Berlin Daily 21.01.2021
Trügerische Pressebilder?

Ein digitaler Vortrag & Gespräch mit Theresia Enzensberger im Marta Herford. Via Zoom - Ein Zugangslink ist nach Anmeldung per E-Mail an franziska.brueckmann@marta-herford.de erhältlich.

„Und wieder kann ich mir kein Bild von Ihnen machen.“

von Maximilian Wahlich (08.12.2020)


„Und wieder kann ich mir kein Bild von Ihnen machen.“

Ornella Fieres, Ich halte es für eine Tragödie, daß wir uns nicht gefunden haben!, Ausstellungsansicht: Marcus Schneider

Momentan findet in der SEXAUER Gallery die Ausstellung "Ich halte es für eine Tragödie, daß wir uns nicht gefunden haben!" Die Frau bleibt anonym.
Allein ihre Briefe legen eine Spur, skizzieren ihre Umrisse. Sie lebte in Weißensee/Berlin, mochte Blumen und vermutlich hatten Freund*innen von ihr einen Garten und erzählten sich allerlei Liebestratsch.

Die etwa 700 Korrespondenzen stammen aus den 60er/70er Jahren. All die postalischen Antworten und Sendungen wurden zur Grundlage der Arbeiten, die sich der Frau behutsam annähern. Obwohl wir Sätze ihrer Freund*innen lesen, abstrahierte Motive der Postkarten sehen, verfehlen wir zuverlässig ihre Persönlichkeit.
Ungreifbar ist diese Frau gerade auch wegen Ornella Fieres künstlerischen Verfahren: Sie operiert mit digitalen Technologien, in diesem Fall nutzte sie KI-Software (künstliche Intelligenz). Trotz modernster Hightech wird die Frau nicht entlarvt, trotz ihres aufwendigen Einsatzes werden wir mit kryptischen Informationen und digitalen Surrogaten abgespeist. Die Frau verbleibt als Kontur.

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Ornella Fieres, a man in a suit and tie holding a cell phone / IC4, 2020, collage, framed under museum glass 35 x 28 cm

Auftakt und Ende der Ausstellung ist eine Serie von zur Wand gedrehten Fotografien und dazugehörigen Hauptsätzen. Durch die Montage auf einer großen Fototapete wird eine Arbeit hervorgehoben. Auf dem floralen rot-orangen Geschwader der Tapete hängt im Rahmen eines der gewendeten Fotos. Darunter steht eine Beschreibung, generiert von einer KI: „a man in a suit and tie holding a cell phone“. Wir wissen nicht, was auf dem Foto zu sehen ist.
Fieres löst das Rätsel: Es ist ein Passfoto besagter Frau.
Die falschen Aussagen der KI (Krawatte, Handi und das Geschlecht) tradieren, korrigieren unsere Vorstellung von der Frau: Was hat es mit der Krawatte auf sich? Woher liest die KI das Geschlecht? Wieso erkennt die KI ein Handi? Unbekannte Quellen und Herleitungen. Mit diesen Fragen spüren wir, in den Worten Ornella Fieres, dem Okkulten technischer Interpretationen nach.

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Ornella Fieres, Ornella Fieres Postcards to M / GAN6 / GAN5 / GAN4, 2020 Image Synthesis, framed under museum glass 100 x 100 cm, Ausstellungsansicht: Marcus Schneide

Das großflächig florale Gebilde an der Tapete setzt sich in drei quadratischen Motiven fort. Fern erinnern diese bunten organischen Formen an Wolken, teils zerklüftet oder gebunden im dicken Rauch. Im Ausstellungstext wird erklärt, dass es sich um Kondensate aller Postkarten mit Blumenmotiv handelt. Fieres speiste eine KI mit den Abbildungen. Danach addierte, fusionierte und konzentrierte die KI all die Motive.
Normalerweise wird diese Software für Gesichtsreproduktionen genutzt. Sie konstruiert sonst das Lachen in ein Bild, ändert die Mimik.
So erklärt sich manche Tiefenschärfe, manch eine Kontur, die von der KI sonst bei Gesichtern verwendet wird. Für Fieres baute die KI anhand des anatomischen Grundgerüstes sozusagen Blumenköpfe.

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Ornella Fieres, Letters to M / HTR, 2020, 3- channel video installation

„Dadurch worin die wunderschönen Blumengebinde sehr schnell verwelkt.“ steht auf einem von drei aufeinander getürmten Röhrenfernsehern. Auf den beiden anderen Bildschirmen erscheinen Sätze wie „Meine Eltern werden auch immer weniger.“ oder „Denn unsere Zeit ist jetzt immer sehr begrenzt.“. Fieres Beschäftigung mit dem postalischen Material wird hier ganz konkret greifbar: Eine KI entzifferte die teils schwer lesbare Handschrift. In einem zweiten Schritt wählte die Künstlerin 120 Sätze für diese Arbeit aus. Per Zufallsalgorithmus werden die Sätze nun in immer neuen Konstellationen auf den Bildschirm gebracht. Dabei entstehen verschiedene Sinnzusammenhänge, teils arbiträre Widersprüche, meist witzige Verknüpfungen.
Wir wissen nicht, ob die Quelle der grammatikalischen Fehler die Postkarten oder die KI ist. Wir wissen auch nicht, von wem diese Sätze eigentlich stammen.
Jemand schrieb: „Ich habe jetzt sogar Spaß daran, an das Ungewisse.“. Diese Aussage könnte auch von der Frau handeln, die in allen Kunstwerken ungreifbar entrückt bleibt.
Ein technisches Paradox, dass trotz modernster Technik von heute eine Person kaum zu fassen ist. Vielleicht verstehen wir die Codes unserer technischen Umgebung doch weniger als wir denken?

Erfolgreich wäre für eine Galerie, wenn alle Werke verkauft würden. Dann aber zerfiele der Werkkomplex in einzelne Teile, würde in Privatsammlungen zersplittert. Sicherlich lässt sich darin ein poetischer Mehrwert erkennen. Wie die Erinnerungen an eine Person verstreuten sich auch die Werke und entkoppeln sich.
Auf der anderen Seite wäre die Verteilung der Werkgruppe zu bedauern, wo doch gerade erst durch die dichte und multimediale Aufarbeitung der Person Plastizität verliehen wird. Ihre Umrisse erscheinen hier zum Greifen nahe. Ihre Freund*innen und/oder Familienangehörige kommen zur Sprache, lassen Rückschlüsse zu auf die Briefe der Frau.
Diese Werkgruppe in einzelne Partikel zu zerschlagen ist bedauerlich, doch vielleicht findet das Konvolut irgendwann einmal wieder Eingang in eine größere Ausstellung – lohnend wäre das allemal!

Ausstellungsdauer: 2. Dezember 2020 – 30. Januar 2021

SEXAUER Gallery
Streustr. 90, 13086 Berlin
T +49 30 93028725 / mail@sexauer.eu
Dauer: 2. Dezember 2020 – 30. Januar 2021
Individuelle Führung: Jederzeit nach Vereinbarung
www.sexauer.eu

Maximilian Wahlich

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Titel zum Thema Sexauer Gallery:

„Und wieder kann ich mir kein Bild von Ihnen machen.“
Ausstellungsbesprechung: Momentan findet in der SEXAUER Gallery die Ausstellung "Ich halte es für eine Tragödie, daß wir uns nicht gefunden haben!" von Ornella Fieres statt. Gezeigt wird ein Werkkomplex, der sich mit dem postalischen Nachlass einer weiblichen Person befasst.

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