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Berlin Daily 15.04.2024
Kunstgespräche

15 Uhr: Welche Rolle spielt die Architektur einer Ausstellung? Ist es wichtig, woher ein Ausstellungsstück kommt? ... Haus der Kulturen der Welt | John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin | Counter im Sylvia Wynter Foyer

Stille Kunst als laute Stimme. MITbeSTIMMEn

von Katja Hock (28.05.2022)
vorher Abb. Stille Kunst als laute Stimme. MITbeSTIMMEn

Mehtap Baydu: Silence, 2018, Photo by Stefan Hirtz

MITbeSTIMMEn - MIT STIMME mitbestimmen, bereits Inhalt und Typografie des Ausstellungstitels treffen eine deutliche Aussage, was selbst dem nackten, gefesselten Individuum zur Verfügung stünde: die letzte Handlungsfähigkeit, sich mit der eigenen Stimme zu artikulieren und damit zu agieren.

Die Gruppenausstellung MITbeSTIMMEn in der Reihe VOICE:over der Galerie Nord/ Kunstverein Tiergarten in Moabit zeigt 23 Werke von zehn Künstler*innen mit transkulturellem Hintergrund, kuratiert von Marta Smolińska (*1975, Polen). Die Arbeiten thematisieren in den unterschiedlichsten Medien das Gehört werden und das Mitbestimmen. Was passiert, wenn unsere Stimme nicht mehr gehört wird, die Kommunikation gestört ist oder manipuliert wird?

„Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse*, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ (Art. 3 Abs. 3 Grundgesetz)

Mehtap Baydu verbildlicht klar und tiefgreifend, wie schnell man seine Stimme verliert. In dem Verbindungsflur zwischen den beiden großen Ausstellungsräumen wird das Performance-Video „Silence“ von 2018 mit den daraus hervorgebrachten Objekten präsentiert. In dem Video sitzt Baydu, umgeben von Publikum, an einem Tisch und rührt eine rosa Masse an. Ohne eine Interaktion mit den umherstehenden Personen streicht die Künstlerin die angerührte Silikonmasse auf ihren verschlossenen Mund mit Kinnpartie. Baydu lässt sie trocknen, zieht sie ab und bestreicht die Innenseite mit rotem Siegelwachs. Ein Abdruck entsteht. Mit einem Verband, wie bei einer schweren Verletzung, befestigt sie den Abguss ihres geschlossenen Mundes an den einer anderen Frau. Keine Worte, nur die bloße Handlung ist sichtbar. Mit der feuerroten Mundmaske geht die Frau in einen Nebenraum, die Künstlerin folgt ihr. Was bleibt, ist der Abguss eines festverschlossenen Mundes unter Glas, der neben der Videoperformance ausgestellt ist. In „Silence“ wird auf das „Mundtotmachen“ von Frauen in der Gesellschaft angespielt. Baydu thematisiert in ihren Arbeiten vor allem Geschlechterrollen sowie religiöse und politische Themen in multikulturellen Kontexten. Mehtap Baydu wurde 1972 in Bingöl, Türkei geboren, lebt heute in Berlin.


Manaf Halbouni: ECHOS, 2020, Photo by Halbouni

„Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ (Art. 5 Abs. 1 Grundgesetz)

Bei „Echos“, einer Mixed Media Installation von Manhaf Halbouni aus dem Jahr 2020, türmen sich 21 Radiogeräte auf. Manche sind alt, klobig und schwer. Aber auch kleine Geräte, die bei einigen zu Hause in der Küche stehen könnten, nehmen an der „Radio-Konferenz“ teil. Ihre Antennen sind ausgefahren, stehen in unterschiedlichen Richtungen ab. Aus einzelnen Geräten ertönen Lieder, Geräusche, Melodien wie bei einem Marsch. Halbouni spielt in seiner Installation auf das Medium Radio als Kommunikationsmittel an, das zunächst Informationsübermittler ist. Tagesaktuelle Neuigkeiten, Kurzreportagen, Interviews, beliebte und altbekannte Musik empfangen wir mit einem Knopfdruck. Über bloßen Funk ergibt sich eine Vernetzung mit vielen, auf die jeder, der kann, Zugriff hat. Doch das Radio ist anfällig, als Propagandamedium missbraucht zu werden. Mit Sprache und Musik schaffen es Diktaturen, die Bevölkerung zu beeinflussen und zu lenken. Mit der „Versammlung der Radiogeräte“ bekommt das komplexe Thema Kommunikationsmedien, vor allem die Assoziation von negativen Nachrichten, eine Art Komik, die die Schwere und die Tragik beschränkter Pressefreiheit konterkarieren. Halbouni wurde 1984 in Damaskus, Syrien geboren und setzt sich in seiner Arbeit mit der Kritik an globalen politischen Systemen auseinander.

„Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ (Art. 16a Abs. 1 Grundgesetz)
„Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind unter Strafe zu stellen.“ (Art. 26 Abs. 1 Grundgesetz)


Blickt man vom Gehweg in die großen Schaufenster der Galerie hinein, sieht man auf den Fensterbänken verteilt, kleine Haufen von Puzzleteilen. Ein Geduldspiel, das hier beim bloßen Anblick abschreckt: Jedes Teil wurde mit einem spitzen Nagel von der Rückseite durchbohrt. Das Motiv lässt sich nur noch durch den Titel der Arbeit erahnen: „Puzzle (Political World Map)“, aus den Jahren 2018/20, von Vitalii Shupliak (*1993 in Berezhany, Ukraine) beschäftigt sich mit Identität, den Folgen und Auswirkungen von Migration. Ein harmloses Legespiel, das nur zusammengesetzt ein Bild ergäbe, ist verteilt und nicht mehr nutzbar, weil allein der Versuch eine Verletzung bedeuten könnte. Alles zerrüttet, keine Einheit, kein großes Ganzes, sondern als einzelnes Teil gefährlich. Etwas, das eigentlich zusammengehört, aber nicht mehr zusammenfinden kann, weil es zerstört wurde. Selbst wenn die Nadeln entfernt werden, die Löcher und der Schaden bleiben.


Urban Art: Brot für die Welt, 2008, Photo by Stefan Hirtz

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.(...)“
„Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ (Art. 5 Abs. 1 u. Abs. 3 Grundgesetz)


Mechanisch langsam dreht sich das Objekt „Brot für die Welt“ (1991/2008/2022) wie ein Riesenrad im Raum und ähnelt dabei einer Funkantenne oder Satellitenschüssel. An Innen- und Außenseite der Felge, dicht hintereinander, sind Weißbrotscheiben befestigt. Das Künstlerpaar Urban Art, Anne Peschken (*1966 in Montreal, Kanada) und Marek Pisarsky (*1956 in Ruda Slaska, Polen), druckten mit schwarzer Farbe Stencil-Portaits auf die Toasts. Die Konterfeie von bekannten Persönlichkeiten, darunter vertreten Goethe, Kohl und Putin, rotieren im Rad. Mal sind sie oben, dann auf Augenhöhe oder stehen auf dem Kopf. Der Titel „Brot für die Welt“ eröffnet seine vielen Deutungsebenen. Brot als DAS Symbol essenzieller Nahrung oder seiner Bedeutung in großen Religionen. Doch verwenden Peschken und Pisarsky Brot als Kunstwerk und machen es als Nahrungsmittel unbrauchbar. Eine eingeschweißte Scheibe mit Persönlichkeit nach Wahl kann man zwar im Galerieshop käuflich erwerben, über ihre Genießbarkeit lässt sich streiten. Das Künstlerpaar spielt in ihren Arbeiten immer wieder mit der Wiederverwertung und der Umdeutung von Materialien.

Wir Menschen leben in Gemeinschaft, in der Kommunizieren elementar und lebensnotwendig ist. Ist freies Kommunizieren nicht möglich, können wir uns nicht entfalten, sind eingeschränkt und handlungsunfähig. Kommunikation geht jede*n etwas an. Sei es auf der sozialen Ebene, wie auf der politischen.
Die Ausstellung macht aufmerksam auf die Zustände in unserer Welt. Sie ist zugleich eine Aufforderung an den einzelnen, für die eigene Stimme sowie für die der anderen einzustehen. Und das bedeutet eben auch, einander zuzuhören.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ (Art. 1 Abs. 1 Grundgesetz)

MITbeSTIMMEn
13.4. bis 28.5.22
Galerie Nord / Kunstverein Tiergarten e.V.
Turmstraße 75, 10551 Berlin
Dienstag–Samstag: 12 bis 19 Uhr
Eintritt frei
website.kunstverein-tiergarten.de

Gruppenausstellung, kuratiert von Marta Smolińska, mit Werken von Mehtap Baydu, Manhaf Halbouni, Sejla Kameric, Michal Martychowiec, Timea Anita Oravecz, Ewa Partum, Vitalii Shupliak, Nasan Tur und Urban Art (Anne Peschken und Marek Pisarsky)

Katja Hock

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