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17 Uhr: mit Cinzia D’Emidio (Architektin und Multimedia Designerin) im Rahmen der Ausstellung "Buone Nuove / Good News. Women Changing Architecture". Italienisches Kulturinstitut | Hildebrandstr. 2 | 10785 Berlin (mit Anmldg.)

Gisèle Freund: „Eigentlich wollte ich immer nur eine Reporterin sein“

von Dr. Inge Pett (26.05.2014)
vorher Abb. Gisèle Freund: „Eigentlich wollte ich immer nur eine Reporterin sein“

Gisèle Freund, Walter Benjamin in der Bibliothèque Nationale de France, Paris, 1937, © IMEC, Fonds MCC, Vertrieb bpk / Photo Gisèle Freund

Simone de Beauvoir, James Joyce, Walter Benjamin … ihre Intellektuellenporträts gelten heute als Ikonen. Doch mussten Gisèle Freund (1908-2000) nicht unbedingt ein Gesicht abbilden, um die Persönlichkeit eines Menschen fotografisch einzufangen. Freund verstand es, das Umfeld sprechen zu lassen.

So etwa posthum den Schreibtisch von Virginia Woolf. Gisèle Freund, die mit der Schriftstellerin und ihrem Mann Leonard befreundet gewesen war, besuchte den 85-jährigen Witwer 1965 in Rodmell. Seit Virginias Freitod 1941 führte dieser dort ein Einsiedlerleben, gefangen in seinen Erinnerungen.

Es war Gisèles Idee, den Schreibtisch der bedeutenden Literatin auf der Terrasse von Monk´s House zu arrangieren, dem Landsitz der Schriftstellerin. Durch wenige Accessoires - einen Blumenstrauß, eine aufgeschlagene Kladde und einem Federhalter – entsteht so ein Gedenkbild, das Virginia Woolf ebenso intensiv widerspiegelt wie die berühmten Porträtaufnahmen, die ebenfalls in der Akademie der Künste am Hanseatenweg bis zum 10. August 2014 zu sehen sind.

Freunds Bilder sind Momentaufnahmen des Wesentlichen. Und sie verweisen auf die Geschichte dahinter. Schlicht und eindrucksvoll ist Gisèle Freunds Blick auf Frida Kahlos Arbeitsplatz in Coyoacán, Mexico City. Während an der Wand ein großformatiges Selbstporträt der Malerin hängt, das diese strahlend schön und in aufrechter Position zeigt, fehlt der Schreibtischstuhl. Dieser wurde durch einen Rollstuhl ersetzt – ein Hinweis auf den Gesundheitszustand der Malerin, die jung an Kinderlähmung erkrankt war und später als Folge eines schweren Busunfalls ein Korsett tragen musste und über lange Phasen ans Bett gefesselt war.
Gisèle Freund, André Malraux auf Gisèle Freunds Terrasse in der Rue Lakanal, Paris, 1935, © IMEC, Fonds MCC, Vertrieb bpk / Photo Gisèle Freund

„Eigentlich wollte ich immer nur eine Reporterin sein“, hatte Gisèle Freund des Öfteren betont. Die Kuratoren Janos Frescot und Gabriele Kostas haben diese Selbstdefinition respektiert. Anhand von 280 Schwarzweiß- und Farbfotografien in 14 Kapiteln zeigen sie auf, wie das Entstehen der weltberühmten Porträts im Kontext ihrer Dokumentation des Lebens- und Arbeitsfeldes zu sehen ist. Mithilfe der digitalen Technik sind viele der Bilder in ihrer ursprünglichen Farbigkeit zu sehen.

Ein Hauch von Gauloises scheint über der Ausstellung zu liegen. Mit dem Porträt von André Malraux, aufgenommen 1935 auf der Terrasse ihrer Pariser Wohnung, gelang Freund der künstlerische Durchbruch. Skeptischer Blick, zerzauste Haare, die obligatorische Zigarette im Mund – für einen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts schien dieses Image zum guten Ton zu gehören.

Auch Walter Benjamin zählte zum Freundeskreis der Fotografin. Die zwei Exilanten aus Deutschland verband eine tiefe, sensible Freundschaft. Die Porträts von Benjamin, zum Teil aufgenommen in der Bibliothèque Nationale de France in Paris, zählen zu den Überraschungen und Highlights dieser Ausstellung.

Zeitlebens hatte die Fotografin es abgelehnt, die von ihr aufgenommenen Fotos des Philosophen komplett zu zeigen, da sie lediglich zwei oder drei der Bilder für gelungen hielt. Durch die aktuelle Präsentation sämtlicher Aufnahmen lernt der Besucher einen gänzlich neuen, nicht vertrauten Benjamin kennen. Dieser ist heiterer, lebensfroher, gelöster als der Walter Benjamin, dessen Bildnis im kollektiven Gedächtnis gespeichert ist.

Gisèle Freund, Eva Perón, Buenos Aires, 1950, © IMEC, Fonds MCC, Vertrieb bpk / Photo Gisèle Freund

Als die deutsche Wehrmacht 1940 in Frankreich einmarschierte, musste Freund erneut emigrieren – diesmal nach Argentinien, wo sie Aufträge für Zeitschriften und Illustrierte annahm. So zeichnet sie in einer Reportage das Bild der jungen, schillernden Präsidentengattin Eva Perón. Mit der Leica skizzierte Freund diese ebenso charismatische wie eitle Person – sehr zum Missfallen des argentinischen Propagandaministers.

Im Jahr 1957 bereiste die Fotokünstlerin erstmals wieder ihre Geburtsstadt Berlin. Die Fotos, die bei diesem Aufenthalt entstanden, runden die Ausstellung ab. Mit dem beobachtenden Blick einer Journalistin hielt Freund hintersinnige Augenblicke des Wirtschaftswunderrausches fest. Wenn zum Beispiel Passanten sich die Nasen an einem Schaufenster platt drücken – das über und über mit Torten bestückt ist.

Gisèle Freund. Fotografische Szenen und Porträts
23.05-10.08.14
Akademie der Künste
Hanseatenweg 10
10557 Berlin
www.adk.de

Dr. Inge Pett

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Gisèle Freund: „Eigentlich wollte ich immer nur eine Reporterin sein“
Ausstellungsbesprechung: Simone de Beauvoir, James Joyce, Walter Benjamin … ihre Intellektuellenporträts gelten heute als Ikonen.

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