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„Wie sehen eigentlich Löcher von innen aus?“ - Asta Gröting im KINDL

von Anna Wegenschimmel (02.12.2017)
vorher Abb. „Wie sehen eigentlich Löcher von innen aus?“ - Asta Gröting im KINDL


Asta Gröting, Berlin Fassaden, 2016, Installationsansicht
Foto: Jens Ziehe, 2017
Copyright: Asta Gröting/VG-Bild Kunst, Bonn 2017


Dass Berlin auch 72 Jahre danach noch sichtbare Narben aus dem Zweiten Weltkrieg trägt, dokumentieren einige Fassaden, die bis dato noch nicht renoviert oder abgerissen wurden. Einschusslöcher und Spuren von Metallsplittern an massiven Wänden zeugen von den letzten Kämpfen zwischen der Roten Armee und der Wehrmacht im April 1945. Seit Samstag sind Reproduktionen solcher Fassaden im Neuköllner KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst ausgestellt, hergestellt aus Silikon von der deutschen Künstlerin Asta Gröting.

Die Videokünstlerin und Bildhauerin, die derzeit an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig unterrichtet, nimmt für ihre Serie „Berlin Fassaden“ seit eineinhalb Jahren in einem aufwändigen Prozedere Abdrücke von öffentlichen Gebäuden in Berlin. Wie eine zweite Haut, die dem Gebäude angelegt und wieder abgezogen wird und nun als Totenmaske im Museum hängt. Als Negativ-Form kopiert sie Fassaden-Teile von Bauwerken wie dem Naturkundemuseum, dem Martin-Gropius-Bau oder einem Mausoleum am Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte. Dabei werden neben der architektonischen Struktur auch Schmutz, Staub und Graffitireste vom Silikon aufgenommen - ein Zeit-Dokument der Fassade von 1945 bis heute entsteht. Sechzehn dieser „plastischen Langzeitbelichtungen“, wie Deborah Levy sie in der Begleitpublikation treffend beschreibt, bekleiden nun Boden und Wände im Maschinenhaus des ehemaligen Brauerei-Gebäudes in Neukölln.



Asta Gröting, Berlin Fassaden/Mausoleum, 2016, Silikon, Jute
Foto: Gunter Lepowski
Copyright: Asta Gröting/VG-Bild Kunst, Bonn 2017


Laien können die Fassaden-Stücke kaum ihren Original-Gebäuden zuordnen, wodurch sie automatisch mit großen Augenmerk auf die Struktur hin betrachtet werden. Manche Arbeiten (wie etwa der Abdruck des Mausoleums) sind schnell als Fassade zu erkennen – die symmetrischen Fugen, die Säulenschäfte und die Verzierungen wurden detailgenau von der Silikonmasse eingefangen. Diese Abdrucke wirken auf den ersten Blick wie steinerne Relikte in einem archäologischen Museum. Erst als die Künstlerin leicht gegen einen Fassaden-Abdruck tritt und das Silikon zu wabbeln beginnt, begreift auch das Auge die Materialität der Skulpturen. Andere Reproduktionen hingegen wirken in ihrer Ausschnitthaftigkeit sehr abstrakt und erinnern an Mondlandschaften oder Relief-Landkarten, die man erst einmal lesen lernen muss. Allenfalls sind es sehr unmittelbare und deswegen ungewohnte Blicke auf Fassaden, die gerade durch die Negativ-Form die Tiefe der Einschusslöcher deutlich sichtbar machen: Je weiter die Silikon-Erhebungen hervorragen, desto tiefer sind die Wunden der Fassade — dem Gesicht des Gebäudes. Wie so oft in ihren Arbeiten beschäftigt sich Gröting auch in dieser Serie mit der Frage nach dem Innen und dem Außen und dem Zutage fördern von nicht Wahrnehmbaren. Nicht umsonst benannte sie bei der Presseführung die Frage „Wie sehen eigentlich Löcher von innen aus?“ als einen ihrer Ausgangspunkte.



Haegue Yang, Silo of Silence – Clicked Core, 2017, Aluminium-Jalousien, LED-Röhren,
Aluminium- und Stahl-Hängestruktur, Pulverbeschichtung, Stahlseil, Drehbühne, Kabel, 1105 x 780 x 780 cm
Courtesy of the artist
Foto: Jens Ziehe, 2017


Neben Asta Grötings Einzelschau eröffnete das KINDL am Samstag auch im imposanten Kesselhaus eine neue Installation. Nach Roman Signers von der Decke hängendem Flugzeug und David Claerbouts digitaler Rekonstruktion des Berliner Olympia-Stadions, bespielt nun die südkoreanische Künstlerin Haegue Yang mit ihrer Installation „Silo of Silence – Clicked Core“ den riesigen Raum. Aus Neonröhren und 154 schwarzen und blauen Jalousien kreiert die neue Professorin für Bildende Kunst an der Frankfurter Städelschule ein von der Decke hängendes, sich langsam drehendes Mobile, das in seiner Form an ein Silo erinnern soll. Diese Arbeit lebt vor allem von ihrer Ästhetik, das heißt von den gigantischen Ausmaßen und der gleichzeitigen absoluten Stille, die im Raum herrscht.

Asta Gröting: „Berlin Fassaden“
10. September bis 2. Dezember 2017

und

Haegue Yang: „Silo of Silence – Clicked Core“
10. September 2017 bis 13. Mai 2018

KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst
Am Sudhaus 3, 12053 Berlin
kindl-berlin.de

Öffnungszeiten: Mi – So, 12 – 18 Uhr
Eintritt: 5 Euro, erm. 3 Euro

Anna Wegenschimmel

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