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Lost in the City

von Katja Hock (18.03.2023)
vorher Abb. Lost in the City

© Lena-Lotte Agger, Courtesy Urban Spree Galerie

Mal ehrlich, Berlin kann einen schon beim Tritt aus der Tür überfordern. Wunderlichkeiten, gepaart mit Wahnsinn, Lärm und rauer Herzlichkeit begegnen einem an jeder dritten Ecke. Dass diesem Zustand zugleich ein Reiz innewohnt, macht das Leben in dieser Stadt so faszinierend: Freitagabend Ecke Warschauer Straße: Business-Leute in Anzügen auf dem Weg in den Feierabend, Straßenmusiker*innen, die darauf warten entdeckt zu werden, Cliquen in schrillen Outfits bereit für eine lange Partynacht. Gleich nebenan: das RAW-Gelände mit seinen maroden Gebäuden, Imbissbuden, brüchigem Asphalt und unzähligen Schlaglöchern. Ein Ort, an dem die Gentrifizierung noch nicht Einzug gehalten hat und der Platz bietet für interkulturelle Projekte, Clubs und die Urban Spree Galerie.

Die aktuelle Ausstellung Lost in Time – Eine fotografische Exkursion in der Urban Spree Galerie greift einen weiteren Aspekt des Stadtlebens auf und zeigt Berlin von seiner einsamen, aber genauso obskuren Seite. Dazu halten sechs Fotograf*innen die Zeit an und geben intime Einblicke in (scheinbar) verlassene Orte und gesellschaftliche Randbereiche, die befremdlich und doch vertraut wirken.

Beim Betreten der Galerie dröhnt laute Musik, so als stünde man in einem Club. Rechts vom Eingang stapeln sich unzählige Kunstkataloge, Schallplatten, Poster und Prints. Ein Muss für alle Street-Art-Fans. Gegenüber auf der linken Seite kündigt eine schwarz gestrichene Wand mit weißer, geschwungener Schrift die Ausstellung Lost in Time an. Sie erinnert an ein Portal in eine andere Welt. Und es funktioniert: Im Gegensatz zum quirligen Verkaufsraum sind die Ausstellungswände weiß, klar gegliedert und in ein angenehmes Dämmerlicht getaucht. An der Decke schlängeln sich die Kabel durch den grauen Beton. Auf dem Boden rutscht man etwas, es riecht leicht rauchig. Berliner Industrial-Chic eben. An den großflächigen Wänden ist außer den Namen der Künstler*innen und ihren Werken nichts angebracht, nichts kann von ihren Arbeiten ablenken. Wir sollen uns in den fotografischen Welten verlieren. Wer mehr wissen will, kann eine Handreiche hinzuziehen.


© Norman Behrendt, Courtesy Urban Spree Galerie

Die Arbeiten von Norman Behrendt ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich. Die kleinformatigen Schwarz-Weiß-Bilder sind in Rundpassepartouts in dezenten Rahmen gefasst. Die Bilder wirken zart und zurückhaltend. Ihre Inszenierung erinnert an Grafiken aus vergangenen Zeiten.
Behrendts Serie Exit dokumentiert verschiedene Ecken Berlins, alltägliche Umgebungen, die durch geöffnete Notluken der Berliner U-Bahn gestört werden. Die Orte wirken verlassen, als seien ihre Bewohner*innen durch die Luke verschwunden. Der Ausschnitt eines Spielplatzes zum Beispiel wirkt wie eine Theaterbühne, eine Staffage des realen Lebens. Im Hintergrund die Reihenhäuser einer Familiensiedlung, davor ordentlich hintereinander geparkte Autos. Dann die Büsche und Bäume, die den Spielplatz mit einer großen Rutsche einrahmen. In der Bildmitte ist die große Bodenklappe weit geöffnet. Der dunkle Eingang führt ins Unbekannte, unter die Erde. Mystisch wirken die Orte mit ihren öffentlichen Verstecken und menschenleeren Räumen. Wir können nicht einordnen, was dort geschehen ist und geschehen wird. Behrendts Aufnahmen lassen uns im Moment der Ungewissheit verweilen.


© Anika Spereiter, Courtesy Urban Spree Galerie

Die Ungewissheit wechselt in Verwunderung: Anika Spereiter zeigt in ihrer Serie Lone Star einen unglaublichen Büffelkopf, US-Flaggen und Gewehre aus der Westernstadt „Old Texas“ in Berlin Spandau. Seit über 70 Jahren existiert dort ein Club, der sich eine Stadt in der Stadt geschaffen hat. Hier zelebrieren die Mitglieder die Idee des amerikanischen Westerns. Für die Mitglieder dient Old Texas als Rückzugsort von Alltag, Beruf und Großstadthektik, den Spereiter in Stadtausschnitten und Porträts festhält. Die Holzhütten sind farbig bemalt, idyllisch und idealisiert. Mit hölzernen Wagenrädern und dem Schädel eines Büffels erinnern die Aufnahmen an Postkartenansichten. Traditionelle Kleidung und alltägliche Ereignisse gehören ebenso dazu. So zeigt eine Aufnahme einen älteren Mann vor einem Erdwall in heller Lederkluft mit Fransen, breitem Gürtel und schwarzem Zylinder. Sein Luftgewehr hält er im Anschlag, bereit, in die Ferne zu schießen. Auf einem kleinen Klapptisch aus Holz neben ihm liegt ein zweites Gewehr. Umso bizarrer wirken der friedliche, strahlend blaue Himmel und die in die Jahre gekommenen Industrietürme im Hintergrund. Die Szenerie wirkt surreal: eine Sehnsucht nach einem Ort, den es in Berlin nie gegeben hat. Lone Star zeigt eine idealisierte, nostalgische Utopie eines kleinen, ausgewählten Kreises, der sich eine Welt in der unseren geschaffen hat. Wobei viele der Mitglieder weder in den USA noch in Texas waren.

Zurück zum Nachtleben, einer weiteren Form des Eskapismus und des Gefühls von Freiheit. Wir betreten die Clubszene physisch, indem wir einen schweren dunklen Stoffvorhang zurückziehen, der uns einen separaten Raum in der Urban Spree Galerie eröffnet. Schmal und komplett in schwarz gehüllt untermalt er die Serie Sleeping Beauties von Lena-Lotte Agger. Doch statt dicht gedrängter Menschenmassen, schwitzender Körper und lauter Musik sind die fotografierten Clubräume verlassen und hell erleuchtet. Der Titel spricht für sich: Agger nahm Sleeping Beauties während der Corona-Pandemie auf, als die Berliner Clubkultur zum Erliegen kam. Verschlossene Türen, leere Barhocker, die Tresen frei von halbleeren Flaschen und verschütteten Drinks. Keine Rückstände einer wilden Partynacht sind zu sehen, alles ist schön geordnet und aufgeräumt. Nur flirrende Discokugeln, bunte Neonröhren und ein prall gefülltes Spirituosenregal – ein Dornröschenschlaf, aus dem nicht alle erwacht sind.
Die Nacht als Zufluchtsort die Bewegung der Einsamkeit durch Straßenfotografie in surreale Nachtlandschaften in Berlins festhält.


© Lukas K Stiller, Courtesy Urban Spree Galerie

Beim Verlassen der Ausstellung werde ich wieder wach. Das Atmosphärische der erwähnten Arbeiten, aber auch die surrealen Nachtlandschaften von Lukas K Stiller oder der Moment des Einsamen und nicht dazu Gehörenden eines Romeo Alaeff verwandeln sich zurück in die laute, raue Großstadt. Obwohl jede Serie für sich steht, bildet Lost in Time ein großes Ganzes. Die Ausstellung spiegelt wider, was Berlin so gerne mit uns macht: Wir werden verschluckt, irren umher, kommen an den seltsamsten Orten mit den unterschiedlichsten Menschen vorbei und kehren doch wieder zu unserem eigenen Ort zurück.

Künstler*innen: Anika Spereiter, Lena-Lotte Agger, Lukas K. Stiller, Norman Behrendt, Olf, Romeo Alaeff

Zur Ausstellung ist ein Online-Katalog der Ausstellung mit allen ausgestellten Werken erschienen.

Noch bis 19. März 2023

Di-Sa 14:00-19:00
Eintritt frei

Urban Spree
Revaler Straße 99
10245 Berlin
www.urbanspree.com

Katja Hock

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