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Das Tier in altmeisterlicher Manier: Walton Fords Aquarelle in der Galerie Max Hetzler

von Urszula Usakowska-Wolff (13.08.2021)
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La Madre, 2017 watercolour, gouache and ink on paper, mounted on aluminium panel
© Walton Ford
Photo: TOM POWEL IMAGING


Erst bei genauem Hinschauen offenbart sich das Grauen. Es ist nur leicht, nur beiläufig angedeutet. Was man auf den ersten Blick sieht, sind große Papierbilder mit perfekt gemalten Kreaturen: Säugetiere und Vögel, von denen manche als exotisch gelten. Der monumentale Kopf einer Bärin und ihre linke Pranke lugen zum Beispiel aus einer hochgelegenen Felsgrotte hervor. Dahinter erstreckt sich eine pastellfarbene sanfte Berglandschaft und ein blauer Streifen: wahrscheinlich ein See oder ein Meer. Falken kreisen in den Lüften. Das ereignet sich an einem sonnigen Tag: eine Idylle, die keine ist, denn in der linken Ecke des Bildes befindet sich eine von Sträuchern umgebene Sandfläche, auf der drei Reiter mit Lassos einen Bären einfangen. Rechts davon steht eine Kirche mit Wirtschaftsgebäuden, hinter denen Vieh grast. Und unter dem Felsen, in dem die Bärin ein Versteck, das in Wirklichkeit wohl eine Falle ist, gefunden hat, liegen Skelette. Von Bären oder Rindern? Oder von Rindern und Bären?

Akribisch recherchierte Geschichten

Das aus dem Jahr 2017 stammende Bild heißt La Madre 1849. Es ist eines von sieben großformatigen Papierarbeiten des US-amerikanischen Künstlers Walton Ford (* 1960 in Larchmont, New York), die unter dem schlichten Titel Aquarelle in der Galerie Max Hetzler gezeigt werden. Dem Berliner Publikum dürfte Waltons beeindruckende Einzelausstellung Bestiarium im Hamburger Bahnhof aus dem Jahre 2010 in Erinnerung geblieben sein. Lange Zeit als ein traditioneller und antiquierter Tiermaler und Illustrator verschrien und von den Museen gemieden, erfreuen sich seine Mischtechniken aus Aquarell, Gouache, Tinte und Bleistift auf Papier inzwischen einer so großen Popularität, dass die Sammler sich in Geduld wappnen müssen, um eins seiner Bild zu erwerben. Auch seine Ausstellungen sind eine Rarität, denn die Arbeiten, von denen er höchstens sechs bis sieben im Jahr fertigt, sind das Ergebnis eines langen Forschungs- und Gestaltungsprozesses. Er erzählt unbequeme und akribisch recherchierte Geschichten aus der Vergangenheit, in deren Mittelpunkt augenscheinlich realistisch gemalte Tiere stehen.

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Walton Ford, Suicide Clutch, 2021
watercolour, gouache and ink on paper
152.4 x 213 cm.; 60 x 83 7/8 in.
172 x 232.4 x 6.3 cm.; 67 3/4 x 91 1/2 x 2 1/2 in. (framed)
Courtesy of the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London © Walton Ford.
Photo: Tom Powel Imaging


Seiner Zeit weit voraus

Walton Ford, der an der Rhode Island School of Design in Providence, Rhode Island, studierte, interessierte sich schon als Kind für aufwändig illustrierte naturwissenschaftliche Bücher, für Berichte von Forschungsreisenden und für Naturkundemuseen. Eine besondere Faszination übte auf ihn der Ornithologe und Zeichner John James Audubon (1785-1851) aus, Autor des vierbändigen Atlas The Birds of Amerika. Es war das erste Buch, das ihm seine Eltern schenkten und dessen Illustrationen er immer wieder kopierte. Das half ihm, sein künstlerisches Thema und Medium zu finden, nämlich das Tier, dargestellt in altmeisterlicher Manier auf Papier, versehen mit zitterigen handschriftlichen Notizen wie das Werk eines Naturmalers aus dem 19. Jahrhundert. Nüchtern, sachlich und mit bitterböser Ironie stellt Walton die Tiere dar, wie Menschen sie behandeln: als Spielzeug und Handelsware, als Objekte der wissenschaftlichen Neugierde, gequält und getötet, um Medizin oder Kunst zu dienen. Seit Anfang der 1980er Jahre arbeitete der Maler als Tischler und Metallbauer. Er lebte in Williamsburg, einem damals billigen Stadtteil von New York City. Seine erste institutionelle Personale hatte er als 46-Jähriger 2006 im Brooklyn Museum. Der künstlerische Solitär Walton Ford, der seiner Zeit weit voraus war, wurde endlich von der Kunstwelt anerkannt, ausgestellt und von renommierten Galerien wie Kasmin, Gagosian und zuletzt auch von Max Hetzler ins Programm aufgenommen.

Nachtstück mit Statue und Affen

Die mit sieben überlebensgroßen Aquarellen aus den Jahren 2017–2021 recht bescheiden bestückte Ausstellung in der Berliner Dependance der Galerie Max Hetzler hat eine starke Wirkung und eine spannende Dramaturgie. Die Bilder haben durch die Hängung – im ersten und zweiten Galerieraum einzeln, im zweiten zu dritt und im dritten zu zweit – genügend Platz, um ihre Magie zu entfalten. In den meisten Fällen versieht Ford seine Werke mit handgeschriebenen Titeln, Jahreszahlen und Zitaten aus dem 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und so fängt die Ausstellung mit einem Nachtstück an, in dem ein blasser Vollmond über Flammen hängt, die aus einem Vulkan schießen. Auf dem ersten Plan sieht man den Ausschnitt eines Balkons mit einem gebückten Bartaffen (auch Wanderu genannt), der, an eine armlose, antike und rücklings abgebildete Statue gelehnt, aufmerksam nach vorne schaut und von dem sich hinter ihm abspielenden Feuerspektakel nichts merkt. Er blickt den Betrachter schelmisch an, als wollte er ihn auf den Arm nehmen. Auf dem Boden des Balkons liegen Requisite, deren sich Forscher bedienen: ein Buch, ein Teleskop und eine Lupe. Ganz unten befindet sich der mit Bleistift geschriebene Titel des Bildes The Flaming Fields – Campi Phlegraei 1779.

Affe als Hofnarr und Alter Ego

Auf denkbar kurze Weise deutet Walton Ford auf diesem Bild eine Geschichte an, die auf wahren Begebenheiten beruht und in der er den Affen in den Vordergrund stellt: Jack, dem der Künstler bereits 2005 ein Aquarell gewidmet hat, erlangte eine gewisse Berühmtheit als Hausaffe von Sir William Hamilton (1730–1803). Sein Besitzer war seit 1764 englischer Botschafter in Neapel, der Kunst sammelte und sich mit Archäologie und Vulkanologie beschäftigte. In den Jahren 1776–1779 veröffentlichte er in Neapel das von Pietro Fabris (1740–1792) illustrierte mehrbändige Werk unter dem Titel Campi Phlegraei. Observations on the Volcanoes of the Two Sicilies, as they have been communicated to the Royal Society of London, in dem er die Phlegräischen Felder, ein etwa 20 km westlich des Vesuvs gelegenes Gebiet mit hoher vulkanischer Aktivität beschrieb. Der Forscher, Diplomat und ein Mensch, der ein für damalige Zeiten unkonventionelles Leben führte, hielt sich den Affen als eine Art Hofnarren, der mit wissenschaftlichen Instrumenten Faxen machte – und zeigte damit, dass die Wissenschaft zwar ernst, aber zugleich ein Spiel mit ungewissen Ausgang ist. Der Affe war gewissermaßen sein Alter Ego.

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Walton Ford, Detested, 2020
watercolour, gouache and ink on paper
152.4 x 212 cm.; 60 x 83 1/2 in.
Courtesy of the artist and Galerie Max Hetzler, Berlin | Paris | London © Walton Ford.
Photo: Tom Powel Imaging


Eine krampfhafte Zuneigung

Ein anderer Affe – namens Georg – ging in die Kunstgeschichte dank Oskar Kokoschka ein, der ihn 1926 unter dem Titel Mandrill im Londoner Zoo porträtierte. Er ist der Held von Walton Fords Detested, auf dem er sich mit seinem kostbaren Konterfei davonstiehlt. Es ist anzunehmen, dass die Hand, die das Gemälde festhält, die von Kokoschka ist. Auch er sah in dem stolzen Tier, das gezwungen war, in einem engen Käfig sein Dasein zu fristen, sein Alter Ego. Obwohl er George Bananen brachte, um sich in seine Gunst zu schleichen, merkte er, dass der Mandrill ihn hasste. Dass die Kunst und ihre Schöpfer ohne Skrupel bereit sind, für die lebensechte Darstellung Tiere zu opfern, zeigt wiederum Waltons Bild Spasmodic Affection, dessen Titel durch die Notiz White Mountains, New Hampshire, 1833, ergänzt wird. Zu sehen sind drei Steinadler, die, aneinander angekettet, sich über den Bergen im Kreis drehen. Tatsächlich kaufte John James Audubon, worüber seine Ornithological Biography (1835) Auskunft gibt, von einem Mann ein riesiges Steinadlerweibchen, das, in eine Fuchsfalle geraten, nur leicht an einem Zeh verletzt war. Um sie in seinem Werk The Birds of America zu verewigen, sperrte er sie in einem Käfig ein und versuchte, sie mit Rauch zu vergiften. Doch der Vogel war auf diese Weise nicht totzukriegen, also stieß er ihm ein spitzes Stück Stahl mitten ins Herz. Danach konnte er das Weibchen ausstopfen, geschmackvoll arrangieren und verewigen, wobei er beim Skizzieren und Malen von einer „krampfhaften Zuneigung“ gepackt wurde.

Die in der Galerie Max Hetzler präsentierten Aquarelle von Walton Ford prägen sich tief ins Gedächtnis ein, das Gesehene taucht immer wieder vor den Augen auf. Unpathetisch und unaufdringlich weist der Künstler darauf hin, wie verletzlich die Schönheit der Natur ist und welche Schäden der Mensch anrichtet, wenn er sich wie ihr Herr und Gebieter aufführt: Indem er alles vernichtet, was ihm fremd oder verewigungswert erscheint, zerstört er die Grundlagen seines Lebens und letztendlich sich selbst. In der heutigen oberflächlichen Welt, der das Gefühl für Qualität abhandengekommen ist, machen die Bilder des US-amerikanischen Malers süchtig. Sie sind so vollkommen, so raffiniert komponiert und so grauenhaft schön, dass man sich von ihnen nicht lösen kann.

Walton Ford
Aquarelle
noch bis zum 14. August 2021
Galerie Max Hetzler
Bleibtreustraße 45, 10623 Berlin-Charlottenburg
Di–Fr: 10–18 Uhr, Sa: 11–18 Uhr, Mo: nach Vereinbarung
www.maxhetzler.com

Urszula Usakowska-Wolff

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