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Berlin Daily 23.09.2020
Führung: Circular City

17h: durch die Ausstellung Circular City - urbane Visionen für ein grünes Berlin mit Van Bo Le-Mentzel (Architekt, Kurator). Anmelden
Urania Berlin | An der Urania 17 | 10787 Berlin

... AUSSER VIELLEICHT EINE KONSTELLATION in der Galerie oqbo

von Urszula Usakowska-Wolff (29.08.2020)


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Raumansicht galerie oqbo | raum für bild wort und ton

Es ist eine bemerkenswerte Ausstellung, und das in vielfacher Hinsicht. Sie bringt Kunst aus verschiedenen Epochen zusammen und veranschaulicht, dass kunsthistorische und religiöse Motive immer noch die Imagination der zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler beflügeln. Als Hommage à Giandomenico Tiepolo (1727–1804) konzipiert, erinnert die Gruppenschau unter dem auf den ersten Blick etwas mysteriösen Titel ... Ausser vielleicht eine Konstellation zugleich an den 250. Todestag seines berühmten Vaters, des Malers Giambattista Tiepolo (1696–1770). Ihr gemeinsames Werk, an dem auch der (etwas vergessene) jüngere Bruder Lorenzo mitwirkte, ist das Deckenfresko im Treppenhaus der Würzburger Residenz: Mit 19 m × 32 m das größte zusammenhängende Deckenfresko der Welt. Die Hauptmotive sind allegorische Figuren, die Afrika, Asien, Europa und Amerika darstellen. Dieses Meisterwerk des Spätbarocks schufen die Tiepolo in den Jahren 1752–1753 im Auftrag des Würzburger Fürstbischofs Carl Philipp von Greiffenclau.

Graphic Novel aus dem 18. Jahrhundert

1753 beendete Giandomenico Tiepolo seine 1750 begonnene, gestochene druckgrafische Serie Idée Pittoresche Sopra La Fugga in Egitto di Giesu, Maria e Gioseppe (Malerische Einfälle über die Flucht nach Ägypten von Jesus, Maria und Josef), die ein Geschenk an den Auftraggeber war. Einer musikalischen Fuge gleich, variiert er darin das Thema ihrer Flucht, die im Matthäusevangelium mit knappen Worten beschrieben wird: „Als sie aber hingezogen waren, siehe, da erscheint ein Engel des Herrn dem Josef im Traum und spricht: ‘Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter zu dir und fliehe nach Ägypten, und bleibe dort, bis ich es dir sage! Denn Herodes wird das Kind suchen, um es umzubringen’“ (Matthäus 2,13; ELB) in 27 Radierungen, jede circa 19 x 24 cm klein. Er lässt seiner Fantasie freien Lauf, denkt sich Szenen aus, löst die Grenzen zwischen dem Sakralen und Profanen auf und schafft durch die temporeiche Handlung eine spannende Geschichte mit überraschenden Begegnungen und Wendungen, die wie der Prototyp einer Graphic Novel anmutet. Oder wie ein Roadmovie auf dem Rücken eines Esels und in schützender Begleitung des Gottvaters und seiner himmlischen Heerscharen.

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Dorothy Iannone
Kindred Spirits? Gleichgesinnte „This work by Giovanni Battista Tiepolo hangs in The Museum of Fine Arts in my hometown, Boston. And this postcard was printed in my adopted hometown Berlin.”


Die Heilige Familie ist lebensnah und profan

Dabei folgt Giandomenico Tiepolo keiner Chronologie. Die erzwungene und trotzdem aufregende Reise bringt die Heilige Familie, die auch in ihren Aureolen gewöhnlich wirkt, durch quirlige Städte und menschenleere, häufig dramatische und von Stürmen geplagte Landschaften. Sie findet in beeindruckenden Architektur- und Naturkulissen statt, die der begnadete Radierer und Erzähler ersonnen hat. Was darauf zu sehen ist, wirkt echt, sinnlich und lebensnah: Die Flüchtenden begegnen einer Eierverkäuferin, einer Ziegenherde, einer Schafherde und Schwänen. Der mit großer Sympathie dargestellte Esel hat anthropomorphe Züge und scheint ein vollwertiges Familienmitglied zu sein. Überzeugend ist auch Giandomenicos zeichnerisches Talent: Die schwarz-weißen Blätter sind voller Dynamik, sie vibrieren und leuchten, sind lichtdurchflutet. Die Linienführung ist stellenweise impressionistisch oder sogar abstrakt. Mit der Serie Flucht nach Ägypten, einem Meisterwerk der europäischen Druckgrafik des 18. Jahrhunderts, trat der Sohn aus dem Schatten seines berühmten Vaters heraus. Mehr noch: In den Ölgemälden, die Giambattista Tiepolo kurz vor seinem Tod malte, knüpfte er direkt an Giandomenicos Radierungen an.

Wohltuend, intim, leise und vielleicht deshalb so anregend

Diese umfangreiche Einführung in das Werk der beiden venezianischen Alten Meister ist notwendig, um die Bedeutung der Ausstellung ... Ausser vielleicht eine Konstellation in der galerie oqbo hervorzuheben. Den beiden Kuratoren – Michael Glasmeier, Kunstwissenschaftler, Lyriker und Autor und dem Zeichner Christian Schiebe – ist es gelungen, eine wohltuende, intime, leise und vielleicht deshalb so anregende Schau zu meistern, in deren Mittelpunkt Malerische Einfälle über die Flucht nach Ägypten von Jesus, Maria und Josef des Tiepolo Junior stehen. Die anderen 44 Künstlerinnen und Künstler beziehen sich entweder direkt auf das 27-teilige Werk, welches als eine Lichtdruck-Reproduktion (Düsseldorf 1955) präsentiert wird, oder können in diesem Zusammenhang in Ausstellungskopien neu rezipiert werden. Die in eine Art Grafikkabinett verwandelten Galerieräume mit einer großen, aber übersichtlichen Anzahl meist kleiner Arbeiten an den Wänden sowie mit Künstlerbüchern und Postkarten in den Vitrinen laden zu einer konzentrierten Besichtigung ein, die einige Zeit erfordert. Angesichts der Vielfalt, den verborgenen Details und der ruhigen Atmosphäre, die dank den vorwiegend schwarz-weißen oder sparsam kolorierten Zeichnungen, Radierungen und Mischtechniken auf Papier entsteht, verfliegt diese Zeit wie im Nu.

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Alexander Roob
CS-VII: Albertina. Bildroman, 1999, Buch, Ritter Verlag, Klagenfurt
Marcel van Eeden
K.M. Wiegand. Life and Work, Buch, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2006
Stanley Brouwn
1 m x 1 m, 1993, Buch, Portikus, Frankfurt am Main u.a.O.
Frieder Butzmann
Auf Reise ganz leise, 2004, Notation, Tusche auf Karton in Rahmen, 14,5 x 10, 5 cm


Zur Tate Modern und anderswo auf und mit dem Esel

Die Flucht ist ein Thema, das sich wie ein roter Faden durch die ausgestellten Werke zieht. Ihr gewidmet sind, neben dem zentralen Mappenwerk Tiepolos, Friedericke Feldmanns Vorbereitung zur Überfahrt und Das zerberstende Standbild (Wachskreide auf Papier, 2020), die sich direkt darauf beziehen sowie fünf Zeichnungen aus der Serie Heute zeichnete ich Flüchtlinge am Hamburger Hauptbahnhof (2015–2016) von Kyung-hwa Choi-aho. Als eine Anspielung auf die Flucht können auch die Arbeiten der Klassiker der ersten und zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Wanted (1923) von Rrose Selavy (Marcel Duchamp) und Exit (1961) von Georg Brecht interpretiert werden. Ein anderes Motiv ist der dem Radierzyklus von Tiepolo offensichtlich entflohene Esel. Er taucht in der AA-Serie Sommer 2020 Berlin von Peter Radelfinger, im Road to Tate Modern (2003, Video Still, Postkarte) von Sener Özmen und Erkan Özgen und auf der Fotografie Esel auf der Dorfstraße. Hopi-Dorf Walpi, East Mesa, Arizona, April 1896 von Aby Warburg auf. Im Keller wird ein Video über eine Lesung Jutta Persons, Autorin des Buches Esel | Ein Portrait, gezeigt. Alles hängt irgendwie zusammen, Altes erscheint in einem neuen Licht, und das Neue führt unsterbliche Kunstmotive weiter, gestaltet sie auf seine Art. Heute wie gestern entsteht und entstand Kunst meistens aus Kunst.

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Terry Fox
The Labyrinth. Scored for 11 Different Cats, 1977


Intellektuelles Spiel mit einem ungenannten Geist

Die mit kleinen Werken bestückte Ausstellung wartet mit großen Namen aus der Vergangenheit und Gegenwart auf. Es ist zu begrüßen, dass die Kuratoren auf die Deskription und Interpretation der Variationen zum Thema Flucht, Migration der Motive, Bild und Abbild (viele der Kunstwerke sind Ausstellungskopien) und der Querverbindungen zwischen den Künstlerinnen und Künstlern verzichten. Das Einzige, das dem Publikum zur Orientierung dient, ist ein Plan der Galerie, in dem Positionen und Nummern der gezeigten Arbeiten verzeichnet sind. Die hochkarätige Gruppenschau in der Weddinger galerie oqbo ist nicht nur eine Hommage à Giandomenico Tiepolo und jene, die ihre künstlerischen Einfälle mithilfe verschiedener Medien mit Esprit, Fantasie, Humor, Subversion oder Nüchternheit umsetzen, sondern auch ein Appell, den Geschichten und Sequenzen zu folgen, über sie nachzudenken und sich mit ihnen, auch nach dem Verlassen der Ausstellungsräume, zu befassen. Es ist ein intellektuelles Spiel, zu dem wir eingeladen werden. Lassen wir uns darauf ein, erscheint der Titel ... Ausser vielleicht eine Konstellation nicht mehr so unverständlich. Das scheint ein Zitat aus dem 1897 veröffentlichten Gedicht Un coup de dés jamais n’abolira le hasard (Ein Würfelwurf wird nie den Zufall tilgen, deutsche Übersetzung von Gerhard Goebel) von Stéphane Mallarmé zu sein. Auf den letzten Doppelseiten dieses Prototyps der Visuellen Poesie ist zerstreut in verschiedenen Typografien und unterschiedlich großen Buchstaben Folgendes zu lesen: Nichts ... wird stattgefunden haben ... als die Stätte/ ... Außer ... vielleicht ... eine Konstellation. Der französische Poet wird zwar nicht explizit genannt, die Begegnungsstätte der alten und neuen Kunst im Gesundbrunnen ist aber offensichtlich von seinem kreativen Geist beseelt.

Mit Milena Aguilar, Helene Appel, Francis Alÿs, Monika Bartholomé, Bernhard Blume, Bettina Blohm, Claus Böhmler, Sandra Boeschenstein, Christian Boltanski, George Brecht, Stanley Brouwn, Winfried Bullinger, Frieder Butzmann, Kyung-hwa Choi-ahoi, Philip Corner, Marcel van Eeden, Robert Filliou, Harald Falkenhagen, Friederike Feldmann, Terry Fox, Yves Gevaert, Hulda Hakon, Sibylle Hofter, Dorothy Iannone, Jarosław Kozłowski, Simon Lewis, Monika Maurer-Morgenstern, Nanne Meyer, Katharina Meldner, Sofie Bird Møller, Sener Özmen und Erkan Özgen, Jutta Person, Christian Pilz, Peter Radelfinger, Alexander Roob, Mathias Ruthenberg, Nora Schattauer, Christian Schiebe, Rrose Selavy, Giandomenico Tiepolo, Amy Vogel, Nikos Valsamakis, Aby Warburg, Emmett Williams.

... AUSSER VIELLEICHT EINE KONSTELLATION
Hommage à Giandomenico Tiepolo
kuratiert von Michael Glasmeier und Christian Schiebe
bis 12. September 2020
galerie oqbo | raum für bild wort und ton
Brunnenstr. 63 | 13355 Berlin
Do, Fr, Sa 15–18 Uhr
U.N.V. Tel.: 0157 / 75 36 63 52
www.oqbo.de

Urszula Usakowska-Wolff

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