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Berlin Daily 24.05.2022
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Wiederholt es, bis die Katastrophe einen Platz in euch findet. Anja Kirschner bei Fluentum

von Maximilian Wahlich (03.05.2022)


Wiederholt es, bis die Katastrophe einen Platz in euch findet. Anja Kirschner bei Fluentum

Anja Kirschner, UNICA,
Installationsansicht,
Fluentum, 2022.Animation:
Diana Gradinaru. Foto:
Stefan Korte


Inmitten ehemaliger NS-Bauten befindet sich heute der Ausstellungsort Fluentum, eine privat getragene Institution für zeitgenössische audiovisuelle Kunst. Derzeit ist hier unter dem Titel Unica der dritte Teil einer, seit einem Jahr stattfindenden, Ausstellungsreihe In Medias Res: Media, (Still) Moving zu sehen. Das historisch tradierte Gebäude ist Anlass für die Aufarbeitung und künstlerische Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur. Diesmal wurde die international renommierte Künstlerin und Filmemacherin Anja Kirschner eingeladen. Sie erhielt u.a. 2011 den Jarman Award, der für innovatives Filmschaffen verliehen wird.

Im Erdgeschoss der wuchtigen Eingangshalle und dem ersten Treppenabsatz wurden zwei große Bildschirme für die Zweikanal-Videoarbeit aufgehangen. Verbunden werden die Ebenen über einen riesigen Stoffwurm, eine Art ewiges Gedärm, in welches sich die Besuchenden hineinflätzen können.
Der Film in der Eingangshalle erzählt von zwei einander unabhängigen Passagen, die sich auf surreale Weise à la Unica Zürns (1916-1970) Erzählungen miteinander verweben. Die Schriftstellerin, Zeichnerin und Verfasserin zahlreicher Anagramme scheint selbst aufzutreten. Grete Gehrke spielt Unica B, die einen hautanliegenden Anzug zur Erfassung der Bewegungen in einem greenscreen trägt. Also einem Ort, wo die Umgebung erst nachträglich virtuell konstruiert wird. Aus dem Off kommen Order von einer maschinellen Stimme. Diese Anweisungen werden befolgt, Tabletten werden aus einem mit Neon-Band abgegrenzten Regal genommen, kleine Schwämme fungieren als Steine beim Übertritt eines, im Nachhinein eingefügten, Flusses. Alle Objekte dienen einer Funktion und sind als solche markiert. Befremdend wirkt der zielgerichtete Umgang von Unica B. Jeder Handgriff sitzt, es gibt keine Fehltritte und kaum ein Objekt wird zunächst untersucht. Unica B ist in der Rolle einer postapokalyptischen Vorkämpferin. Mit Schwert und strengem Blick fokussiert sie auf die markierten Objekte in der Halle ebenso wie auf ihre Feinde. Getestet, experimentiert und gespielt – Fehlanzeige. Schließlich ist ihre Vorgeschichte ein Endzeitszenario, womöglich ist sie die letzte Überlebenden nach dem Ende der Menschheit.

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Anja Kirschner, UNICA
(2022), Videostill.
Copyright Anja Kirschner.


Natur, eine anachronistische Form des greenscreen, der ebenso durchzogen ist von Spuren und Markierungen. Die Kämpferin stampft durch einen Wald und sammelt Bruchstücke. Sieht harmonisch aus. Doch sind diese Betonklumpen, Scherben, Fliesen, so der Text, Fragmente ehemaliger NS-Bauten, die den Grundstein Germanias ausmachten. Dieser Erzählstrang bindet die Videoarbeit konzeptionell an den Ausstellungsort.
Plötzlich hallt es durch den Wald: „Wir machen Mittagspause. Was möchtest du zum Mittag?“. Der Wald entpuppt sich zur virtuellen Illusion. Unica B steht vor uns, mit ihren blau lackierten Nägeln. Auch sie hat eine Mittagspause. Alles war gespielt, der Wald, der Kampf - eine postapokalyptische Computerspielwelt.
Sie wird angerufen, von ihrer Mutter Unica A (Gabrielle Scharnitzky). Unica A ist Künstlerin, zeichnet körperliche Metamorphosen von Organen, Tieren, Hörnern und Extremitäten. Sie liest laut Beschreibungen einer Anatomie. Sie sinkt in die Gedärme, suhlt sich knietief in der warmen, weichen Masse. Doch ist sie besorgt um ihr Kind Unica B. Sie träumt von einem Operationstheater, wo eine wundersam schöne Frau seziert werden soll. Scheinbar ist sie schon tot. Aber plötzlich schrumpfen Gliedmaßen, sie bekommt einen Schlangenkörper mit menschlichem Kopf. Ihr Zorn erweckt sie wieder zum Leben. Unica A fühlt die Wut in ihrem Traum, sie zerreißt die Innereien, das Weiche wird nun flüssig. Die Mutter hat Tränen in den Augen. Unica B hört ihrer Mutter ruhig zu, besänftigt sie, erdet den Albtraum.

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Anja Kirschner, UNICA,
Installationsansicht,
Fluentum, 2022.Animation:
Diana Gradinaru. Foto:
Stefan Korte


Der Treppenaufgang wird vom wulstigen Stoffgedärm begleitet. Oben angelangt, sehen wir einen Anime-Film, gezeichnet von Diana Gradinaru. Dieser zeigt Vorgeschichte, Abspann und Epilog des Traumes von Unica A. Ein kleines Kind gerät in Angst. Es rennt auf seinen Elternteil zu. Offensichtlich wird die Begegnung lange schon erwartet, sie gleicht einem Aufprall mit Erschütterung.
Sie lieben sich, sind füreinander da und verschmelzen zu einem Organismus. Kurz darauf, das Elternteil verschlankt sich zum Aal und fliegt wie Fuchur (Die unendliche Geschichte) über den Wolken. Das Kind scheint nun in Sicherheit.
Doch für wie lange? Wir wissen um den beunruhigenden Traum von Unica A. Womöglich wird sie bald ihr Kind verlieren. Erhält sie der Zorn am Leben? Die Optionen sind grausam und wiederholen sich stetig. Unica A, Unica B, die Vorkämpferin, das Mädchen im Traum, das Mädchen und sein Elternteil könnten allesamt dieselbe Person zu sein, bloß zeitversetzt, in parallelen Welten. Unheil gibt es überall.


Anja Kirschner
UNICA
April 27 – July 16, 2022

Fluentum
Clayallee 174
14195 Berlin

Opening hours:
May 6 – Jul 16, 2022
Fridays 11 am to 5 pm
Saturdays 11 am to 4 pm

www.fluentum.org

Maximilian Wahlich

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