Mehtap Baydu, Long Neck, 2015, Fine Art Print, © Mehtap Baydu

Noch bis ins Jahr 1919 blieb Frauen in Deutschland der Zugang zu einer staatlichen künstlerischen Ausbildung verwehrt. Bereits 1867 entstand jedoch der Verein der Berliner Künstlerinnen und Kunstfreundinnen, aus dem später der Verein der Berliner Künstlerinnen hervorging. Von Beginn an widmete sich dieser der Ausbildung und Ausstellungstätigkeit weiblicher Kunstschaffender. Heute vergibt der Verein bereits zum 13. Mal den Marianne-Werefkin-Preis. Dazu ist in der Kommunalen Galerie Berlin die begleitende Ausstellung zu sehen.

Der erste Eindruck in der Ausstellung ist geprägt von der Vielfalt der Werke, die 2025 für die Nominierten stehen. Nahe dem Eingang zeigt Käthe Kruse mit Leder überzogene Instrumente. Es handelt sich um Bühneninstrumente der Musikgruppe Die Tödliche Doris, mit der die Künstlerin früher auftrat und bekannt wurde. Durch den braunen Überzug erfährt nicht nur das Äußere der Instrumente eine Transformation, sondern auch ihr Klang. Erst im letzten Jahr widmete die Berlinische Galerie der Künstlerin eine Überblicksausstellung zu ihrem umfangreichen Werk.

Zentral in einem eigenen Filmraum ist die Videoarbeit Long Neck der diesjährigen Preisträgerin Mehtap Baydu zu sehen. Der etwa 18-minütige Auszug aus einer Performance zeigt die nackte Künstlerin, wie sie sich nach und nach in einen Kokon aus Wolle einstrickt. Kaum ein Handwerk ist so eng mit weiblich konnotierten Stereotypen verbunden wie die Arbeit mit dem Faden – ein Medium, das von Künstlerinnen weltweit immer wieder aufgegriffen, reproduziert und kritisch befragt wird. Baydus Cocoon erinnert dabei unweigerlich an eine Arbeit der Künstlerin Bea Camacho, die sich in Enclose vollständig in ein rotes Häkelgeflecht einhüllt – wie eine Raupe im Prozess der Verwandlung. Auch Baydus Arbeit verweist sowohl im Titel als auch in der Handlung auf diesen Zustand der Transformation. Das verwendete Textil besteht jedoch nicht aus einem einzelnen Wollfaden, sondern aus in Streifen geschnittenen Männerhemden. Die Künstlerin umhüllt sich schrittweise mit dieser Kleidung, eignet sie sich an und verknüpft sie im Strickprozess mit tradierten weiblichen Rollenbildern.

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Heike Kabisch, Andy, 2024, Acrystal, Pigmente, Ton, Stoff, Metall, © Heike Kabisch / Foto: Marjorite, Brunet Plaza, VG Bild-Kunst, Bonn

Von Rollenbildern und ihren fortlaufenden Verhandlungen zeugen auch die Arbeiten von Heike Kabisch. Sie verbindet das Thema Mutterschaft mit den Fantasmen der Tiefsee und lässt zum Beispiel in Skulpturen hybride Wesen aus Mensch und Seepferdchen entstehen – einer Knochenfischart, bei der die Männchen den Nachwuchs austragen. Die schützende Rolle des Elternteils gerät in dieser ozeanischen Neuverortung ins Wanken und lässt Kabischs sturmfarbene Skulpturen zugleich fragil, grotesk und romantisch erscheinen.

Großbrand, Überflutung, eine Natur aus dem Gleichgewicht geraten: Auch Beate Gütschow konfrontiert uns mit einer Welt aus den Fugen – diesmal jedoch mit unserer eigenen. Sie besucht Orte der Krise, nachdem erste Hilfe, Medienberichterstattung und öffentliche Anteilnahme längst weitergezogen sind, und dokumentiert fotografisch, was zurückbleibt. Ergänzend reflektiert sie ihre Aufenthalte in Texten, die tagebuchartige Züge tragen.
Mit Elevating Audrey Rose greift Ulrike Mohr eine Arbeit auf, die ursprünglich im Rahmen einer Performance aktiviert wurde. In der Kommunalen Galerie hängt das Holzkohlegewand, das die Tänzerin Audrey Rose Burden 2017 in Bewegung versetzte, nun statisch von der Decke. Unter dem rußschwarzen, federkleidartigen Objekt ist ein Spiegel platziert, der den Eindruck eines eingefrorenen Moments verstärkt. Die Kohle wird in Abwesenheit der Tänzerin ihres zeichnerischen Anwendungszwecks enthoben und verbleibt in einem Schwebezustand – stets kurz vor dem Abrieb am Boden.

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Nadine Fecht, Kulikunst_070-1, MULTITUDE — Die Vielen als Viele, 2024, Kugelschreiber auf Papier, © Nadine Fecht / Foto: Annette Kradisch, VG Bild-Kunst, Bonn

Wo Mohr Statik sichtbar macht, hält Nadine Fecht Bewegung fest. In überlebensgroßen Formaten zeigt sie Multitude – Arbeiten in Kugelschreiber auf Papier. Mehrere verschiedenfarbige Stifte werden gebündelt eingesetzt, sodass ein mäanderndes Geflecht aus Form und Farbe entsteht, dessen Dynamik sich dem schnellen Blick entzieht. Soziale Bewegungen, Instabilität, Handlungsstrategien, Machtverschiebungen, Kommunikation und Gleichzeitigkeit sind nur einige der Begriffe, mit denen Fechts Verhandlungen der menschlichen Existenz im sozialen Gefüge konnotiert sind. Mit ihrer Kleinteiligkeit führen diese Arbeiten am Ende der Ausstellung jene Vielfalt erneut vor Augen, die bereits zu mit dem ersten Blick in den Raum als leitendes Moment erfahrbar wird. Die Sichtbarkeit weiblicher Kunstschaffender bleibt dabei ein Aspekt, der damals wie heute nicht als selbstverständlich gelten kann, sondern kontinuerlich erkämpft werden muss.

Mehtap Baydu, Nadine Fecht, Beate Gütschow, Käthe Kruse, Heike Kabisch, Ulrike Mohr
13. Marianne-Werefkin-Preis 2025

26. November 2025 bis 15. Februar 2026

Öffnungszeiten: Di-Fr, 10 – 17 Uhr Mi 1 – 19 Uhr
Sa,So 11 – 17 Uhr

Kommunale Galerie
mit dem Verein der Berliner Künstlerinnen 1867 Hohenzollerndamm 176
10713 Berlin
www.kommunalegalerie-berlin.de