menschlichen Körper und daher darf auch das älteste Thema der Welt, die Sexualität, in all ihren Spielarten nicht fehlen. Zu einer voyeuristischen Aneinanderreihung von Genitalien und Stellungen kommt es aber glücklicherweise nicht, vielmehr kann man auch hier ironische Verweise und Bezüge entdecken. Jeff Koons etwa nennt eine großformatige Cunnilingus-Szene "Manet" (1991) und interpretiert dessen berühmtes "Frühstück im Freien" neu.

Die Nahrungsaufnahme als Grundlage allen menschlichen Lebens wird gleich in mehreren Werken thematisiert. Die Amerikanerin Patty Chang zeigt sich in ihrer zweigeteilten Videoarbeit mit ihren Eltern, die sie scheinbar intensiv küsst (Abbildung). Erst nach einigen Sekunden wird klar, dass sich die weinende Tochter mit Vater und Mutter eine Zwiebel teilt und die rückwärts laufenden Videos die nährende Eltern-Kind-Beziehung wortwörtlich ins Bild setzen.
Wenn es um Nahrung geht, ist Verdauung nicht weit: Aber nicht Warhols dekoratives "Oxidation Painting" (1978) oder Piero Manzonis "Merda d’artista" (1961) in einer kleinen Dose irritieren so stark wie Otmar Bauers kurzes Video (1969), in dem der Wiener Aktionskünstler sein eigene Exkremente isst und erbricht. Die Ausstellung endet mit Aufzeichnungen weiterer Performances und mit einer Gegenüberstellung von Fotografien Rudolf Schwarzkoglers, die tatsächliche Verletzungen dokumentieren und Paul McCarthys Serie "Hollywood Halloween" (1978/83), in der eine Maske zerschnitten wird. So werden zum Schluss noch einmal beide Stränge zusammengefasst; der harte, unmittelbare Körperzugriff und der symbolische. Die große Zahl der Ausstellungsstücke schmälert jedoch auch hier die Wirkung des einzelnen Objekts, zu schnell wandert der Blick zum nächsten Stück. Schnell hat man daher auch wieder Lust auf das eigene Abendessen.


Abbildungen:
Robert Gober "Untitled" (2003-2005), Photo: (c) Robert Gober
Courtesy the artist and Matthew Marks Gallery, New York

Patty Chang "In Love" (2001), Photograph: NIA
Courtesy Collection of Peter Norton, Santa Monica


Into me / Out of me
26.11.2007 - 28.01.2007

Kunst-Werke Berlin e.V.
KW Institute for Contemporary Art
Auguststraße 69
10117 Berlin

Di-So 12-19 Uhr
Do 12-21 Uhr

http://www.kw-berlin.de


Steffen Krautzig

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