Berlin Daily 22.10.2019
Künstlergespräch mit Sven Drühl

19 Uhr: und dem Kunsthistoriker Harald F. Theiss im Rahmen d. Ausst. Floating Landscapes
St. Matthäus am Kulturforum, Berlin

(Einspieldatum: 03.08.2019)

JR, Adrian Piper und Ray Johnson

bilder

Straßenansicht, Foto: kuag

Das eigene Porträt an der Hauswand, summende Besucher*innen und wie man Teil der „New York Correspondence School“ wird: Der Salon Berlin des Museums Frieder Burda zeigt Arbeiten von JR, Adrian Piper und Ray Johnson.

In der Ausstellung JR - Adrian Piper - Ray Johnson sind die Besucherinnen und Besucher nicht nur Rezipient*innen, sie übernehmen eine aktive Rolle in der Verwirklichung einiger der gezeigten Werke.
Das Erste, was von der Ausstellung zu sehen ist, sind die zahlreichen Menschen, die gegenüber der Auguststraße 11-13 auf dem Gehweg stehen und ihre Smartphones auf die Hausfassade gerichtet halten. Hier plakatiert gerade der französische Multimedia-Künstler JR (*1983 in Paris) die Außenwand der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule mit großen Schwarz-Weiß-Porträts. Aufgenommen und sofort gedruckt wurden diese in der Fotokabine des INSIDE OUT-Trucks, vor dem die Wartenden amüsiert der Aktion folgen. Poster um Poster baut sich so ein monumentales Mosaik der Gallery Weekend-Besucher*innen auf. Ein weiteres Poster-Porträt-Werk entstand bereits einen Tag zuvor in der Nähe des Hamburger Bahnhofs.

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Installation view: JR, Eyes on boat, 1455 containers, 2018, wooden boat, plastic containers, stainless steel table, cranes in stainless steel and aluminum and Women Are Heroes, Elizabeth Kamanga on sea, Quadrichromie, Le Havre, France, 2018, four color print on paper, mounted on cotton canvas, wooden frame. Courtesy the artist and Perrotin. Photo: Thomas Bruns

Der Künstler JR nutzt den öffentlichen, allen zugänglichen Raum der Stadt für seine Arbeiten, in denen er sich mit Alter, Identität und Nationalität auseinandersetzt. Er fügt seine Schwarz-Weiß-Fotografien in die unterschiedlichsten Orte und die damit verbundenen kulturellen und zeitgeschichtlichen Zusammenhänge ein. So tapezierte er 2013 für seine Aktion The Wrinkles of the City über 15 Gebäude in Berlin mit riesigen Aufnahmen alter Menschen, die die immensen Veränderungen der Stadt miterlebt hatten. 2010 wurde sein Film Women Are Heroes in Cannes für die Camera d´Or nominiert. Die Ausstellung im Salon Berlin zeigt die mit diesem Film verbundene Arbeit Eyes on Boat. 1455 Containers (2018), ein großes Holzmodell eines Containerschiffs mit 1455 Containern, die mit einem Augenpaar beklebt sind. Zwei mechanische Arme be- und entladen die Container, so dass sich das Augenpaar immer wieder von neuem aufbaut. Die Arbeit ist eine Referenz an ein Projekt, dass JR 2014 im Hafen von Le Havre realisierte und bei dem der Künstler 2.600 Papierstreifen auf die geladenen Container klebte – 2.600 mal zeigte das Schiff die Augen der Kenianerin Elizabeth Kamanga, die er für seinen Film Women Are Heroes fotografiert hatte. Das Projekt sollte an die Gewalt erinnern, denen Frauen in Kriegszeiten ausgesetzt sind.

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Installation view of Adrian Piper, The Humming Room, 2012. Voluntary group performance: full-time museum guard, empty room equipped to echo, and two text signs, one above the door and one adjacent. Dimensions variable. Installation: JR – ADRIAN PIPER – RAY JOHNSON, Salon Berlin, Museum Frieder Burda, 24. April – 5. August 2019. Photo: Thomas Bruns. Collection of the Adrian Piper Research Archive (APRA) Foundation Berlin © APRA Foundation Berlin

Doch bevor die Besucherin des Salons zu der Arbeit Eyes on Boat. 1455 Containers gelangt, wird sie zunächst zur Performerin in Adrian Pipers (*1948, lebt in Berlin) Arbeit The Humming Room. „In order to enter the room, you must hum a tune. Any tune will do” steht über dem Eingang. Wo Museumsaufsichten sonst darauf hinweisen, dass Fotografieren verboten ist oder dazu auffordern, die Tasche abzugeben, bitten sie hier darum, zu summen – die Künstlerin möchte es so.
Nicht alle folgen der Bitte, aber es entsteht doch eine für einen Ausstellungsraum ungewöhnliche Geräuschkulisse unterschiedlichster Melodien und Stimmlagen. Die Konzeptkünstlerin und Philosophin, bekannt für ihre Auseinandersetzung mit Fremdenfeindlichkeit und Geschlecht, realisierte The Humming Room zuletzt (noch einmal) für ihre Retrospektive im MoMA. Die ebenfalls gezeigte Arbeit My Calling (Card) #3: Guerrilla Performance for Disputed Territorial Skirmishes (2012) ist eine Fortsetzung der zwischen 1986 und 1990 durchgeführten Langzeit-Performances My Calling (Card) #1 und My Calling (Card) #2. Erstere reflektierte ihre eigenen Erfahrungen von Schwarz- und Weißsein: Piper händigte diese Karten jeder Person aus, die in ihrem Beisein eine rassistische Bemerkung äußerte. Die zweite Version thematisierte stereotype Erwartungen an Frauen, die sich alleine in einer Bar aufhalten und von denen angenommen wird, sie seien darauf aus, von einem Mann angesprochen zu werden.
In My Calling (Card) #3 warnt die vermeintliche Visitenkarte mit dem Aufdruck „Fassen Sie mich nicht an“. Kommt man dieser Bitte nach oder widersetzt man sich ihr? Oder nimmt man sich selbst gleich ein paar der Exemplare mit, um sie zu gegebenem Anlass selbst auszuteilen?

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Collaboration Museum Frieder Burda | Salon Berlin x Ray Johnson Project featuring the New York Correspondence School (NYCS)

Als dritte Position werden zahlreiche Collagen des Pop-Art-Vorläufers Ray Johnson (1927–1995) gezeigt. Der Künstler, der keine große Begeisterung für Institutionen und ihre Bedingungen für das Ausstellen von Kunst aufbringen konnte, begann Ende der 50er Jahre damit, seine Collagen per Post an Freunde und Bekannte zu verschicken und wurde so zu einem Mitbegründer der Mail Art. Nach dem Motto, dass etwas nur real ist insofern es mit anderen in Korrespondenz tritt, begann er später die Empfänger seiner Arbeiten in den künstlerischen Entstehungsprozess einzubeziehen. Seine Sendungen enthielten nun den Verweis „Please Add To and Return to Ray Johnson“. Aus dem so entstandenen Netzwerk formierte sich ab 1962 die informelle Künstlergruppe New York Correspondence School.

Im Salon Berlin bietet sich nun die Möglichkeit, das Erbe der New York Correspondence School fortzusetzen: Am Eingang liegen Kopien der „Please add to and Return“-Vorlagen bereit, die mitgenommen und bearbeitet werden können um dann an das Museum Frieder Burda zurückgeschickt zu werden. Die Ergebnisse sind in der Galerie www.friezeny.com einsehbar.

Ausstellungsdauer: 25. April bis 5. August 2019

Öffnungszeiten
Donnerstag bis Samstag, 12 – 18 Uhr

Museum Frieder Burda I Salon Berlin
Auguststraße 11–13
10117 Berlin
www.museum-frieder-burda.de


Ferial Nadja Karrasch

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Titel zum Thema Salon Berlin:

JR, Adrian Piper und Ray Johnson
letztes Wochenende --> im Salon Berlin des Museums Frieder Burda.

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