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Die Heimlichmaler

von Frank Lassak (05.04.2024)
vorher Abb. Die Heimlichmaler

Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid, Courtesy Galerie Tammen, Foto: Holger Biermann

Mehr als drei Jahrzehnte lang haben sich Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid in ihrer „Kunstzeitung“ mit der Branche auseinandergesetzt. Was niemand wusste: Zeitgleich schufen sie gemeinsam ein künstlerisches Ouevre. Einen Ausschnitt daraus zeigen die beiden aktuell in der Berliner Galerie Tammen. Frank Lassak hat das geheime Künstlerpaar interviewt.

Frank Lassak: Frau Lindinger, Herr Schmid, was verstehen Sie unter Kunstbetriebskunst?

Karlheinz Schmid: Der Begriff entwickelte sich aus unserer journalistischen Praxis heraus. Wir haben den internationalen Kunstbetrieb viele Jahre beobachtet, analysiert und kommentiert. Und irgendwann wurde uns klar, dass wir die Erkenntnisse nicht nur redaktionell, sondern auch in Form von Kunst umsetzen müssen.

Frank Lassak: Vom Kritiker zum Künstler – oft läuft die Entwicklung anders herum.

Karlheinz Schmid: In der Tat. Vergleichbare Positionen sind mir übrigens nicht bekannt. Womöglich liegt es daran, dass der Kunstmarkt einem Dickicht gleicht, das selbst für Insider nicht so einfach zu durchschauen ist. Insofern hat uns der kleine Vorsprung vor jenen, die sich in der Branche weniger gut auskennen, wohl auch zu dem Schritt ermutigt.

Frank Lassak: In der Kunstzeitung und im Informationsdienst Kunst haben Sie nicht mit Kritik an der Branche und deren Akteuren gespart. Wie viel davon ist in Ihre Werke eingeflossen?

Karlheinz Schmid: Relativ viel. Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte haben wir uns in diversen Werkgruppen immer wieder Teilbereiche des Marktes vorgenommen, die uns aufgefallen sind. Einer dieser Bereiche war die Transparenz. Wir haben beobachtet, wie die Mächtigen im Kunstbetrieb ihre eigenen Kriterien aufstellen. Interessant waren etwa die Fragen, weshalb Galerien einen Künstler oder eine Künstlerin vertreten oder nicht, und warum Leute ganz selektiv die Werke bestimmter Kunstschaffender sammeln und wertschätzen. Das alles betrachteten wir von außen, also mit Distanz zum Kunstbetrieb, und konnten überdies viel Insiderwissen und Nähe zum Markt in unsere Werke einfließen lassen. So entstanden beispielsweise die Rankings, die man in einigen Bildern sehen kann. Damit haben wir quasi den Spieß umgedreht, uns selbst zu Mächtigen gemacht und Bewertungskriterien aufgestellt. Wir vergaben Sterne für die Performance von Sammlern oder Galerien – und übten auf diese Weise in den Bildern ein wenig Macht aus.

Frank Lassak: Sie haben aber nicht um Erlaubnis gebeten, sondern es einfach getan. Gibt es Feedback von jenen, die Sie in den Gemälden benannt haben?

Gabriele Lindinger: Bisher noch nicht, da wir die Bilder gerade zum ersten Mal zeigen. Es kann aber passieren, dass der eine oder die andere sich meldet, sich beklagt oder vielleicht sogar eine Arbeit erwirbt, sie also vom Markt wegkauft, damit sie nicht mehr öffentlich gezeigt werden kann.

Frank Lassak: Sodass sie keinen Schaden mehr anrichtet?

Gabriele Lindinger (lacht): Neo Rauch wurde während der Vernissage mit einem Handyfoto unserer Arbeit über ihn beglückt. Vielleicht reagiert er demnächst darauf und sagt: „Um Gottes Willen, was soll das? Ich arbeite doch ganz anders!“

Karlheinz Schmid: Wobei wir natürlich nicht die Handschrift von Künstlerkollegen und -kolleginnen kopieren wollten. Es geht in der Werkgruppe vielmehr um die Frage, weshalb in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen begannen, Künstlerinnen und Künstler nach Namen oder Gehör zu sammeln – und nicht mit dem Auge die Qualität der Kunst erkennen. Gerade das ist uns aber wichtig: dass es in der Malerei um Malerei geht und nicht um Marken oder Namen. Und dass man aufpassen muss, dass die Aktie Kunst nicht zum schnöden Wertpapier verkommt, sondern zwar als Kapitalanlage gesehen werden darf, aber immer wieder an die Wurzeln zurückführen muss und die Frage beantworten sollte: „Was ist denn eigentlich Kunst?“.

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© Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid, Ausstellungssicht Galerie Tammen, Courtesy Galerie Tammen, Foto: Holger Biermann

Frank Lassak: Was ist denn eigentlich Ihre Kunst?

Karlheinz Schmid: Für uns ist es die direkte Auseinandersetzung mit dem Kunstbetrieb. Das ist unser Background, das ist unsere Legende, unser Leben. Und aus diesen Biografien, aus diesem Fachwissen, das wir im Lauf der Jahrzehnte gesammelt haben, können wir schöpfen. Mit diesem Pfund wollen wir wuchern. Das tun wir nun und zeigen eine kleine Auswahl unserer insgesamt 200 gemeinsam produzierten Arbeiten.

Frank Lassak: Wie viel davon ist Parodie, wie viel ist Aneignung?

Karlheinz Schmid: Humoristische Momente gibt es selbstverständlich in den Arbeiten.

Gabriele Lindinger: Die kommen ja auch so rüber. Doch für uns war es immer bierernst, ganz ehrlich, auch die „Classic to go“-Arbeiten. Da kann man im ersten Moment vielleicht ein Augenzwinkern sehen. Uns ging es aber um Folgendes: Echte Klassiker kannst du dir als Durchschnittsverdiener gar nicht mehr leisten. Entweder hängen sie im Museum oder sie kosten unglaublich viel Geld. Wir haben also gesagt: Okay, wir drehen das jetzt; wir machen „Classic to go“, das heißt, wir packen die Werke in eine Tüte, und jeder kann die Tüte kaufen, mit nach Hause nehmen und an die Wand hängen.

Karlheinz Schmid: Wir wollten erreichen, dass sich mehr Menschen mit den Inhalten auseinandersetzen, die in der gegenwärtigen Malerei und in der Moderne beziehungsweise Postmoderne stecken. Es geht nicht darum, dass sie sich mit einem Andy Warhol oder mit einem Lucio Fontana befassen. Die Personen selbst sind hinlänglich in der Kunstgeschichte beschrieben worden. Es geht vielmehr darum, dass sie sich mit der Frage auseinandersetzen, warum ausgerechnet diese Künstler so wichtig sind und was ihre Arbeit ausmacht – ob nun jemand etwa aus der ZERO-Bewegung kommt oder aus der Pop-art wie Andy Warhol. Das sind Fragen, die einen ganzen Kosmos von weiteren Themen bieten. Und das ist der Punkt, an dem wir einsteigen: nicht kopieren, nicht nachmachen, sondern eine Basis liefern, auf der sich die Menschen mit bedeutenden Kunstwerken auseinandersetzen.

Frank Lassak: Sie sagen, nicht kopieren, nicht nachmachen – soweit klar. Wenn ich mir aber die „Classic to go“-Tüten anschaue, denke ich sofort: Das ist doch „im Stil von ...“.

Gabriele Lindinger: Klar, aber auf der Tüte steht gut sichtbar: „Lindinger + Schmid“. Es ist also erkennbar, wer das Bild gemalt hat.

Frank Lassak: Haben Sie sich das vorher ausgedacht, die Serie mit Lindinger + Schmid zu branden?

Gabriele Lindinger: Ja, das war Konzept. Insgesamt sind 35 Arbeiten in der Serie entstanden. Mehr wird es nicht geben. Eine limitierte Markenedition von Unikaten sozusagen.

Karlheinz Schmid: Die transparente Tüte kommt übrigens nicht von ungefähr: Wir wollten natürlich nicht so tun, als könnte da beispielsweise ein kleiner Yves Klein für 900 € erworben werden. Man kann gut von außen erkennen, was wirklich in der Tüte steckt.


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© Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid, PRADA, 2008, 160x160 cm, Acryl auf Leinwand, Courtesy Galerie Tammen, Foto: Holger Biermann

Frank Lassak: Also auch Transparenz schaffen?

Gabriele Lindinger: Genau.

Frank Lassak: Zeigen Sie die Kunst in der Tüte ohne weitere Erläuterungen? Oder gibt es Texte dazu?

Gabriele Lindinger: In der Pressemitteilung stehen Erklärungen. Aber ich freue mich auch, wenn uns die Leute fragen, warum wir das so gemacht haben.

Karlheinz Schmid: Ich glaube, dass Menschen, die in der Kunst zu Hause sind, sofort verstehen, was wir getan haben. Kasper König etwa war kaum zwei Minuten in der Galerie und hat sofort die Tüte mit dem Josef-Albers-Bild gekauft, weil ihm der Humor gefiel, der in der Arbeit steckt, wie er mir sagte.

Frank Lassak: Wie kam es dazu, dass Sie nach vielen Jahren des gemeinsamen journalistischen Schaffens zu Themen der Kunstwelt irgendwann bemerkten: Okay, jetzt müssen wir selbst ein bisschen Kunst machen?

Karlheinz Schmid: Der Funke sprang bereits über, als wir einander 1990 begegneten und kurz darauf ein Paar wurden. Aus der Beziehung erwuchs zunächst unsere verlegerische Zusammenarbeit, aber schon zu Beginn der 1990er Jahre haben wir angefangen künstlerisch zu kooperieren. Einige der Arbeiten, in denen wir uns kritisch mit dem aufkeimenden Rechtsextremismus auseinandersetzten, wurden damals im Kunstmagazin „Zyma“ veröffentlicht.

Gabriele Lindinger: Mit der gemeinsamen Malerei haben wir allerdings erst Anfang der 2000er Jahre begonnen. Das geschah nicht von heute auf morgen, sondern war ein sukzessiver Prozess. Je tiefer wir mit unserer journalistischen Arbeit in die Kunstwelt eindrangen, je mehr wir darüber erfuhren und uns damit beschäftigten, desto mehr versuchten wir, auch in Form von Gemälden diese Inhalte zu kommunizieren.

Frank Lassak: Gab es da Interessenkonflikte, auch wenn Sie die Werke nicht öffentlich gezeigt haben?

Karlheinz Schmid: Die gab es nicht, weil wir es heimlich taten. Selbst gute Freunde wussten davon nichts.

Gabriele Lindinger: Es gab freilich Momente, in denen unsere Tarnung beinahe aufgeflogen wäre. Die Mitarbeiter unseres Verlags fragten sich gelegentlich, weshalb so viele Pakete mit Leinwänden, Rahmen oder Farben angeliefert wurden. Einige Beschäftigte haben wir dann ins Vertrauen gezogen. Gezeigt haben wir die Werke aber in all den Jahren nie – weder in der Verwandtschaft noch im Freundeskreis. Niemand war eingeweiht.

Karlheinz Schmid: Es erschien uns hochproblematisch, auf der einen Seite über Kunst zu schreiben, also auch Kunstkritik zu machen, und uns gleichzeitig als Kunstschaffende zu bekennen. Darin sahen wir einen möglichen Interessenkonflikt. Aber 2023, als wir sowohl die Kunstzeitung als auch den Informationsdienst Kunst einstellten, waren wir plötzlich frei und haben gesagt, jetzt ist der Moment gekommen an die Öffentlichkeit treten. Wir baten Werner Tammen, sich die Arbeiten anzuschauen – und so kam es recht zügig zu dieser Ausstellung.

Frank Lassak: Momentan arbeiten Sie an einer neuen Werkgruppe: Porträts von Menschen aus dem Kunstbetrieb. Wer braucht solche Bilder?

Karlheinz Schmid: Es werden keine herkömmlichen Porträts sein, so viel kann ich verraten.

Frank Lassak: Eine Ahnengalerie der Kunst-Influencer aus den vergangenen Jahrzehnten?

Karlheinz Schmid (lacht): Malerei verführt aufgrund des Mediums nicht nur zu einer gewissen Großflächigkeit, sondern oft auch zu einer starken Sinnlichkeit. Im Moment sind wir auf dem Weg, die Dinge nüchterner anzupacken, die Inhalte mehr ans Journalistische zurückzuführen. Wir recherchieren viel zu den einzelnen Persönlichkeiten, setzen uns mit deren Geschichte und wichtigen Momenten beziehungsweise Einflussnahmen auseinander. Daraus gewinnen wir eine Art Informationsnektar. Den befreien wir dann vom journalistischen Ballast und verarbeiten ihn in den Bildnissen.

Frank Lassak: Und all das geschieht gemeinsam: das Recherchieren, das Extrahieren und das Malen?

Gabriele Lindinger: Absolut!

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© Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid, Diptychon, 2010, 105x210cm, Acryl auf Leinwand, Courtesy Galerie Tammen, Foto: Holger Biermann

Frank Lassak: Wie läuft das in der Praxis ab? Stehen Sie beide gleichzeitig an der Leinwand, wechseln Sie sich ab? Gibt es für Ihren Malprozess eine Choreografie?

Gabriele Lindinger: Für viele Betrachtende ist es vermutlich erstaunlich, dass diese Bilder funktionieren, obwohl sie von zwei Menschen gleichzeitig gemalt wurden. In der Geschichte der Malerei ist mir auch kein vergleichbares Duo bekannt. Diese Zusammenarbeit, die bisweilen auch zu Konflikten geführt hat, ist für uns beide allerdings ungemein reizvoll und verbindend.

Karlheinz Schmid: Unser Malprozess bedingt den fortwährenden persönlichen Austausch. Ohne intensive Kommunikation wäre es kaum möglich, zu einer Form zu finden, die dann am Ende stimmig ist. Natürlich gibt es Spannungsfelder in diesen Arbeiten ...

Gabriele Lindinger: ... was allein schon von unseren unterschiedlichen Temperamenten herrührt. Ich sage immer, ich bin viel Bauch, mein Mann ist viel Kopf. Logischerweise geht man mit unterschiedlichen Perspektiven an die Dinge ran, aber man muss den Punkt finden, an dem man optimal zusammenwirkt. Deswegen haben wir beispielsweise beim Malen der Diptychen oft die Seiten gewechselt: Einer hat links begonnen, der andere rechts. Dann haben wir die Positionen getauscht, und der eine hat am Bild des anderen weitergearbeitet. Irgendwann hatten wir den Punkt erreicht, an dem wir beide gleichzeitig an der ganzen Fläche malten. Heute könnte ich nicht mehr sagen, welcher Teil von mir stammt und welcher von ihm.

Karlheinz Schmid: Das zeigt auch, wie vertrauensvoll so eine Zusammenarbeit sein muss, sonst würde das gar nicht funktionieren. Denn man ist ständig in der Situation, sich auszuliefern, man entwickelt etwas und weiß genau: Die Frau oder der Mann an meiner Seite ist im nächsten Moment mit dem Pinsel da und wird das übermalen oder könnte es übermalen. Wenn einer die besseren Argumente oder die bessere Umsetzung hatte, dann haben wir das zugelassen. Diese Freiheit haben wir einander stets gegeben – und das hat den Malprozess hochspannend gemacht.

Frank Lassak: Ist das tatsächlich immer Freiheit gewesen? Für mich hört sich das sehr choreografiert an.

Karlheinz Schmid: Es steckt eher ein Wachstumsprozess in den Bildern. Das hat alles ein Konzept, aber keine ausgefeilte Choreografie. Wir haben zwar im Vorhinein gesagt, wir wollen die Handschrift beispielsweise von Cy Twombly oder Jasper Jones auf die Leinwand bringen. Wie sich das umsetzen ließ, haben wir aber erst während des Malens gemerkt. Wichtig und für mich sehr inspirierend war, dass wir offen und vertrauensvoll miteinander umgegangen sind.

Frank Lassak: Das klingt so, als wäre es mitunter nicht einfach gewesen, mit dem Malen aufzuhören, weil das Zusammenwirken so erfüllend war.

Gabriele Lindinger: Die schwierige Frage ist doch immer: Wann hört man auf? Wenn du nicht aufpasst, kannst du ein Bild auch totmalen. Doch selbst in diesem Punkt waren wir uns meist einig und mussten bloß gelegentlich ein oder zwei Nächte darüber schlafen. Irgendwann stellte sich dann zum Glück immer das Gefühl ein: Jetzt ist es fertig.

„Außer Konkurrenz“ Lindinger + Schmid, Malerei
9. Februar – 6. April 2024
Galerie Tammen, Berlin
www.galerie-tammen.de

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Titel zum Thema Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid:

Die Heimlichmaler
Die Ausstellung LINDINGER + SCHMID, "Außer Konkurrenz" in der Berliner Galerie Tammen läuft noch bis zum 6. April 2024. Frank Lassak hat das Künstlerpaar für art-in-berlin interviewt.

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