Kunstinstallation am Anhalter Bahnhof Berlin, 2025/2026
© Stiftung Exilmuseum Berlin, Foto: Dean Gold
Ich habe kein anderes Land. Ich bin hier zu Hause, das ist meine einzige Option.
Der britische Künstler Nathan Coley befasst sich in vielen seiner Werke mit Sprache, die er zum Leuchten bringt und in ungewöhnliche Kontexte versetzt: auf Fassaden, Brandwände, hinein in Gemälde. Meist sind es Worte und Sätze, die an sich belanglos scheinen, im Fließtext überlesen werden oder durch ihre Größe platt wirken. Erst durch das betonte Herausstellen, bekommen Begriffe wie „world“, „without“, „burn“ oder feel“ mit einem Mal Klarheit, werden entziffert und plötzlich beziffern sie einen Zustand, ein In-der-Welt-Sein. Das Wort ist hier, wie ich, wir sind da und verhalten uns zueinander. Eine Romanze, so zart wie der gehauchte Laut, der ephemere Lichtstrahl, der Schleier zwischen Bedeutung und Missverständnis.
„I Don’t Have Another Land“ ist eingeschrieben in die poröse Oberfläche. Der Schriftzug ziert den Eingang der Ruine des ehemaligen Anhalter Bahnhofs mitten in Berlin. Er ist Symbol für Flucht und Vertreibung. Von hier aus nahmen mit den Nationalsozialisten ab 1933 zahllose Menschen den Zug ins ausländische Exil. Ab 1941 wurden von hier aus über 9.600 Berliner Jüd*innen in Ghettos und Konzentrationslager deportiert. Initiiert von der Stiftung Exilmuseum Berlin, in Kooperation mit der Deutschen Bahn AG und der Heinz und Heide Dürr Stiftung erhält dieser historische Ort fortan einen zeitgenössischen Kommentar. Bis zur Eröffnung des Exilmuseums in der Fasanenstraße findet hier die Ausstellungsreihe „An der Ruine“ statt. Den Auftakt macht Nathan Coley mit einer Arbeit, die bereits an anderen Orten zu sehen war. Coley fand diesen Satz Mitte der 2000er als Graffito in Jerusalem. Durch die heutige Weltlage hat er eine andere politische Dimension erhalten: Aus ihm sprechen politische Flucht, brennend-globale Notlagen, virulente existenzielle Krisen und Kriege.
Trotz der Richtigkeit der Aussage, trotz der Strahlkraft der Worte, trotz der historischen Verankerung an diesem Ort: mittlerweile scheint die Phrase etwas blass. Ein abstraktes „Ich“ erinnert an die Einmaligkeit seines Landes, doch wer wird eigentlich adressiert? Wer fühlt sich angesprochen, wer soll erreicht werden? Genügen diese Worte, um zum Nachdenken anzuregen? Wäre heute vielleicht ein Satzzeichen nötig, eine klare Richtung im Satz – eine mitgeteilte Haltung? Doch die bleibt handzahm, um Gemeinsamkeiten zu betonen statt Differenzen zu provozieren. Konsens sollte doch sein, dass Flucht, Vertreibung, Exil immer verheerend sind – nicht nur für einzelne Personen. Wie können wir uns dazu verhalten? Wir können einen englischsprachigen Satz, wohlgemerkt ohne Übersetzung, an ein zerfallenes Gebäude neben einer Kreuzung hängen und die einzelnen Lettern zum Strahlen bringen. Wir könnten den Satz aber auch wörtlich nehmen und versuchen, ein Land zu sein, das Menschen willkommen heiß, das statt Worte zu formulieren eine Unterkunft für Menschen auf der Flucht baut.
8. November 2025 – 14. Februar 2026
"I Don't Have Another Land"
von Nathan Coley
Kunstinstallation am Anhalter Bahnhof








