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Neon: Wie bei Saturn. Nur digital und eigentlich auch ganz anders

von Maximilian Wahlich (22.03.2022)
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CTM 2022 Exhibition Opening Kunstraum Kreuzberg/Bethanien Photo: Udo Siegfriedt / CTM 2022

Bei Zoom-Meetings sehe ich mich selbst die ganze Zeit in klein. Nach den ersten zwei Stunden beginne ich meinen Kopf zu stützen, halte ihn fest. Dann berühre ich meine Nase, zoppel am Bart, kratze am Ohr, als müsste ich mich seiner Formen, Oberflächen und Echtheit vergewissern.
Womöglich ist das der Beginn des Abtastens und Absicherns einer steten Ungewissheit über das Virtuelle und Reale. Lass uns doch mal darüber austauschen!

Mit der aktuellen Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg „Connected Alienation / Vernetzte Entfremdung“, die im Rahmen des CTM Festivals stattfindet, wird ein erster Schritt in diese Richtung gewagt. Sie zeigt künstlerische Arbeiten, die zwischen 2018 und 2021 entstanden sind und auf jeweils unterschiedliche Weise mit den pandemiebedingten Auflagen, Reise- und Kontaktbeschränkungen umgehen mussten.
Die Ausstellung unterteilt sich in den Hauptbereich und einen kleinen Projektraum im selben Gebäude. Im Projektraum befinden sich vier sogenannte „Bonus Tracks“. Der Hauptbereich wird szenografisch dominiert von drei mit verschiedenfarbigen Neonröhren ausgeleuchteten Gängen mit Hörmuscheln. Nachdem der erste gelb strahlende Gang durchschritten ist, befinden wir uns an einer Weggabelung – grün oder blau.

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CTM 2022 Exhibition Photo: Eunice Maurice / CTM 2022

Empfehlen würde ich zunächst den grünen Gang, der zu dem sechsteiligen Werkkomplex „Jump Cut“ der Choreografin Dana Gingras / Animals of Distinction führt. Für jedes Werk arbeitete Gingras mit anderen Künstler*innen zusammen, insgesamt werden über 25 Personen namentlich genannt.
Zu sehen sind die sechs Videoarbeiten auf großen Leinwänden, zusätzlich werden auf kleinen Bildschirmen Ausschnitte der dazugehörigen Zoom-Meetings öffentlich gemacht. Thematisch kreisen die Arbeiten um Körperlichkeit im digitalen, virtuellen oder öffentlichen Raum, und gleichzeitig handeln sie von der Zusammenarbeit und Verständigung mit digitalen Tools. „Jump Cut“ meint eine Art „Bildsprung“, das permanente Einfügen, Einsetzen kleiner Kacheln, die zusammengesetzt aus aller Welt und auf weltweit verstreuten Bildschirmen vereint sind. Sie alle teilen sich in diesem Moment den einen Link, diese spezifischen Zugangsdaten, den Kenncode und die Sprache (die ausgestellten Werke verlangen durchweg ein flüssiges Englisch).

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»Jump Cut« by Dana Gingras / Animals of Distinction Photo: Eunice Maurice / CTM 2022

So können wir beispielsweise für „Jump Cut #2“ den Erfahrungsaustausch zwischen Gingras, der Musikerin Marie Davidson, die sich beide in Montreal befinden, sowie der Pariser Videokünstlerin Sabrina Ratté mitverfolgen. Die fertige Videoarbeit macht den Entstehungsprozess und das technische Aufkommen spannenderweise auch selbst sichtbar. So switchen die Aufnahmen zwischen einem realen Bühneneinbau, auf dem ein Körper liegt, und seinem eingescannten Spiegelbild mit surrealen Verzerrungen, Verlängerungen und Spaltungen. Nicht zuletzt erscheint der Körper durch seine Dehnung und Teilung vollplastisch, wachsartig und „real“.

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»nerd_funk« by Ali Eslami & Mamali Shafahi Photo: Eunice Maurice / CTM 2022

Das erste Kunstwerk des blauen Gangs ist „nerd_funk“ der Künstler Ali Eslami und Mamali Shafahi. Es besteht aus einer VR-Arbeit (Virtual Reality) und einem Bildschirm, dem Maßstab eines Smartphones nachempfunden. Bei der VR werden die Besuchenden durch einen langen Tunnel geführt, wo ihnen unter anderem riesenhaft vergrößerte Pillen entgegen schwirren. Währenddessen wird die Musik im Hintergrund lauter, als nähere man sich dem Lautsprecher. Wir sind zur körperlichen Erfahrung angehalten. Mit den Controllern in der Hand und der verkabelten Brille auf dem Kopf sind wir wie ein Baby mit Fäustlingen. Ergreifen können wir nichts und die körperliche Erfahrung scheint immer wattiert, ausgestopft.
Auf dem Bildschirm sehen wir wiederum eine Reihe verfremdeter Gesichter. Das Künstlerduo hat über einen langen Zeitraum die Profilfotos und Selfies gesammelt: Der Kopf ist wie aus hundert Blasen verwachsen mit Abszessen, mit einer Mundhöhle auf der Stirn, verzerrt oder um die ikonische Hundeschnauze ergänzt. Virtuelle Räume wie Instagram ermöglichen die körperliche Expansion (Verwachsungen, Vervielfältigung), das virtuelle Anheften von Prothesen (Tierschnauze) oder die Vervielfältigung der Sinne (fünf Augen, fünf Münder). Diese neuartige körperliche Erfahrung wird als post-körperlich bezeichnet.
Ist das unser nächster Zustand? Womöglich.

Doch Ausstellungsbesuche wie diese werden noch nicht von meinem Avatar besucht. Noch gehen wir im Realen, ganz in „echt“ in diese Räume, und nur hier lassen sich die Videoarbeiten einsehen. Manchmal kratze ich mich am Kopf oder am Ohr, aber dann juckte es auch.

Werke unter anderem: Ale Hop, Dana Gingras / Animals of Distinction, Hugo Esquinca und Ibrahim Quraishi, Peaches, Alaska Thunderfuck, Hanna Schygulla, Marina Abramović, Lucrecia Dalt, Ana Quiroga, Noah Chomsky, Sarah Williams, Moises Horta und KMRU.

CTM 2022 – Connected Alienation / Vernetzte Entfremdung
29.1. – 27.3.2022

Kunstraum Kreuzberg
Mariannenplatz 2
10997 Berlin

U-Bahn Kottbusser Tor
Öffnungszeiten:
Sonntags bis mittwochs, jeweils 10 bis 20 Uhr
Donnerstags bis samstags, jeweils 10 bis 22 Uhr
Der Eintritt ist frei.
www.kunstraumkreuzberg.de
www.ctm-festival.de

Maximilian Wahlich

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