Berlin Daily 16.04.2021
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19 Uhr: von Shirin Barghnavard zeigt Überbleibsel der Berliner Mauer, während Stimmen internationaler Künstler*innen aus dem Off über ihre eigenen Erfahrungen mit Trennung und Ausgrenzung sprechen.
Akademie Schloss Solitude (Stuttgart)

Die Wirklichkeit ist trügerisch: K.H. Hödicke im PalaisPopulaire

von Urszula Usakowska-Wolff (21.03.2021)


Die Wirklichkeit ist trügerisch: K.H. Hödicke im PalaisPopulaire

Installation view - K.H. Hödicke, Doppel-Pappel 1989/90 und Besteck, 1972, Foto: Mathias Schormann, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Eine Doppel-Pappel hängt neben lila larum löffelstiel, durch den Frisierspiegel wird das Fragment eines Schlafzimmers dupliziert, eine Hotelfassade löst sich langsam in der Dunkelheit auf, die geballte Faust ist aus Bronze, und auf dem Tondo Bestecke ist eine Gabel verewigt, die im nächtlichen Schaufenster irrlichtert. Sie sind das Werk von K.H. Hödicke, dem das PalaisPopulaire eine am 14. März wieder geöffnete Ausstellung widmet. Retrospektiv angelegt, zeigt sie die gestalterische und intellektuelle Vielfalt des Künstlers, der seit 1957 in Berlin lebt. Zu sehen sind über 200 seiner Gemälde, Zeichnungen, Gouachen, kleinformatige Skulpturen, Mischtechniken auf Pappe und Collagen aus sechs Dekaden, darunter Mikrostrukturen und die Braunsche Molekularbewegung (eine Anspielung auf die Entdeckung des schottischen Botanikers Robert Browns von 1827), beide aus dem Jahr 1959.

Interieurs, Landschaften, Selbstporträts

Die Schau unter dem schlichten Titel K.H. Hödicke beginnt im Treppenhaus, dessen rechte, runde Wand in eine Berliner Suite verwandelt wurde. Es ist eine beeindruckende Sammlung von knapp 30 kleinen Papierarbeiten und Zitaten des mit vielen Talenten gesegneten Künstlers sowie der Beweis seines Gespürs für die Flüchtigkeit, Unbeständigkeit und den Flair der geteilten und dann hektisch zusammenwachsenden Metropole, die er unermüdlich auf Leinwand und Papier bannt. Wenn einer die Bezeichnung „Berliner Künstler“ verdient, dann ist es Karl Horst Hödicke. Doch „das Berlin, das ich gemalt habe, gibt es nicht mehr. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich etwas male, das morgen nicht mehr existiert.“ Als ein genauer Beobachter, der sachlich und nüchtern an seine Sujets herangeht, zeichnet und malt er Selbstporträts, Pflanzen und Tiere in schmucklosen Interieurs und urbane Landschaften, Hinterhöfe und Ruinen in der Nacht, am Tag, verregnet, verschneit, düster, heiter, offen und häufig klaustrophob.

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K.H. Hödicke, Ohne Titel, 1985, Gouache auf Papier, 70 x 100 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Seine Bilder wirken wie beiläufig skizziert, auf einige wenige Elemente reduziert, manchmal gespenstisch: „Westberlin war eine Großstadt, die eine Insel war, deren Mitte nicht existierte. Straßen endeten im Nichts, Häuser bestanden einzig aus Fassaden – ein Unikum, das es woanders nicht gab“, so Hödicke. „Wenn man so will, war Berlin vor dem Bau der Mauer ein einziger Kulissenbau. Heute ist die Stadt wie jede andere – sichtlich nicht mehr so fremdartig.“ Auf einem Blatt der Berliner Suite steht in Großbuchstaben geschrieben: ICH FRAGE DICH. Wen oder was hat der Fragende im Sinn? Eine Person oder Berlin? Und über dem Eingang in die Halle im ersten Stock hängt eine großformatige Zeichnung mit der Aufschrift BASTA.

Die Sublimierung des Banalen

Berlin ist für K.H. Hödicke Kulisse und Bühne eines Spektakels des Alltäglichen, Übersehenen und scheinbar Unbedeutenden. Er zeigt die verborgene Ästhetik und Poetik der gewöhnlichen Dinge: 1961 entstand das Bild Rosa Verspannung aus auf Keilrahmen aufgespanntem, verzogenem Textilstoff. Bedeckt mit einem Muster aus kleinen Entchen, Traktoren, Blümchen, Uhren, Schmetterlingen und Flugdrachen, mutet es wie ein Ornament aus heutigen Emoticons an. Kleine Bronzedenkmäler schuf er für Plastikeinlagen, in die Süßigkeiten gesteckt werden (Das Kreuz im Toffifee und Kapelle, beide 1989). Indem Hödicke das Banale sublimiert, weist er auch auf die Sakralisierung des Konsums hin. Die Croquis Studien aus den späten 1980er und den frühen 1990er Jahren sind aus Pappe, auf der die Zeit ihre Spuren hinterlässt. Aus fragilem und vergänglichem Material gefertigt, haben diese Kunstwerke Anspruch auf ein ewiges Leben. Die Skulptur Alabasterkopf sieht wie ein Alabasterkanister aus. Reflexionen und Spiegelungen der 1969er und 1970er Jahre bestehen aus einer Reihe von Gemälden der Schaufenster, in denen sich Limousinen, Reklamen und Neonlichter spiegeln. Im Taschismus-Saal werden seine Bilder, die sich mit dem Informell auseinandersetzen, gezeigt. In ihrer Nähe steht die Skulptur Architekturmodell (1991), ein Ready-made aus zum Teil gelöcherten Ziegelsteinen in Weiß, Schwarz und Rot: Dadaismus und Konstruktivismus in einer symbiotischen Verbindung. Und Blau, die Farbe der deutschen Romantik und von Yves Klein ist auch eine von K.H. Hödickes Lieblingsfarben.

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Installation view - K.H. Hödicke, Foto: Mathias Schormann, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Prägend als Künstler und Pädagoge

Karl Horst Hödicke (* 1938 in Nürnberg) verbrachte seine Kindheit in Wien und München. Als 19-Jähriger kam er nach Berlin, um zuerst an der TU Architektur, dann an der Hochschule der Künste bei Fred Thieler Malerei zu studieren. Wie kein anderer prägte der Wahlberliner die Kunst seiner Stadt. 1964 war er einer der Mitbegründer der legendären Selbsthilfegalerie Großgörschen 35. 1974 als Professor für Malerei an die HdK berufen, unterrichtete er dort 31 Jahre lang. Weil aus seiner Klasse unter anderem Salomé, Rainer Fetting, Barbara Quandt, Bernd Zimmer und Helmut Middendorf hervorgingen, wird er „Vater der Neuen Wilden“ genannt. Von der Kritik als „Wegbereiter des deutschen Neoexpressionismus“ und „bedeutender Vertreter der Neuen Figuration“ apostrophiert, lässt sich der Maler, Bildhauer, Filmer und Wortkünstler nicht in eine Schublade stecken. Seit Anfang der 1960er Jahre überrascht er immer wieder mit Arbeiten, die sich einer strikten Zuordnung entziehen. Abstrakt und figurativ sind für Hödicke keine Gegensätze, denn er bildet die Welt so ab, wie er sie sieht. Seine Kunst ist eine Mischung aus ungegenständlichen und gegenständlichen Formen, die er vor, über und unter dem Fenster seines Ateliers findet. 1975 bezieht er den „Dessauer Turm“ in der Dessauer Straße in Kreuzberg, direkt an der Mauer und der riesigen Brache am Potsdamer Platz, einem streng bewachten und kalt beleuchteten Niemandsland mitten in der geteilten Stadt, das er seine „Wüste Gobi“ nennt: vor der Wiedervereinigung mit Sand, auf dem Unkraut wucherte, bedeckt, nach dem Mauerfall mit Baukränen gepflastert, die dieses Terrain in eine Betonwüste verwandelten.

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Installation view - K.H. Hödicke, Foto: Mathias Schormann, © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Ausschweifung und Disziplin

Doch den meisten Platz in der von Michael Hering kuratierten Ausstellung nehmen Hödickes Malereien auf Papier ein, die er als Testläufe bezeichnet, sowie tagebuchähnliche DIN-A4-Zeichnungen aus der Serie Entwürfe, Anfang der 1970er Jahren begonnen, welche in diesem Umfang zum ersten Mal in Berlin präsentiert werden. Doch die vielen unbekannten Bilder und Skulpturen wirken vertraut, denn sie tragen die unverkennbare Handschrift ihres Schöpfers: die schnelle, expressive Geste, die stark kontrastierten und konturierten Formen, Sinn für Humor und die Absurditäten des Seins. Es ist eine Kunst, die zwischen Ausschweifung, Disziplin und Verweigerung oszilliert. K.H. Hödicke schwimmt gegen den Strom (oder die gängigen Strömungen); er bevorzugt von Anfang an kunstfremde Materialien sowie Dispersionsfarben, weil sie schnell trocknen und nicht glänzen, sondern leuchten.

Eines von vielen

Ironie und Melancholie durchziehen sein Œuvre, das nicht altert, frisch, aktuell und zugleich ein Dokument der Zeit ist: unheimliche Nachtstücke, schillernde Plastikbestecke und eine APO(theke), triste Yukka-Palmen am Fenster, schwarzweiße minimalistische Tropfenbilder, wuchernde Medusenhäupter und Schaukelritter. Was K.H. Hödicke über seine dem griechischen Hirtengott gewidmete PAN-Serie schreibt, bezieht sich auf seine gesamte Betrachtungs- und Arbeitsweise: „Die Wirklichkeit ist trügerisch, nur ein momentaner Zustand. Ein Bild allein ist nur eines von vielen Bildern einer momentanen Wirklichkeit.“

K.H. Hödicke
bis zum 4. April 2021
PalaisPopulaire
Unter den Linden 5, 10117 Berlin
dbpp.db.com

Öffnungszeiten:
Täglich außer Dienstag, 11 – 18 Uhr, Donnerstag 11 – 21 Uhr
Genaue Informationen über die Buchung kostenfreier Zeitfenster-Tickets, die Abstands- und Hygieneregeln im gesamten Gebäude und den Ausstellungsräumen sowie über digitale Formate befinden sich auf der


Urszula Usakowska-Wolff

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