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Berlin Daily 23.02.2024
Performance von Anna Staffel

19 Uhr: im Rahmen der Eröffnung der Gruppenausstellung Wahrheit - Wirklichkeit - Realität. Verein Berliner Künstler e.V. | Schöneberger Ufer 57 | 10785 Berlin

Durch einander klarer

von Katja Hock (29.10.2022)
vorher Abb. Durch einander klarer

Elisa Jule Braun & Moritz Stumm, Heidegger´s Valley oder Techno & die 3 Narren, 2020, fortlaufend, still, Foto: Elisa Jule Braun & Moritz Stumm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

In der Kommunalen Galerie präsentieren die Kuratorinnen Hannah Kruse und Julia Heunemann in der Ausstellung „Tender Hooks“ Werke der diesjährigen 15 Stipendiatinnen des Künstlerinnenprojekts Goldrausch. „Tender Hooks„ auf Deutsch „Zarte Haken„ vereint als Ausstellungstitel die Ambivalenz der übergeordneten Thematik sprachlich. Hier das Sanfte, Zwanglose - dort das Starke, Beharrliche. Vielleicht alles kein Gegensatz, warum sonst der zusammenhängende Titel?

Die Ausstellung soll laut Kuratorinnen die subtile und flexible Vernetzung der Teilnehmerinnen untereinander, aber auch die Vernetzung eigener künstlerischer Auseinandersetzung und Herangehensweise mit der Welt demonstrieren. Mensch, Natur und Technik bilden die Grundlage der gezeigten Werke. Dabei wird mit Utopien, Erinnerungskulturen und verschiedenen Realitätsebenen gespielt, in die die Besucher*innen auf zwei Etagen von Objekt zu Objekt eintauchen.

Elisa Jule Braun präsentiert in Zusammenarbeit mit Moritz Stumm die Videoarbeit „Heideggers Valley oder Techne und die 3 Narren“. Auf zwei großen Bildschirmen kommunizieren wie aus Videospielen sich bewegende maskierte Figuren auf Schwäbisch, übersetzt ins Englische. Ab und zu taucht eine schwebende Büste auf, die zu den Beats mitschwingt. Die Arbeit hat etwas Absurdes und doch so Klares. Philosophie, Zugehörigkeit und Identität, Hightech-Industrie und Tradition treffen aufeinander und bilden ein humoristisches Konstrukt. Das fesselt, am liebsten würde man es sich immer wieder ansehen.
Brauns Arbeiten beschäftigen sich mit digitaler Technologie, massenmedialen Bildwelten und Lebensrealitäten aus urbanem und ländlichem Raum. Schnell wird klar, dass sich manches nur aus Tradition und Geschichte erklären lässt, wie absurd Tänzer*innen in Fastnachtskostümen in einem sterilen Studio wirken. Manches lässt sich nur im Kontext verstehen, und gleichzeitig liegt eine große Kreativität in den Momenten, in denen wir uns vom Zusammenhang lösen, befreien und zu Neuem kombinieren. Es braucht nicht das eine oder das andere, sondern beides, eben nicht immer gleichzeitig.


Ipek Burçak, Becoming Things 1, 2021, Performance Video, Videostill, Foto: Ipek Burçak, © VG Bild-Kunst, Bonn 2022

Zwei Beistelltische sind so verfremdet, dass sie an Ausgrabungsobjekte aus dem Moor erinnern. Die dreieckig geformten Tische mit ihrer schwarz-glänzenden Schicht, die alles überdeckt, erinnern an Teer. Die sich darauf befindenden kleinteiligen Objekte erkennt man nur noch an ihren Umrissen. Es ist Spielzeug: Fuchs oder Katzenfiguren und das Kinderspielzeug Minions. Regelmäßig erscheinen auf einem eingesetzten Display, in Gedankenblasenform, Sätze wie „Feeling closer to a rock than to a neurotypical person. Im Wechsel blinkt an der Seite eine kurze Erklärung auf, die beschreibt, dass die Minions neben Reptilien, Pflanzen und Bakterien zu den letzten Überlebenden gehören.
Ipek Burçak in Istanbul geboren, beschäftigt sich in ihren multimedialen Arbeiten mit nicht-menschlichen Erscheinungsformen und Neurodiversität. „Acient Toys, Short Affirmations“ spielt ein Szenario durch, das Melancholie, die Angst des Menschen vor dem Aussterben und sein Übermachtgefühl aufzieht. Gleichzeitig erweitert die Künstlerin unseren Blick, die gefestigte menschenzentrierte Realität zu verlassen. Die Vorstellung einer Welt ohne den Menschen wäre wohl für die Mutter Erde nicht das Schlechteste. Aus diesem Argument erwächst eine ansteckende Demut, sich einigermaßen zusammenzureißen.

Gegenüber der Arbeit Burçaks, ragt Katharina Reichs Installation „Depot 2022“ in die Höhe. Das Werk besteht unter anderem aus aneinandergereihten, umgedrehten Grabvasen, aufeinander gesteckten, knallorangenen Warnhütchen und einem Berg aus gleichmäßig übereinandergeschichteten Häkeldeckchen, die in einem schwarzen Plastikregal gelagert sind. Nach kurzer Irritation ist klar: Gleiches sucht Gleiches. Reich ordnet Gegenstände nach einer Ähnlichkeit, die uns im Alltag nicht ersichtlich wird. Das Umordnen der Dinge, die meist aus privaten Sammlungen und Haushalten stammen, entkleidet diese ihrer ursprünglichen Bedeutung und bietet Raum für eine Neudefinition, Herkunft und Geschichte. Katharina Reich, in Tjumen, Westsibirien geboren, findet die Gegenstände durch geometrische Ähnlichkeit und baut aus ihnen ihre sozialen Plastiken, die sich verstetigen. Ignorieren wir Zusammenhänge, nur weil wir ihr Erkennen nicht gewohnt sind?


Katharina Reich, Spitzendeckenturm, 2014-fortlaufend, Ausstellungsansicht Atelier, Berlin 2021. Foto: Katharina-Reich

In der Ausstellung verzahnen sich viele Welten miteinander und machen Lust auf eine Spielerei mit Lebensrealitäten. Mal sind sie etwas bedrückender und düsterer, mal voller Humor und Vergnügen. Es wirkt wie ein Tanz zwischen den Welten, mal spannungsvoll und reibend, dann wieder leicht wie eine Drehung. Die kuratorische Leistung besteht hier darin, dass die Zusammenstellung über ein bereicherndes Arrangement einzelner Objekte hinaus geht. Nicht im Nebeneinander, sondern unter dem Aspekt buchstäblich die einen Werke durch andere innerhalb einer Ausstellung immer wieder neu erforschen zu können, argumentiert für ein konstruktives Zusammenspiel starker Individuen in einem offenen Kollektiv – dafür, dass Vielfalt, Perspektivwechsel nicht nur Bereicherung, sondern vielleicht auch die Grundlage für Verständnis sein könnten. Tradition oder Progressiv? Um zu verstehen, braucht es beides. Eine Welt ohne den Menschen - gar nicht so schlecht? Dann besser anstrengen. Alte Muster machen uns blind? Suchen wir neue Zusammenhänge!

Seit 1989 fördert Goldrausch Bildende Künstlerinnen durch Qualifizierung und professionelle Vernetzung Chancengleichheit im Berufsfeld Bildende Kunst zu ermöglichen durch ein einjähriges Kursprogramm. Künstlerinnen bei dieser Ausstellung: Elisa Jule Braun, Ipek Burçak, Marta Djourina, Sarah Godfrey, Sophie Hilbert, Kristiane Kegelmann, Miji Ih, Sarah Loibl, Toni Mauersberg, Katharina Reich, Stefanie Schwarzwimmer, Babette Semmer, Stefania Smolkina, Anna Roberta Vattes und Constanze Vogt.

Tender Hooks – Goldrausch 2022
10. 09. bis 30.10.2022

Kommunale Galerie Berlin
Hohenzollerndamm 176, 10713 Berlin

Dienstag bis Freitag 10 bis 17 Uhr, Mittwoch 10 bis 19 Uhr, Samstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr
Eintritt frei

www.kommunalegalerie-berlin.de

Katja Hock

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