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Back to the roots? - ENTER_NATURE in der Galerie im Körnerpark

von Katja Hock (20.01.2023)


Back to the roots? - ENTER_NATURE in der Galerie im Körnerpark

traces, un ravel, 2022, © Carolin Seeliger


ENTER_NATURE in der Galerie im Körnerpark wirft einen Blick auf die Natur aus unserem digital geprägten Zeitalter heraus. Dabei verdeutlichen Werke aus den Bereichen der Malerei, Skulptur, Medienkunst und Performance die Sehnsucht und das Dilemma zum Sein in der Welt im Rahmen des globalen Fortschritts.

Entsprechend der Tastenkombination eines Systembefehls folgt dem Ausstellungstitel die Aufforderung, in die Natur ´einzutreten`. Doch in der Galerie im Körnerpark - einer ehemaligen Orangerie - wachsen schon lange keine Pflanzen mehr. Stattdessen nähert sich die Ausstellung ENTER_NATURE, kuratiert von Can Mileva Rastovic, über urbane Ansichten, laufende Displays und die den Raum durchdringenden Fragen: „Woher kommst du eigentlich? Ich meine, wo kommst du wirklich her?“ dem Thema. So wird Natur vor allem im Kontext gesellschaftlicher Konstrukte beleuchtet.

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traces, un ravel, 2022, © Carolin Seeliger

Am Eingang des langen Ausstellungsraums empfängt die Besucher*innen ein Netzgebilde aus unterschiedlichen blau-leuchtenden Schlingen. Un_ravel beeindruckt durch Umfang und Konstruktion - fünf große Strickknäule hängen wie Kokons von der Decke. Die Installation erinnert an Netze im Meer, die sich verheddert haben und sich an anderer Stelle auflösen. Einzelne Seile verbinden die Knäule miteinander und laufen in einem Webrahmen am Galerieboden zusammen - dazwischen hellblaue Gummimatten. Die Softsculpture von 2022 wurde vom Kollektiv Traces entwickelt. Kathrin Köster, Daniel Kupferberg, Marei Löllmann, Carolin Seeliger und Lee Stevens arbeiten gemeinschaftlich und entwickeln textile Gebilde, die in ihrem Entstehungsprozess die gemeinsame Erfahrung des Ausstellungsmachens spiegeln und zugleich den Raum als solchen neu bestimmen. Das Weben gilt dem Kollektiv als etwas Rituelles, das Menschen miteinander vernetzt. So erstaunt es nicht, dass Traces die Besucher*innen einlädt, ihre Installation weiterzuentwickeln, das heißt weiterzuweben. Das entstehende Gebilde erinnert immer mehr an ein rhizomartiges Geflecht, das durch seine Machart zugleich Platz für soziale Utopien bietet.

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Vitalii Shupliak, View, 2022, © Vitalii Shupliak

Vitalii Shupliak (*1993, Bereschany / Ukraine) setzt sich in View mit zeremoniellen naturbezogenen Ritualen zur Identitätsfindung auseinander. Wie ein Seitenaltar inszeniert, zieren schwarze Stabkerzen das Display der Videoarbeit. Teilweise sind von ihnen nur noch heruntergebrannte Stummel übrig, andere sind nicht einmal entzündet. Die Aufnahme aus dem Jahr 2022 zeigt einen Mann, oberkörperfrei, umgeben von Dunkelheit. Auf Höhe seiner Augen hat er schwarze Stabkerzen fixiert, deren Licht seinen Körper wie ein warmer Nimbus umgibt. Langsam bewegt sich die Gestalt auf ein Gewässer zu, geht vorsichtig hinein und taucht unter. Die dunklen Wellen verschlucken ihn samt Kerzenlicht. In der nächsten Szene wandert er im Schein der Flammen durch ein leer stehendes Gebäude. Die grauen Betonwände sind mit Graffiti beschmiert, und im Hintergrund ertönen Sirenengeheul und Motorengeräusche. Das zuvor andachtsvolle Kerzenlicht wirkt nun bedrückend. Shupliak (*1993, Ukraine), der vor allem performativ arbeitet, berichtet: „Manchmal muss Licht ins Dunkel gebracht werden, um sichtbare und unsichtbare Konflikte weiter zu enthüllen. Ständig in Bewegung – Ukraine, Polen, Deutschland – habe ich über die Quellen meiner eigenen Identität nachgedacht und mich für das Ritual der Kupala-Nacht interessiert. Inspiriert von diesem archaischen slawischen Feiertag, der die Sommersonnenwende als einen Übergang von Selbstreinigung und Erleuchtung, einen Einklang mit der Natur markiert.“

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Julia Beliaeva, Kapitolinischer Wolf, 2022, Foto: © Nihad Nino Pušija

Im Gegensatz zu Shupliaks Frage nach Identität, reflektiert Julia Beliavea (*1988, Haisyn Vinnytsia / Ukraine) das Verhältnis von Tradition und traditionellen Medien. Am Ende des Ausstellungsraums strahlt ihre kleine weiße Porzellanfigur: Capitoline Wolf (2021) zeigt eine weibliche Figur mit vielen Brüsten, die auf einem Felsen über zwei kleinen Wölfen kniet, um sie zu säugen. Im Gegensatz zu der Bronzefigur der „Kapitolinischen Wölfin“ aus dem 12. Jhd., die Romulus und Remus, die mythischen Gründer der Stadt Rom, säugt und aufzieht, wirkt die Porzellanfigur äußerst grazil und zerbrechlich. Und doch hat sie ihr Gewicht im Raum. „In der Vergangenheit haben Tiere die Menschen gerettet. Wird die Menschheit in Zukunft die Tiere retten?“ fragt Julia Beliavea.
Hinter der Skulptur hängt eine weitere Arbeit der Künstlerin. Das Bild Last Human Mother and Baby wirkt wie Naive Malerei und zeigt eine Mutter mit Kind in einem undurchdringlichen Wald, die versucht, das Kind vor unsichtbaren Gefahren zu schützen. Auch hier das Spiel mit Tradition und ihrer Verankerung in der Gegenwart.

Die sehenswerte Ausstellung ENTER_NATURE steht einmal mehr für die aktuelle Auseinandersetzung mit unsere Zukunftsängsten, der Sehnsucht nach Natur und unserer Hoffnungen, dass angesichts von Krieg und Klimakrise ein Ausweg gefunden wird. Dass dies kein einfaches Back to the roots? sein kann, zeigen die verschiedenen künstlerischen Positionen.

Künstler*innen: Julia Beliaeva, siddhartha lokanandi / Hopscotch Reading Room, Ting-Yun Kuo, Elif Saydam, Vitalii Shupliak, Niels Sievers, Traces, Luis Negrón van Grieken, Vitsche Culture Berlin

ENTER_NATURE
26.11.2022 – 22.02.2023

Galerie im Körnerpark
Schierker Str. 8, 12051 Berlin
Täglich 10-20 Uhr
Eintritt frei
galerie-im-koernerpark.de

Katja Hock

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