Berlin Daily 30.05.2020
Auktion analog und per Liveübertragung

16:30-18:30 Uhr: Impulse für JETZT und die ZUKUNFT. Künstlerinnen der GEDOK Berlin.
Galerie GEDOK Berlin, Suarezstr. 57, 14057 Berlin

(Einspieldatum: 18.03.2020)

Edvard Munch (1863–1944), ein Meister der Melancholie

von Urszula Usakowska-Wolff
bilder

Edvard Munch, Selbstportrait nach Spanischer Grippe, 150 x 131 cm, 1919, Nasjonalmuseet, The Fine Art Collections, Oslo, Photo: Nasjonalmuseet / Lathion, Jacques, Photo license: Fri ikke-kommersiell bruk (CC-BY-NC)

Ein leises, tief berührendes Bild: Auf einem Sessel sitzend, schaut der Mann uns direkt an; in seinen Augen spiegeln sich Schrecken, Fassungslosigkeit und ein bisschen Trotz. Sein Mund ist offen, seine Haut gelblich, so wie die Wand hinter ihm. Er trägt einen dunklen Morgenmantel, ein weißes Hemd und dunkle Hausschuhe. In der linken Hand hält er ein Stück Stoff, vielleicht einen Schal. Das zu seiner rechten stehende Bett ist zerwühlt. Der Mann sieht aus, als hätte ihn jede Energie verlassen. Erschöpft und verzweifelt kann er nur noch ausharren. Das Bild ist ein Werk von Edvard Munch, sein Selbstporträt nach der Spanischen Grippe, gemalt 1919, als sich der damals 56-jährige Künstler langsam von dieser verheerenden Krankheit erholte.

Spanische Grippe

Die Spanische Grippe war die erste Pandemie des 20. Jahrhunderts. Sie brach gegen Ende des Ersten Weltkriegs aus, als über Europa ausgemergelte Soldaten auf dem Weg in ihre Heimatländer zogen. Die Militärbasen waren überfüllt, die unterernährten Menschen in den Städten wohnten außerordentlich gedrängt, schliefen oft zu mehreren in einem Bett oder auf dem Boden; die hygienischen Zustände waren katastrophal. Die Influenza verbreitete sich in drei Wellen von 1918 bis 1919, nicht wie früher angenommen, von Spanien aus, sondern von den USA (Camp Funston / Kansas) rasant über die die ganze Welt und forderte bis zu 50 Millionen Todesopfer. Das übertraf um das Dreifache die Zahl der Menschen, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben verloren haben. Die größte Risikogruppe, auf die es der Influenzavirus Subtyp A/H1N1 abgesehen hatte, waren 20- bis 40-Jährige, darunter Egon Schiele und seine schwangere Frau Edith, Max Weber und Apollinaire.

Kunst als Spiegel des Lebens

Edvard Munch hatte die Spanische Grippe überlebt. Geschwächt und entkräftet trotzte er ihr, indem er sie auf Leinwand bannte. Leid und harte Schicksalsschläge prägten sein Leben. Der 1883 in der norwegischen Hauptstadt Christiana (das heutige Oslo) geborene Maler lernte bereits sehr früh Krankheit, Unglück, Angst und Tod kennen. Sein Vater, Christian Munch, war ein tief gläubiger Militärarzt mit bescheidenem Einkommen. Seine zwanzig Jahre jüngere Ehefrau starb an Tuberkulose, als Edvard fünf war. Edvard selbst war ebenfalls von schwacher Gesundheit, doch seine ältere Schwester Sophie sollte das nächste Opfer der Schwindsucht werden. Seine jüngere Schwester Laura litt an einer Krankheit, die damals „Melancholie“ bezeichnet wurde. Von den fünf Geschwistern war nur sein Bruder Andreas verheiratet, der allerdings nur wenige Monate nach der Hochzeit starb.

Sinnbilder der Einsamkeit

Edvard Munchs Bilder, vor allem Vampir (1893), Madonna (1894), Der Kuss (1897) und Der Schrei (1910) wurden zu Ikonen. Viele seiner Gemälde, Zeichnungen und Holzstiche sind Sinnbilder der Einsamkeit, Aussichtslosigkeit, Verlorenheit in einer fremden, unverständlichen Welt und in einem Körper, der von Trieben, Zwängen und Süchten gepeinigt wird. Melancholie durchdringt das gleichnamige Bild von 1899. Es ist ein ergreifendes Studium seiner Schwester Laura, die in geistiger Umnachtung ihr Leben in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses in Christiana fristete, in totaler Abgeschiedenheit, ihre Nächsten nicht wahrnehmend, in ihrer eigenen unzugänglichen Festung zeitlebens eingesperrt. Munchs Porträts scheinen auch in ihren leiblichen Hüllen und gesellschaftlichen Rollen gefangen, die sie zu tragen und zu spielen verurteilt sind: Der norwegische Dichter Jappe Nilssen (1908) steht zwar mit beiden Füssen fest auf dem Boden und hält beide Hände in seinen Hosentaschen versteckt, sein Blick ist jedoch abwesend und entrückt. Seine Einsamkeit unterstreichen die violetten, ziegelroten und grünlichen Farbtöne, die auch in anderen Bildern für Munchs Melancholie stehen, unabhängig davon, ob sie die Unmöglichkeit einer Verständigung zwischen den Geschlechtern (Fruchtbarkeit, 1884?, und Amor und Psyche, 1907) oder den lange Zeit vergeblichen Kampf des Künstlers mit seiner Alkoholsucht (Selbstbildnis mit Weinflasche, 1906) zeigen.

Zerstörerische Leidenschaften

Der Mensch ist ein Gefangener des Schicksals und das Schicksal meint es selten gut mit ihm, auch wenn er mit Talent, Würden und gesellschaftlicher Anerkennung gesegnet wurde. Ein Spiegel der seelischen Abgründe sind auch Munchs Landschaften, über denen ein düsterer, Unheil verkündender Himmel hängt. Die Kirche im Wald (1899) gleicht eher einem Gespensterschloss. Die Kinder im Wald (1903) erstarren vor einer Naturkulisse, hinter der sich jederzeit ein nicht zu gewinnender Kampf von entfesselten, unkontrollierbaren Leidenschaften entfalten kann: Das Leben ist zerstörerisch, und seiner zerstörerischen Kraft kann niemand widerstehen. Mit der Zeit wurden Munchs Bilder immer heller, gegenständlicher und von Licht durchflutet: Der bisherige Großstadtmaler fand nach 1911 zunehmend in der Natur seine Quellen. Doch die Melancholie, ein Sammelbegriff für Krankheit, Unglück, Tod und Trauer, die das Leben Edvard Munchs von Anfang an prägten, ist eines der häufigsten Motive seiner unvergänglichen Kunst, in der er seine an der Welt und sich selbst leidende Seele offenbart.

Urszula Usakowska-Wolff

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