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Berlin Daily 05.08.2021
Ausstellungsrundgang

19 Uhr: mit Oliver Kossack und Künstleri*innen im Rahmen der Ausstellung This is not funny.
Galerie Nord | Turmstr. 75 | 10551 Berlin

Das Kunstkabinett Chrome Dinette von Orsten Groom in der Urban Spree Galerie

von Urszula Usakowska-Wolff (03.11.2020)
vorher Abb. Das Kunstkabinett Chrome Dinette von Orsten Groom in der Urban Spree Galerie

Orsten Groom – FORTSCHRITT IN DER PAPAGEISTIGKEIT from the CHROME DINETTE Series – Mixed Media – 160 x 215 cm

Es ist ein seltsames Gefühl, einem Menschen zu begegnen, der behauptet, schon seit 40.000 Jahren durch diese Welt zu wandeln. Er soll dabei gewesen sein, als die Felsbilder entstanden. Sie haben ihn damals so beeindruckt, dass er seit einigen Jahren solche Bilder, allerdings nur auf Leinwand, malt und dabei von einer übermenschlichen Kraft und Imagination beseelt zu sein scheint. Wie ein Detektiv spürt er den Mythen und Fakten der Geistesgeschichte nach, entdeckt merkwürdige epochenübergreifende Zusammenhänge, die er neu ordnet, vermischt und als eine aktuelle Auflage der Höhlenmalerei, auch Parietalkunst genannt, an die Wände der Museen und Galerien hängt. Der Mann, der sich als Künstler Orsten Groom nennt, ist mit vielen Talenten gesegnet. Er filmt, komponiert, musiziert, fabuliert und singt. In der Einzelausstellung unter dem Titel Chrome Dinette, seiner ersten in Deutschland, zeigt ihn die Berliner Urban Spree Galerie als leidenschaftlichen und zu allem bereiten Maler: als einen Poète maudit der bildenden Kunst.

Freud, Mund & Hund

„Alles, was existiert, ist schon da“, sagt Orsten Groom, dessen Künstlername in etwa Fossiler Bräutigam bedeutet. Der Auftrag, den er von der Malerei bekommen hat, ist, all die vergessenen oder nicht wahrgenommenen Dinge, welche im „Schlamm“ (bei dem es sich wohl um den Urschlamm handelt) versunken sind, auf die Oberfläche seiner Gemälde zu holen. Er sieht sich als ein Medium der Malerei, die ihm zuletzt befohlen hat, Moses, Sigmund Freud, dessen Wiener Diwan, Teppich, Mund und Hund, Polke-Dots, Frank Zappas Song Sofa No. 2 (der mit den Zeilen Ich bin der Chrome Dinette… Und du bist mein Sofa), Picassos Porträts, Pharaonen, gehörnte Propheten, Marionetten, Dämonen und andere Menetekel auf die Leinwand zu bannen. Das klingt alles sehr verwirrend, ist aber zugleich amüsant und frappant. Orsten Groom spielt genüsslich mit Motiven und tradierten Vorstellungen, die er „in einem Hexenkessel kräftig mixt“. Da er „aus den Höhlen kommt“, ist ihm in der Malerei die Perspektive zuwider. Seine Bilder sind flach wie ägyptische Reliefs und tief wie orthodoxe Ikonen, und es entsteht der Eindruck, dass sie aus mehreren Schichten bestehen. Beim genauen Hinsehen scheinen sie peu à peu durch.


Orsten Groom - NACHSPRECHEN - 210 x 310 cm - Oil on Canvas - GXXI

Eine Höhle mit zwei Sälen

Orsten Groom liebt den Horror vacui. Jeder Millimeter seiner meist großformatigen Tableaus (die diese Bezeichnung sowohl im bildnerischen als auch im literarischen Sinne verdienen) ist mit Farben, Formen und häufig mit Schriftzügen in Hebräisch, Deutsch oder einem babylonischen Sprachgewirr gefüllt. Und trotzdem wirken sie nicht überladen, denn wenn das Auge sich an ihre ornamentale Pracht und malerische Wucht gewöhnt, kann es die Sujets einigermaßen zuordnen und sich über viele Déjà-Vus freuen. Formal knüpfen seine Bilder an die großstädtische Streetart mit ihren Murals, Graffiti und Paste Ups an, doch sie sind mitnichten plakativ und transportieren keine einfachen, auf Anhieb verständlichen Botschaften.
Grooms Gemälde verwandeln die Urban Spree Galerie in eine Höhle mit zwei Sälen, von denen der eine hell und der andere dunkel ist. Das Thema seiner Kunst ist die Kunst, aber auch ein Spiel mit Assoziationen, die sich ihm aufdrängen, wenn er sich gezwungen fühlt, zum Beispiel Sigmund Freud zu malen. Die imposanten Arbeiten aus der dem Vater der Psychoanalyse gewidmeten Serie Chrome Dinette hängen im ersten Saal und muten wie ein 17-teiliges Fresko macabresco an. Die anderen 13 leuchten im Dunklen von den Wänden wie die Glasfenster einer Krypta. Sie wirken viel abstrakter als die Freud´schen Bilder, häufig sind darauf Skelette oder Körperteile zu sehen. Das will heißen: Memento mori! Alles zerfällt zu Asche und Staub, so geht der Totentanz munter weiter.


Orsten Groom - TOPSY CHOW CHOW, from the CHROME DINETTE series - Mixed Media - 160 x 215 cm - GXXI

Sieg MHund und Mosaik Moses

Womit bringt Orsten Groom Freud in Verbindung? Vor allem mit seinem mit orientalischen Teppichen geschmückten Wiener Diwan, jener legendären Coach, auf der die Patienten lagen und sich wohl fragten: Diwan, Diwan … Weißt du, wer bin ich? Dann mit der Chow-Hündin Topsy (welche seiner Schülerin, der Psychoanalytikerin Maria Bonaparte gehörte), die 1935 an einer Geschwulst der Lippe erkrankte, während Freud schon seit langem an einem Mundhöhlentumor gelitten hatte. In der Welt, die sich der Pariser Künstler ausmalt, hängt das alles zusammen, was in der Wortschöpfung gipfelt: Sieg MHund. Zwei einsilbige Worte: Mund und Hund werden zu einem einsilbigen Wort. Und weil Freuds letzte Schrift, die er kurz vor seinem Tode 1939 im Londoner Exil veröffentlichte, Der Mann Moses und die monotheistische Religion hieß, entsteht daraus die Kausalkette Mosaik, Mosaismus und Monotheismus. Darüber hinaus spekuliert Groom ähnlich wie Freud darüber, ob Mose womöglich ein ägyptischer Doppelgänger war. Abgesehen davon hatte er auch ein Problem im Mund: Er stotterte, konnte sich nicht verständlich artikulieren und führte, wie ein jüdischer Witz besagt, sein Volk ins gelobte Land Kanaan statt nach Kanada.

Penisse, Papageien & Pulcinella

Bei der Gestaltung seiner Höhlenbilder, die er vorwiegend mit Komplementärfarben malt, bedient sich der 1982 in Französisch-Guayana als Simon Leibovitz-Grzeszczak in einer jüdisch-polnisch-litauischen Familie geborene Künstler verschiedener Quellen: aus Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte. Immer wieder tauchen kindliche Figuren und Blumen aus Henry Dargers Vivian Girls, Uhren, Penisse, Sonnen, Hunde, Schweine, Eulen, Papageien, Pulcinella, dessen Maske und Mütze auf. Orsten Groom ist ein Meister der Collage, die er aus Versatzstücken konstruiert. Er zeigt das Leben, die Kunst und die Sprache als eine fortwährende Maskerade und Metamorphose. Wie sieht das Gesicht unter der Maske aus? Oder ist es so sehr mit der Maske verwachsen, dass beide zu einer grotesken Einheit verschmelzen? Was geschieht, wenn die Masken dennoch fallen? Das sind Fragen, die der Künstler in seiner Malerei stellt, und er scheint die heutige Situation vorausgesehen zu haben, denn die meisten seiner 30 Bilder, die er in der Urban Spree Galerie präsentiert, stammen aus der Vor-Covid19-Zeit. So ist der Fantast in Wirklichkeit ein Realist, denn nur die Fantasten können antizipieren, was in nahen und ferner Zukunft geschehen könnte.


Orsten Groom -ABRACADABRA - Oil on Canvas - 220 x 220 cm - GXXI

Diwan, Diwan, wer ist der Mann?

Es fällt auf, dass Orsten Groom ein Faible für die Sprache hat: Er ist einer, für den offensichtlich das Wort am Anfang steht. Viele seiner Arbeiten sind Bildgedichte, die er mit der magischen Formel Abracadabra auf die Leinwand zaubert. Was verbirgt sich, was steckt in einem Wort? Wie kann man ihm eine neue Bedeutung verleihen? Das sind Dinge, die den Künstler umtreiben, weil er auch ein visueller Poet ist. So erfindet er zum Beispiel den Begriff Nihil Perpetuum (ein Konstrukt aus Nihil Novi – Nichts Neues und Perpetuum mobile). Drei Papageien, von denen der größte einen Judenstern auf der Brust trägt und auf einen doppelten Hitler blickt, verkörpern den Fortschritt in der Papageistigkeit. Grooms ausufernde Fantasie kennt keine Tabus und keine Grenzen, in seiner Malerei ist alles möglich. Sie ist ketzerisch und lyrisch, morbid und heiter, düster und farbig, makaber und voller schwarzem Humor. Sie ist Ausdruck einer zügellosen mentalen und künstlerischen Freiheit. Weil er ja das Motiv des Doppelgängers so liebt, stellt sich mir die Frage: Diwan, Diwan, wer ist der Mann Orsten Groom? Ein Double von Simon Leibovitz-Grzeszczak? Oder umgekehrt? Vielleicht beide in einem? Um Arthur Schopenhauer zu zitieren (der übrigens auch Herrchen mehrer Pudel war): Alles ist nur in der Erscheinung verschieden – dem Wesen nach ist alles eins.

Orsten Groom
CHROME DINETTE

Urban Spree Galerie
Revaler Straße 99, 10245 Berlin

bis 23. Januar 2021
Mi–Fr 14–19 Uhr; Sa–So 12–19 Uhr
http:/www.urbanspree.com

Urszula Usakowska-Wolff

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