Ausstellungsansicht: A Handful of Truths in a Mouthful of Lies. 2025. Foto: Silke Briel

Der Raum flammt rot, die Spuren des wässrigen Farbauftrags sind gut zu sehen, die Farbe scheint hastig an die Wand gebracht. Auf dieser Grundfläche liegen kraftvoll gestrichene Flächen in pastosem Gelb. Grüne Konturen skizzieren comichaft Pflanzen, Menschen und Tiere. Das raumgreifende Wandgemälde und vier weitere Arbeiten stammen von dem Künstler Arijit Bhattacharyya.

Die von Övül Ö. Durmusoglu kuratierte Ausstellung A Handful of Truths in a Mouthful of Lies ist Teil einer größeren Erzählung. In unterschiedlich medialen Formaten wie Lectures, Performances, Videos und Gemälden zeigt Arijit Bhattacharyya Formen von Widerstand und zivilem Ungehorsam, die er mit sozialpolitischen Themen wie Marginalisierung, Kolonisierung oder dem Anthropozän verknüpft.
Das erste Kapitel der Erzählung From Forests We Are And Forests We Will Be (dt.: Aus Wäldern sind wir entstanden und zu Wäldern werden wir werden) war 2023 im Kunstverein Braunschweig zu sehen. 2024 folgte ein Künstleraufenthalt im Artlink Dunree (Irland), wo Arijit Bhattacharyya The Whispering Sea“ (dt.: Das flüsternde Meer)entwickelte. Der dritte Teil A Handful of Truths in a Mouthful of Lies“ (dt.: Eine Handvoll Wahrheiten in einem Mundvoll Lügen) entstand im Rahmen der Artist Residency auf dem Künstlerhof Frohnau und ist nun im Ausstellungsraum des Programms Künstlerische Forschung im Wedding zu sehen.

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Ausstellungsansicht: A Handful of Truths in a Mouthful of Lies. 2025. Foto: Silke Briel

A Handful of Truths in a Mouthful of Lies lebt von harten Farbkontrasten, die rote Fläche glüht – lüstern. Darauf brennt das dick aufgetragene Gelb, während sich die grünen Linien wie Treibholz über die gestische rote Fläche ziehen. Reduziert auf die Grundidee basiert das Werk darauf, dass Menschen und Pflanzen sowie Menschen und Erde eng miteinander verbunden sind. Dazu verweist Arijit Bhattacharyya auf Recherchen der Aktivistin und Journalistin Amtus Stanislaus Kuyili. Sie befasste sich mit Menschen, auf denen während ihrer Haftzeit Pflanzen zu wachsen begannen. Konkret darauf referiert ein Video in einem hinteren Raum der Ausstellung. Dort wird das Polizeiverhör mit der Gewerkschaftlerin Tarulata Ghosh gezeigt, die mit weißen Blüten übersäht dasitzt und stoisch die bohrenden Fangfragen der Polizei beantwortet.

Pflanzlich-menschliche Mutationen stehen meist für eine heilsbringende, magische, wegweisende und mythologische Kraft. Häufig haben sie eine verborgene, irdische Macht verbunden mit starkem Bodenkontakt. Da schlagen Wurzeln tiefe Risse in den Boden, manchmal schlingen sie sich um die Beine des Bösen, dann bebt die Erde - und der Baum, das Gras, die Pflanze siegt. Arijit Bhattacharyya visualisiert eine andere Vision dieser Verbindung, ebenso stark, allerdings ohne zerstörerischen Impuls. Seine Pflanzenmenschen wirken ungelenk, etwas zu groß. Aus ihren Hüften, Knien, Beinen, Köpfen schießen die Sprossen, teils große Blätter in sattem Grün. Erschöpft hängen sie mitten im Bild, mit dem Kopf gen Erde. Vielleicht ist die Mutation derart anstrengend? Vielleicht sind sie sich ihrer so bewusst, dass es keiner aufgesetzten Geste mehr bedarf?

Arijit Bhattacharyyas Miteinander handelt von Mensch und Pflanze und zugleich von politischen und sozialen Verflechtungen. Seine Erzählung porträtiert eine schöpferische Wesensverwandtschaft: Zaghaft, sie muss gegossen werden, sie bedarf eines Narrativs der Wertschätzung.

In Kollaborationen mit: Rimil Umul Collective, Shubhangi Derhgawen, Faheem Hemboum, Amtus Stanislaus Kuyil und Jad Salfiti.

Arijit Bhattacharyya: A Handful of Truths in a Mouthful of Lies

6.12.2025-18.1.2026

Berliner Programm Künstlerische Forschung
Uferstraße 13, 13357 Berlin

Fr-So 12-7pm und nach Vereinbarung

www.kuenstlerhof-frohnau.de