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Berlin Daily 02.02.2023
Kooperative Stadt & Urbane Praxis

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Im Strudel der Märkte. Jens Lüstraeten und Mark Curran in der Villa Heike

von Maximilian Wahlich (25.10.2022)
vorher Abb. Im Strudel der Märkte. Jens Lüstraeten und Mark Curran in der Villa Heike

Aus der Serie Sunny Side Up, © Jens Lüstraeten

In der Lichtenberger Villa Heike sind aktuell zwei Ausstellungen zu sehen, die sich auf unterschiedliche Weise mit den Auswirkungen eines globalen Wirtschaftssystems befassen, das immer stärker aus dem Gleichgewicht gerät.

Unter dem Titel Sunny Side Up hängen im Foyer der Villa neun Arbeiten des Fotografen Jens Lüstraeten, die 2007 während seines Aufenthaltes in Las Vegas im Rahmen eines DAAD-Stipendiums entstanden. Die fotografierten Häuser der gleichnamigen Serie zeigen Varianten des amerikanischen Lebenstraums: Sauber gefegte Straßen, gepflegte Blumenrabatte, Sonnenwetter, penibel gemähte Rasenflächen, mehr oder weniger stilvoll Einfamilienhäuser. Hier irritiert kein weggeworfener Unrat den Blick, alles scheint seine Ordnung zu haben. Doch neben der Fotografie einer schmucken Vorstadtvilla oder eines netten hölzernen Landhauses folgt auf dem nächsten Bild eine leerstehende Baracke, ein baufälliges Gebäude, ein Verkaufsschild im Vorgarten. Die Sonne strahlt weiterhin, der dokumentarisch nüchterne Stil wird beibehalten, dennoch hat sich die Bildaussage subtil ohne großes Aufsehen gewandelt: die Orte wirken runtergewirtschaftet und damit für den kleinen Anleger und den großen Projektentwickler attraktiv. Ein halbes Jahr nach Lüstraetens Reise platze die Spekulationsblase, die Finanzmarktkrise vernichtete zahllose Existenzen. Heute, 15 Jahre später, wächst wieder die Illusion der unendlich steigenden Gewinne.

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Aus der Serie Sunny Side Up, © Jens Lüstraeten

Diese Blasen werden von dem wirtschaftlichen Gebaren gefüttert. Trotz aktueller Krise generieren große Unternehmen Gewinne. Doch werden die meisten Menschen als Ressource ins kapitalistische System eingespeist, als Hersteller*innen von Konsumgütern sowie als Konsument*innen.

Der zweite Ausstellungsteil nimmt diese Zustände unter die Lupe. In einem langwierigen Rechercheprozess spürt der Aktivist Mark Curran dem Investmentbanker nach. Currans Arbeitsmethoden ähneln denen der Recherchearbeit im Journalismus. So auch für sein Projekt The Market (2010-2019) – eine ethnografisch angelegte Multimediainstallation aus Fotografien, Video, einer algorithmisch erzeugten, leise rauschenden Klanglandschaft, Zitate aus Chatrooms der Trader, 3D Datenvisualisierungen sowie Abschriften der Aussagen.
Die Quellenlage liegt, in bis zum 50-seitigen Mappen gebunden, offen auf mehreren Tischen aus. Hier lassen sich die englischsprachigen Interviews mit Akteuren aus dem Finanzmarkt nachlesen, stellenweise geschwärzt und manchmal bis zur Unkenntlichkeit zensiert.
Doch egal wie viele Fäden in ein und dieselbe Hand laufen, Bänker*innen sind meistens doch nur Funktionär*innen und Täter*innen mit beschränkter Haftung. So erzählt dieser Ausstellungsteil vor allem von der Unzulänglichkeit des Finanzmarktes, der wohl dunkelsten Blackbox unserer Lebensrealität. Kaum jemand kennt seine Tücken oder kennt die Personen hinter den Strukturen.

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The The Market, 2010 -2019, © Mark Curran

Dem Einleitungstext nach zu urteilen, möchte diese Ausstellung über die Ungerechtigkeiten des Finanzsystems aufklären und den Strukturen ein Gesicht geben. Dazu sind großformatige Porträts von Bänker*innen zu sehen. Sie schauen die Betrachter*innen selbstbewusst an, wirken steif und geschützt von diplomatisch geübtem Businessenglish. In einer Vitrine sind Requisiten der Finanzwelt, namentlich der Deutschen Börse, wie ein archäologischer Fund ausgestellt. Sind dies Insignien des Erfolgs?
Das Wirtschaftssystem als eine Struktur, die so direkt nicht sichtbar doch omnipräsent ist, auszustellen, ist nicht einfach. Zudem ist der Finanzmarkt gespickt mit juristischen Raffinessen und Tricksereien, die kaum jemand versteht, die einem ganz spezifischen Idiolekt (Fachsprache) gehorchen.
Reiche Bänker*innen verraten in erwähnten Interviews vermutlich marktstrategische Entscheidungen und berichten über skrupellose Geschäftspraktiken. Doch sind genau die brisanten Stellen unleserlich gemacht worden. Trotzdem wird das Material wie in einem investigativen Bericht ausgelegt, ohne dass die Inhalte greifbar werden. Hätten die Interviews nicht auch besser zugänglich gemacht werden können? Performativer wie vor circa 5 Jahren im Haus der Kulturen der Welt das Kollektiv Rimini Protokoll das Davoser Wirtschaftstreffen reinszenierte?
Ebenso zeigte die Fernsehserie Bad Banks, dass Wirtschaft mehr als die aufgedruckte Zahl auf einem Stück Papier ist und auch über den bloßen Bargeldschein und trickreiche Vertragsklauberei hinausgeht. Vielmehr ist Wirtschaft der Handel, das Machen, aktive Arbeitskraft und Ausbeutung. Es profitieren ja nicht nur ganz konkrete Personen des Finanzsystems von diesen Strukturen. Ebenso können auch wir unsere gewünschte Auswahl an Tütensuppen verlässlich im Discounter kaufen.
Mark Curran wählte einen anderen Zugang. Nüchterne Fotografien von Anzugträger*innen in sterilen Räumen mit harten Kanten, gerahmte Ausdrucke von E-Mails und eher essayistische Videoarbeiten, die assoziativ wirken. Man hört eine Monolog, während Blätterrauschen zu sehen ist. Der Monolog handelt unter anderem vom unsozialen Finanzgebahren.
Doch gebrauchen konzeptionelle Arbeiten, die derart komplexe und weitgehend unbekannte Themenkonnexe behandeln, nicht meistens Erläuterungstexte?

Mark Curran: THE MARKET und
Jens Lüstraeten: Sunny Side Up 

19. Oktober – 12. November 2022

Mi - Sa 14:00 - 18:00 Uhr, und nach Vereinbarung
Eintritt frei 

Villa Heike
Freienwalder Str. 17
13055 Berlin
www.villaheike.org

Maximilian Wahlich

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