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Berlin Daily 02.02.2023
Kooperative Stadt & Urbane Praxis

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Ein Winkel Rastlosigkeit. Amin El Dib in der Collection Regard

von Maximilian Wahlich (18.10.2022)
vorher Abb. Ein Winkel Rastlosigkeit.  Amin El Dib in der Collection Regard

Amin El Dib, „08/17“
Aus der Mappe/ from the portfolio „Leben vor dem Tod - Cain 2“/ „Life before death - Cain 2“, Jahr: 1993


Die Collection Regard zeigt in ihrem wohnlichen Ambiente in Berlin Mitte erstmals vollständig Amin El Dibs „Artaud Mappen“. Es handelt sich um ein Konvolut von sieben Portfolios mit schönen Analogfotografien, die in einem aufwändigen Negativverfahren entwickelt wurden.
Die Fotos entstanden in Zusammenarbeit mit der 1986 gegründeten Theatergruppe „Theater Artaud“. Obwohl sie nach den Theaterstücken benannt sind, dokumentieren sie nicht einfach nur ihre Produktion. Viel eher transportiert El Dib die Bühnenerfahrungen in ein neues Medium. Doch sind die Bilder nicht bloß eine fotogene Übersetzung des Theatergeschehens. Viel eher erzählen diese Bilder ein Stück Berlingeschichte.

Entstanden ist das Mappenwerk von 1989 bis 1993, vorrangig in Kreuzberg. Dort gründete sich das Kollektiv unter dem französischen Schauspieler Jean-Marie Boivin, der Musikerin Angelika Schindler und der Malerin Susanne Husemann, die in der Ausstellung mit Einzelporträts vorkommen. Aufgeführt wurden Stücke von Antonin Artaud (1896–1948) oder auch von Ezra Pound (1885-1972). Als Spielorte dienten unter anderem verlassene Baracken, das SO36, der Hamburger Bahnhof, aber auch das Künstlerhaus Bethanien.

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Amin El Dib, ohne Titel / untitled
Aus der Mappe/ from the portfolio “Die Reise... am Ende die Macht“/ „The Journey... at the End the Power“, Jahr: 1990-1991


Namensgebend war Antonin Artaud, der Theorieschriften wie „Das Theater und sein Double“ (1938) verfasst hatte und hier unter anderem sein Konzept zum "Theater der Grausamkeit" ausführte. Darin beschreibt Artaud eine neuartige Theaterauffassung. So soll das Leben zukünftig nicht mehr über trockene Textpassagen nachgeahmt werden. Fortan wird das Bühnengeschehen selbst als eigene Realität angesehen. Die Inszenierung wird zum Spektakel und gipfelt in einer rein sinnlichen Erfahrung. Höhepunkt ist der Rauschzustand, wo die Grenze zwischen dem Bühnen- und Publikumsraum einbricht. Dem Konzept zufolge koexistiert das Theater neben seinem Doubel, dem Leben selbst. Und das Leben skizziert Artaud in stimmlosen oder labernden Leibern.

Von dieser grausamen Ausformung unabhängig, zeigen Amin El Dibs Fotografien die sinnliche Ekstase, das rauschhafte Beben. El Dibs fotografiert Körper ausschnitthaft, ein Gesicht wird fragmentarisch porträtiert: Zu sehen sind Mund und Kinn, ein Auge, eine Hand bedeckt die Miene. Körper erscheinen angedeutet, wie hinter einem Schleier. Artauds formaler Dekonstruktion des Theaters gleichen El Dib teils gewaltsame Eingriffe in seine Motive. Manche sind geprägt von Brandspuren, sind angerissen, angeheftet, verformt und verklebt.
Fotografisch werden die Bewegungen auf der Bühne mit verschwommenen Konturen gefasst. Personen rennen aus dem Bildraum, es bleibt nur die Spur ihrer eben noch vorhandenen Agilität und Präsenz. Wovor sie wegrennen: Unklar. Trotz dieser ungewissen Unruhe sind die Fotografien leise. Bildflächen sind in größere Segmente eingeteilt. Innerhalb eines statischen Gerüsts ist stets ein Winkel Rastlosigkeit.

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Amin El Dib, ohne Titel / untiteld
Aus der Mappe/ from the portfolio “Im Schiff“/ „In the boat“


Die Ausstellung gliedert sich in insgesamt drei Räume. Mit ihrem soliden und minimalistischen Holzinterieur entsprechen sie der Kuration der Ausstellung: Die meisten Fotografien sind mittig auf die Wand gespannt, in einer Linie auf gleicher Höhe vor weißer Fläche. Ausnahme bildet die Seite gegenüber vom Türeingang: Hier sind die Fotos repräsentativ mit dichten Abständen in mehreren Reihen übereinander gehängt. Die Anordnung der Fotos ist unaufgeregt, die Räume wirken ruhig. Der Rausch ist fotografisch notiert, in diesem Setting aber auch gebändigt. Revolutionäre Stärke können sie hier kaum mehr ausstrahlen. Der Winkel Rastlosigkeit ist schmaler geworden, das Bildungsbürgertum schaut auf sein Berlin der 1980er und Nachwende-Jahre. Amin El Dib weckt Erinnerungen und macht mit seinen Bildern einen kleinen Teil vergangener Berliner Subkultur sichtbar.

Amin El Dib – Artaud Mappen
14.10 bis zum 31.03.2023
Jeden Freitag 14 bis 18 Uhr ( außer an Feiertage) und nach Terminvereinbarung

Collection Regard
Steinstraße 12
D-10119 Berlin
www.collectionregard.com

Führungen mit Amin El Dib und Marc Barbey am 14.10., 15.10., sowie am 25.11. und 27.01 jeweils um 17 Uhr. Eintritt frei. Reservierung/Voranmeldung: info@collectionregard.com

Maximilian Wahlich

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Ein Winkel Rastlosigkeit. Amin El Dib in der Collection Regard
Ausstellungsbesprechung: Die Collection Regard zeigt in ihrem wohnlichen Ambiente in Berlin Mitte erstmals vollständig Amin El Dibs „Artaud Mappen“.

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