(Einspieldatum: 07.03.2017)

Weiches, integriertes ğ – queere Kunst zwischen Istanbul und Berlin

bilder

Mehtap Baydu
Koza / Der Kokon / Cocoon, 2015
Video-Performance, 17‘26‘‘, Loop
Courtesy of the artist


Erstmals in Deutschland zeigen die Kuratoren Emre Busse und Aykan Safoğlu die Arbeiten von LSBTIQ-Künstlern zwischen Istanbul und Berlin, zwischen der Türkei und Deutschland. „ğ - das weiche g" – so der Ausstellungstitel.

Ein Titel, der erst einmal seltsam anmutet. Doch die Kuratoren klären auf: Es sei der Buchstabe „ğ“, der in der Ausstellung metaphorisch und symbolisch aufgeladen werde. Ein ungewöhnlicher Buchstabe zwischen den Kulturen, der den entscheidenden Unterschied mache.

Das „ğ“ wurde 1928 mit der Schriftreform ins türkische Alphabet aufgenommen und entspricht dem arabischen Laut „Ghain“, zu dem es im lateinischen Alphabet wiederum keine Entsprechung gibt. Seine einzige Funktion ist es, den vorausgegangenen Vokal zu dehnen. Nie steht das weiche g am Wortanfang und wird insofern immer klein geschrieben. Als „östlichen Laut, der in eine westliche Form schlüpft“ interpretieren die Kuratoren diesen hybriden Buchstaben, der sinnbildlich steht für die doppelte Anpassung/ Abgrenzung an die Gesellschaft: zum einen als LSBTIQ-, zum anderen als Vertreter der jeweils anderen Sprache und Kultur.

Längst ist das ğ in Deutschland heimisch geworden. Inzwischen gibt es in Berlin, das als größte türkische Stadt außerhalb der Türkei gilt, 200.000 Menschen mit türkischen Wurzeln. So gilt Kreuzberg gemeinhin als „Little Istanbul“. Eine Metropole, die längst auch ein liberaler Fixpunkt für LSBTIQ aus aller Welt ist. So wie auch in Istanbul viele Spielarten erprobt werden können - bzw. konnten, denn die Repressalien gegen nicht heterosexuelle Menschen nehmen im derzeitig politischen Klima dramatisch zu, wie Emre Busse betont.

Mit der türkischen Sprache beschäftigt sich auch die international renommierte, in Berlin lebende Künstlerin Ayşe Erkmen in ihrer Videoinstallation „Conversations“. Bestimmten türkischen Suffixen –mis genannt - bereitet sie hier eine Hommage. Es sind spezielle Verbformen der Vergangenheit, mit denen Geschehenes berichtet wird, das man selber allerdings nicht erlebt hat. Gossip also oder gullüm, wie es im queeren Türkisch heißt. „Die Endung erinnert uns daran, wie entscheidend der Klatsch für eine florierende queere Kultur ist“, so Aykan Safoğlu.

Als besonders vielschichtig, poetisch und kunsthistorisch anspielungsreich erweist sich die Video Performance „Cocoon“ von Mehtap Baydu. Die Künstlerin hatte Hemden von Männern, die ihr nahestehen, zerrissen und aus den Fetzen in siebzehntägiger Arbeit einen Kokon gestrickt, der im Zeitraffer ihren nackten Körper zunehmend verhüllt. Was für eine Metamorphose wird es geben, fragt sich der Betrachter. Mit welcher Identität wird die Künstlerin, weich umhüllt von männlicher Energie, wiedergeboren, wenn sie den Kokon verlässt?

Wesentlich konkreter und drastischer die Arbeit „Taner and Taner“, ein Selbstporträt, in dem der Künstler Taner Ceylan – doppelt dargestellt – sein Alter Ego von hinten nimmt. Eine Darstellung, die in der Türkei zu einem Skandal geführt hatte – und Ceylan zu einer Berühmtheit machte.

Während die Arbeiten der Frauen in der Ausstellung eher sensibel und humorvoll sind, legen einige Werke ihrer männlichen Kollegen den Fokus auf eine zur Schau gestellte, drastische, nahezu pornographische Sexualität.

Mit der Ausnahme von Hasan Aksaygins Wandbild „In Focus: Cyprus, Aphrodite´s Island“. Aksaygin hat die Aphrodite von ihrem Sockel im Neuen Museum geschubst und die Skulptur stattdessen mit seinem eigenen Kopf und seiner Hand ersetzt. Damit möchte er die Debatte entfachen über unsere Idee von Männlichkeit. Entfacht durch aktuelle Medienberichte, vor allem im Hinblick auf die gängigen Klischees von Migranten.

Ein reichhaltiges Rahmenprogramm begleitet die Ausstellung, die vom Regierenden Bürgermeister und der Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten finanziell unterstützt wird. Die Berliner Politik würdigt damit diese Ausstellung als ein Forum für eine ansonsten unterrepräsentierte Bevölkerungsgruppe, die sich auch im liberalen Berlin zunehmenden Anfeindungen ausgesetzt sieht. Eine Ausstellung, die den Blick lenkt auf den Unterschied, den ein kleines, weiches, integriertes ğ machen kann – auch für eine Gesellschaft insgesamt.

Öffnungszeiten
Langer Donnerstag: 14 bis 20 Uhr geöffnet
So, Mo, Mi, Fr 14 bis 18 Uhr
Sa 14 bis 19 Uhr
Dienstag geschlossen

Schwules Museum*
Lützowstraße 73
10785 Berlin
schwulesmuseum.de

Inge Pett

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Titel zum Thema Schwules Museum:

Weiches, integriertes ğ – queere Kunst zwischen Istanbul und Berlin
Ausstellungsbesprechung: Erstmals in Deutschland zeigen die Kuratoren Emre Busse und Aykan Safoğlu die Arbeiten von LSBTIQ-Künstlern zwischen Istanbul und Berlin, zwischen der Türkei und Deutschland.

Neuer Standort für das Schwule Museum
Das Schwule Museum kann sich freuen. Mit rund 650.000 EUR wird die Erweiterung am neuen Standort in der Lützowstraße in Berlin-Tiergarten von der Berliner Kulturverwaltung sowie der Stiftung Deutsche Klassenlotterie gefördert.

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